Informationszentrum

Erinnerung an die Kindheit im Kinderheim

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Gabriela Walde
Einfahrt ins ehemalige Makarenko, heute ein Wohnpark.  Links im Gebäude hat das neue Informationszentrum seinen Sitz. Rechts war die Pförtnerhaus. 

Einfahrt ins ehemalige Makarenko, heute ein Wohnpark.  Links im Gebäude hat das neue Informationszentrum seinen Sitz. Rechts war die Pförtnerhaus. 

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Bis Ende der 90-er Jahre befand sich in der Königsheide das größte Kinderheim der DDR. Ein Informationszentrum erinnert nun daran. Ein Treffen.

Berlin. Für Norman Trampe ist es ganz klar, was er hier will, er möchte seine „Vergangenheit aufarbeiten“. Er kam 1990 in die Südostallee, als einer der letzten im Kinderheim „Makarenko“, benannt nach dem russischen Kollektivpädagogen. Das 1953 eröffnete „Kinderkombinat“ in Johannistahl war nicht irgendein Heim, sondern eine Vorzeigeinstitution, die zeigen wollte, wie die Erziehung zum neuen sozialistischen Menschen läuft.
In der Zeit nach der Wende empfand Norman Trampe alles „sehr offen“, der riesige Speisesaal wurde aufgelöst zu Gunsten kleinerer Küchen in den Wohneinheiten. „Da mussten wir plötzlich den Tisch decken, und konnten beim Essen nicht mehr so viele Kinder sehen.“ Die Institution wurde 1998 geschlossen - nach 45 Jahren.
Wir treffen Norman Trampe (33) zusammen mit Harry Winkler (68) und Thorsten Liesicke (41) im neu eröffneten Informations- und Begegnungszentrum Königsheide (IBZ), nahe der S-Bahn Schöneweide. Die Räumlichkeiten werden durch den Investor der Anlage mietfrei zur Verfügung gestellt, die Betriebskosten teilen sich die Mitglieder. Vom Bundesministerium zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur kommt das Geld für die erste Ausstellung.

Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz

Trampe, Winkler und Liesicke haben eine Phase ihrer Kindheit im Makarenko verbracht - mit unterschiedlichen Erfahrungen und Erinnerungen. Um eben das für sich zu klären, engagieren sie sich im IBZ, das im ehemaligen Jugendclub untergekommen ist. „Wenn wir raus wollten, hatten wir am Pförtner vorbei unsere Geheimwege“, erzählt Liesicke. Inzwischen ist auf dem ehemals zwölf Hektar großen Gelände mit Schulgebäude ein lichter, großzügiger Wohnpark entstanden, die Reliefs an den Haustüren der früheren Kinderunterkünfte sind sorgfältig restauriert. 600 Kinder wohnten damals in der Anlage. 25.000 insgesamt, so die Schätzung, lebten hier temporär über die vier Jahrzehnte.
Seit zehn Jahren kümmert sich der Verein „Königsheider Eichhörnchen“ um die Schicksale der damaligen Kinder, sammelt Dokumente, Fotos und Relikte wie FDJ-Hemden. Es gibt auch Forschungsprojekte zusammen mit der Humboldt Universität. Eine kleine Auswahl davon ist in der Ausstellung zu sehen. Auch einige Stasi-Unterlagen sind dort einzusehen. Die Klarnamen sind geschwärzt, unschwer zu lesen ist, wie Erzieher bespitzelt wurde, ob sie im Sinne der sozialistischen Pädagogik handelten.

Heimkinder wollen Akten einsehen

Die Vorsitzende Sabrina Knüppel, die selbst nicht im Heim gelebt hat, sondern über eine Freundin zum Thema kam, kümmert sich um verschiedene Belange der einstigen Heimkinder. Für Thorsten Liesike soll sie die Akteneinsicht organisieren. Den 41-Jährigen treibt um, warum man ihm damals als Kleinkind nicht erklärte, dass zwei seiner Geschwister auch im Heim landeten. „Als ich größer wurde, fiel mir auf, dass ein Junge eine verblüffende Ähnlichkeit mit mir hatte.“ Fünf Jahre war er im Makarenko. In seiner Erzählung tauchen viel Ungereimtheiten auf. Oftmals wurden die wirklichen Gründe – Flucht in den Westen, Inhaftierung, Regimefeindlichkeit, Alkoholismus – den Kindern verschwiegen.


Knüppel erzählt, dass die Zeiten im Heim sehr unterschiedlich waren, was die Forschung erschwert. In den 50er- und 60-Jahre gab es überwiegend Kriegswaisen, danach hätten sich die Einweisungsgründe gewandelt. In den Anfangsjahren lebten im Makarenko auch Kinder von Diplomaten, Schriftstellern, Schauspielern und Mitgliedern des Zentralkomitees. „Das Heim galt als bestes, schönstes im jungen aufstrebenden DDR-Staat. Und so dachten viele, dass es gut für ihr Kind sei, weil sie sich aufgrund ihres Berufes nicht um das Kind kümmern konnten. Sie glaubten an den Sozialismus“, erzählt Knüppel.

Politisch heikel sei es 1961 mit den Mauerkindern gewesen, 1989 noch einmal 1989 mit den Wendekindern. In beiden Fällen ließen Eltern ihre Kinder im Osten zurück. Erziehern hätten ihr berichtet, erzählt Knüppel, dass sie damals an manchen Tagen nicht wussten, wie sie die vielen Kinder überhaupt unterbringen sollten.
„Neutralität gibt es ohnehin nicht, jedes Kind hat seine Erfahrungen, eine Geschichte und seine Wahrheit. Und das wollen wir sammeln“, sagt Alex Grimm vom Vorstand der Stiftung Königsheide. Wer aus einer kaputten Familien kam, fühlte sich im Makarenko womöglich aufgehoben. Wer aus einer funktionierenden Familie kam, dessen Eltern aus politischen Gründen im Gefängnis saßen, fühlte sich schikaniert.

Grundlage für die Recherche bildet die sogenannte Makarenko-Kartei, die alle Einweisungen verzeichnet. Sie liegt bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, aus Datenschutzgründen erhält Sabrina Knüppel allerdings bis jetzt keinen kompletten Zugang. „Komisch ist, dass Karten von Kindern mit einer schwierigen Vita häufig fehlen.“

Harry Winkler gehört zu den ersten Kinder, die 1953 in die Südostallee einzogen. Der damals Dreijährige erinnert sich noch daran, dass die Betten da waren, doch das Bettzeug fehlte. Winkler sagt, es hätte Unterschiede gegeben in der Erziehung und Behandlung, er war ein „Staatskind“, weil niemand mehr für in zuständig war. Er wurde öfters bestraft als andere, die noch Familie hatten, meint er. Die Strafen waren hart: Nachts auf dem Flur stehen, barfuß, Essensentzug, Missbrauch durch den Pionierleiter bei einigen Jungen, „alles dabei“, so Winkler. Er zeigt auf ein Gebäude draußen. „Haus 4 war das Vorzeigeobjekt, höherer Besuch oder westliche Diplomaten wurden dort hineingeführt.“

1961, mit 11 Jahren, wurde er in ein Heim für Schwererziehbare gesteckt. Die absurde Begründung: Fehlverhalten durch Einschmeißen einer Scheibe im Eingangsbereich der Schule. Vermutlich, so Winkler, lag es daran, dass er mit seiner Pflegemutter, die im Heim als Putzfrau arbeitete, an den Wochenenden nach West-Berlin rüberfuhr. Staatskompatibel war das natürlich nicht. Seine Eltern waren damals im Westen, das recherchierte er später im Heim für Schwererziehbare. Die Schlüssel hatte er beim Erzieher geklaut, um an seine Akte zu kommen. Ein Wirtschaftsverbrechen, so die Anklage. Sein Bruder wurde irgendwann in Norwegen adoptiert – Harry Winkler erfuhr das mit 45 Jahren.