Anja Guschak möchte da jetzt unbedingt mit hinein, obwohl sie kein Ticket hat. Eine unauffällige Lichtung im Treptower Plänterwald ist der Treffpunkt für eine Führung durch den alten Spreepark. Die sonnabends und sonntags je drei Touren sind häufig ausgebucht. „Das wird für mich wie eine Reise in meine Vergangenheit“, sagt die 45-Jährige, als sich für sie und ihre zwei Kinder der Zaun doch noch öffnet.
Eine Reise in die Vergangenheit
Es ist wie in einem Agatha-Christie-Krimi: Irgendwie scheint jeder der Anwesenden mit der Vergangenheit des dahinsiechenden Vergnügungsparks verwoben zu sein. Anja Guschak zum Beispiel fuhr mit den Klassenkameraden ihres Internats zum Rummelplatz im Grünen, als sie noch in Königs Wusterhausen lebte und der Kulturpark Plänterwald die größte Kirmes der DDR war. „Ich kann mich an eine mächtige Dinosaurierfigur erinnern. Wir fuhren Karussell und Riesenrad, am Abend gab es Musik – man hatte viel Spaß.“
Inzwischen lebt sie in Westdeutschland, ist nun aber auf Kurztrip in Berlin. „Ich wollte meinen Kindern noch zeigen, wo ich mich damals amüsiert habe.“ So ein Besuch habe zum Leben in der DDR dazugehört, sagt die 68 Jahre alte Doris Damm aus Lichtenberg. Sie hat ihre Schwester mitgenommen. „Zuckerwatte, Freunde treffen und alles billig. DDR eben.“

War der VEB Kulturpark Plänterwald einst ein Ort, um Alltag und Sorgen von sich zu werfen, legt man heutzutage dafür besser robuste Wanderkleidung an. Das 25-Hektar-Areal hat eine wüste Geschichte, und entsprechend sieht es auf dem großen Gelände auch aus. Jenseits eines grünen Metallzauns sind die Asphaltwege aufgeplatzt, Schlamm und Pfützen sind Zugaben des Berliner Sommers. Ein Dinosaurier liegt umgekippt im stoppelig braun-gelben Gras, auf dem Vorplatz einer seit 2014 brandbeschädigten englischen Miniaturstadt stapeln sich vermoderte Balken wie die Trümmer eines jahrhundertealten Segelschiffs. Das Verwaltungshaus am Toreingang hätte das Zeug zum Drehort der finalen Blutbad-Szene eines Horrorfilms.
Tourleiter Siegfried Hübner („Siggi“) hält eine alte Fotografie hoch. Bei der Eröffnung 1969 war der Park noch aus Beton. Darauf: die Fahrgeschäfte. Bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN geriet man fünf Jahre später darüber geradezu in Dichterlaune. Zum Foto von wohlig schaudernden Passagieren einer vorschießenden Hochtempobahn textete man 1974: „Rund ist die Welt und rund gehts auf der Bob-Bahn des Kulturparks im Plänterwald der DDR-Hauptstadt Berlin.“ Auch „Programme zum 1. Mai und zum Nationalen Jugendfestival“ gehörten zum Plänterwald.
Abenteuerliche Geschichte eines Vergnügungsparks
Auf der Führung geht Tourguide Siggi nicht auf den Kriminalfall Spreepark ein. „Ich will eher wissen, was hier einmal entstehen wird“, ruft er den Besuchern zu. Dabei passt die Geschichte zum cineastischen Ambiente. 1992 übernahm eine Schaustellerfamilie das Gelände. Norbert Witte wollte einen Freizeitpark mit europäischem Topniveau. Und er trumpfte auf mit Ideen wie aus einem Technicolorfilm: Boote mit Schwanenhals, eine Wildwasserbahn, Rallye-Autos auf Schienen und künstliche Biber, die Fontänen spuckten.
Doch der Traum währte nicht lange. 2001 muss man Insolvenz anmelden. Die Wittes verschwinden mit ein paar Fahrgeschäften nach Peru. 2003 dann die Katastrophe: Der Versuch, im Inneren des Fahrgeschäfts „Fliegender Teppich“ 167 Kilo Kokain nach Deutschland zu schmuggeln, fliegt auf. Norbert Witte geht in Deutschland für vier Jahre ins Gefängnis. Seinen Sohn Marcel trifft es noch härter: Er sitzt in Lima ein, im berüchtigten Gefängnis Sarita Colonia, wo seine Mithäftlinge Schnittwunden wie Trophäen vorzeigen.
Um den Spreepark kümmerte sich unterdessen niemand. Das Grundstück wurde zum Trainingsort für Graffitisprüher, „Vandalen“ hinterließen laut Siggi ihre Spuren, und ein japanischer Elektronikkonzern machte schicke Werbeaufnahmen mit Models vor Norbert Wittes vergessenen Schwanenschiffchen.

Das Land Berlin kaufte 2014 das Erbbaurecht, um den Verfall zu stoppen. Im Januar dieses Jahres übernahm die landeseigene Grün Berlin GmbH, Entwickler etwa vom Park am Gleisdreieck, Tempelhofer Feld und Naturpark Südgelände, das Areal. Bis Frühjahr 2017 soll unter Einbeziehung von Bürgerwünschen ein Entwicklungskonzept entstehen. Von Montag bis Freitag sind schon mal die Bagger unterwegs. Der Einsatz von Flüchtlingen wird bereits diskutiert. Der Spaßpark soll endlich aufgeräumt werden. Umso emsiger machen die Tourteilnehmer ihre Bilder. Marc Rimmele aus Friedrichshain etwa. Seine Verbindung zum Kulturpark: „In der DDR-Fernsehserie ,Spuk unterm Riesenrad’ sieht man, wie mich meine Großmutter im Kinderwagen vorbeischiebt.“
Marco Heppner aus Schöneberg erzählt, er sei in der zweiten Klasse zum Schulausflug im Spreepark gewesen. „Meine Eltern hatten in der DDR dort ihre ersten Dates“, erzählt der 27-Jährige, zeigt auf das Riesenrad und lächelt. Ein Windstoß setzt es in Bewegung, die 45 Gondeln heben und senken sich. Ein Geräusch wie Motorsägen auf Metall dringt aus Achsen und Scharnieren. Schwer erträglicher Spuk aus dem Riesenrad.
Noch schnell ein Foto als Erinnerung
Die Besucher zücken noch einmal ihre Kameras für Beweisfotos. Denn wenn sich einmal niemand mehr vorstellen kann, dass es einen Flughafen mitten in Tempelhof oder ein ausrangiertes Gleisdreieck gab, wird auch vergessen sein, wie die Wildnis aussah, die einmal ein Vergnügungspark war.
Nächste Führungen: Sonnabend, 1. Oktober 2016, nur im Voraus buchbar auf www.gruen-berlin.de, Eintritt: 3/5 Euro


