Genau vier Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine eröffnet am Dienstag im Berlin Story Bunker in Schöneberg das Ukraine-Museum. Es ist weltweit das einzige Museum außerhalb der Ukraine, das die physische Realität dieses so nahen Krieges unmittelbar zeigt. Persönliche Schilderungen und Exponate veranschaulichen das Leid, die Kriegsverbrechen und die menschenverachtende Vorgehensweise im Drohnenkrieg.
Für Kurator Wieland Giebel ist ein zerschossenes Sozial-Taxi das „negative Highlight“ der Ausstellung: „In diesem Auto saßen zwei junge Männer, die helfen wollten. Einer davon ist durch einen Drohnenangriff getötet werden. Wir zeigen das Video, wie der Drohnenpilot das Auto nahe Cherson angreift und wie der Überlebende seinen Kollegen sterben sieht.“

Im Ukraine-Museum kann man sich selbst im Fadenkreuz einer Drohne sehen. „Kleine Drohnen kosten zwischen 100 und 300 Euro. Zehn Euro für ein Menschenleben“, sagt Wieland Giebel. Und fügt hinzu: „Putin ist wie Hitler, nur ohne Holocaust.“
Hanna Maliar, ehemalige stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine, findet am Montag ebenfalls drastische Worte: „Putin ist wie Hitler, aber mit Atomknopf“, sagt sie. Sie weiß, wovon sie spricht: Sechs Monate hat sie im War Room im Generalstabsbunker verbracht.
Vom Hipster zum Nothelfer: Chris Knickerbocker
Chris Knickerbocker war ein sogenannter Hipster, bevor ihn im Februar 2022 ein Hilferuf aus der Ukraine erreichte. „Ich war Fotograf im Lifestyle-Bereich, ich war viel mit Influencern unterwegs an den schönsten Orten Europas“, berichtet er der Morgenpost im Ukraine-Museum.
Der Hilferuf kam von einem Mann, der an der gleichen Stoffwechselerkrankung litt wie er. Ein Luftröhrenschnitt hatte Chris 2020 das Leben gerettet. „Ich habe damals ein zweites Leben bekommen, und das war für mich die Chance, das weiterzugeben.“ Also setzte sich Chris Knickerbocker in seinen roten Jaguar und fuhr in die Ukraine.

Dort traf er die Ukrainerin Julia, die mit zwei Kindern, einem Meerschweinchen und einem Hund vor der Invasion geflohen war. Und nichts mehr war wie vorher. Die beiden verliebten sich. Chris gründete die Organisation Bravery und evakuierte mit seinem Jaguar mehrere Menschen, bevor sein Traumauto von einer Granate zerstört wurde.
Enno Lenze, seit 2010 Museumsdirektor im Story Bunker und Reporter, hielt seine Eindrücke von den Kriegsschauplätzen im Buch „Slava Ukraini“ fest. Lenze initiierte mit Giebel nach einer Reise an die ukrainische Front das Projekt „Todesmaschine“: Die Aufstellung eines Panzerwracks vom Typ T-72B vor der russischen Botschaft in Berlin zum ersten Jahrestag der Invasion im Jahr 2023 sollte den russischen Untergang symbolisieren. Der Panzer blieb zwei Wochen lang Unter den Linden stehen.
Überlebender: „Drohnen operieren wahllos“
Dass Zivilisten im Ukraine-Krieg keinesfalls verschont bleiben, zeigt der Drohnenangriff auf ein Sozial-Taxi bei Cherson im April 2025. Oleg Degusarov hat den Tod seines Freundes Oleg „Konekt“ Salnyk (28) mit seinem Smartphone festgehalten. Beide waren Freiwillige, die Zivilisten evakuierten. Am Anfang seien es vor allem alte Leute, Mütter mit Kindern, Behinderte gewesen. „Wir haben einfach Essen und anderes auf Mopeds geladen und an sie geliefert.“

Den Ukraine-Krieg beschreibt Degusarov so: „Auf russischer Seite stehen Auftragssoldaten, Bestien. In der Ukraine kämpfen ganz normale Menschen für ihre Familie, ihre Freunde, ihr Land. Ärzte, Lehrer, Nothelfer. Die Besten sterben bei diesem Kampf.“ Die Drohnen operierten wahllos. Die Drohnenpiloten hätten wegen der kleinen Akkus nicht viel Zeit, um sich ein Ziel auszusuchen. In seinem Fall sei kein anderes Fahrzeug und keine andere Menschenseele unterwegs gewesen, nur das Sozial-Taxi, daher habe sich der Drohnenpilot eben entschieden, darauf zu schießen.
Die Ukrainer kämpfen heldenhaft. Aber alleine werden wir das russische Monster nicht aufhalten können.
Hanna Maliar, ehemalige stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine
„Ukraine war drittgrößte Atommacht der Welt“
Auch historisch lernen Besucher einiges im Ukraine Museum: Zum Beispiel, dass die Ukraine einmal die drittgrößte Atommacht der Welt war. Die Ukraine hat ihr gesamtes Nukleararsenal an Russland übergeben, weil Boris Jelzin, John Major und Bill Clinton die Souveränität und Sicherheit der Ukraine garantierten, bevor Putin 1999 an die Macht kam. Bill Clinton erklärte 2023, dass er sich aufgrund des Memorandums von Budapest mitverantwortlich für den Angriffskrieg fühle.
„Es geht hier nicht mehr nur um die Ukraine, sondern um Berlin, um Deutschland“, sagte Volodymyr Polevyi, Sprecher der ukrainischen Streitkräfte, am Montag im Story Bunker. „Die Ukraine ist das Schutzschild für Europa.“ Die Ukrainer kämpften heldenhaft, sagte Hanna Maliar, ehemalige stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine. „Aber alleine werden wir das russische Monster nicht aufhalten können.“
Ukraine-Museum im Berlin Story Bunker, Schöneberger Str. 23A, 10963 Berlin, 365 Tage 10–19 Uhr, letzter Einlass 17.30 Uhr, Ticket für alles 18 Euro, ermäßigt 12 Euro.



