Wenn man sich für Berlin und seine Historie interessiert, ist man beim Flughafen Tempelhof und seiner außerordentlichen Geschichte genau richtig. Rund um den ehemaligen Flughafen und auf dem anliegenden Tempelhofer Feld sieht man heute Fahrradfahrer, joggende Berliner und es werden ganzjährig vielerlei Veranstaltungen angeboten – und das an Ort und Stelle, wo nach den Plänen der Nationalsozialisten der monumentale „Weltflughafen“ des Deutschen Reichs hätte stehen sollen.
Tempelhofer Flughafen: Luftschutzräume, Bunker und viel Ruß
Im Rahmen der Führung „Verborgene Orte“, die im alten Flughafengebäude in Tempelhof angeboten wird, werden Mythen erörtert und Einblicke in die sonst nicht öffentlich zugänglichen Plätze des Flughafen Tempelhofs gewährt. Ein Lost Place, der von den Nazis und dem amerikanischen Militär geschaffen worden ist.
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Neun Stockwerke – davon sechs über der Erde und drei unter ihr – etwa 7000 Räume und eine Fläche von mehr als 300.000 Quadratmetern: Was zunächst nach einem Mietobjekt der Superlative klingt, sollte vor gut 90 Jahren zum Dreh- und Angelpunkt Europas und zum größten Flughafen des Kontinents werden. Im Untergrund erstreckt sich ein weitläufiges System von Tunneln und Kellerräumen, die unter anderem als Luftschutzräume dienten. Im ersten Teil der „Verborgene Orte“-Tour geht es in ein Nachbargebäude und bis zu zwölf Meter tief unter die Erdoberfläche des bis 2008 genutzten Passagierflughafens.

Feuer im NS-Filmarchiv: Von Nazis oder Sowjets verursacht?
Kurz nach dem Betreten fallen zwei Dinge auf: Die Luft wird deutlich wärmer und alles sieht ein wenig so aus, als wäre dort eine Bombe eingeschlagen. Die warme Luft stammt von einer riesigen Heizungsanlage, die etwas oberhalb der alten Nazibunker etabliert wurde. Über die Beschaffenheit der Räume und Treppenhäuser gibt es Spekulationen. Beim Heruntergehen der Treppen wird die Luft etwas dünner, die Stufen und Eingangstüren immer dunkler – mit jedem Schritt nimmt der Ruß um einen herum zu. Alles ist schwarz und verkohlt.
In den 1930er Jahren musste die Temperatur in dem Bunker genau zwölf Grad Celsius betragen. Laut einem Guide haben die Nazis dort ein Filmarchiv versteckt, in dem geheime Luftaufnahmen gelagert worden sind. Aufnahmen, die während Aufklärungsflügen über anderen Ländern gemacht worden sind. So soll wahrscheinlich bereits vor Kriegsbeginn über strategisch wichtige Punkte beraten worden sein, die sich für einen Bombenwurf eignen könnten. Die Räume waren voller Zelluloid, ein hoch brennbarer Stoff, der als Grundlage für die Kartografie gedient hat. Man kann die Folgen der Explosion und des Brands auch heute noch sehr gut sehen. Es wird darüber spekuliert, ob die sowjetischen Truppen oder die Nazis selbst das Archiv angezündet haben, um Beweise vor den Alliierten zu vernichten.

US-Militär in Berlin-Tempelhof: Abhörsichere Räume und ein Basketballplatz
Aus den unterirdischen Bunkern führt die Route weiter in einen Seitenflügel des 1,2 Kilometer langen Hauptgebäudes – in den Rohbaus eines Treppenhauses des Towers 7. Ganz im Sinne der Nazis ist dort nur deutsches Baumaterial verwendet worden. Granit aus Schlesien und eine Art Marmor aus Thüringen schmücken den nicht fertig gebauten Weg bis zum Dach, auf dem eine Besucherterrasse mit Platz für mehrere Tausend Menschen geplant war. Nach Kriegsende dehnte sich das amerikanische Militär in den Räumlichkeiten aus. Die fünfte Etage wurde für dessen Geheimdienst sogar abhörsicher verkleidet. Der Flughafen im Herzen Berlins wurde nur von zwei Bomben getroffen – laut bestehenden Mythen sahen sich die Engländer und Amerikaner noch während des Zweiten Weltkriegs, nach Hitlers Fall, selbst in dem massiven Gebäude.
Kein einziges Fenster, die Räume mit Kupferfolie abgedichtet und keine Spur von Sonnenlicht: Die damaligen Mitarbeiter des US-Militärs können einem bei solchen Arbeitsbedingungen leid tun. Es wird bis heute vermutet, dass sie in den Räumlichkeiten die gesamte Telefonüberwachung West-Berlins koordiniert haben, die USA geben bis heute keine Auskunft darüber. Damit sich die Soldaten nicht langweilen und fit halten konnten, wurde für sie sogar ein Basketballplatz erbaut.

Die „Verborgene Orte“-Tour führt die Teilnehmer vom obersten Stockwerk aus neun Etagen tiefer bis hinein in eine ganz andere Welt. Es geht in einen von mehreren Luftschutzräumen, der im Fall einer Bombardierung Schutz bieten sollte. Bis zu 10.000 Menschen hätten Platz in den Bauten am Tempelhofer Flughafen gefunden. Dabei hat man mit 0,6 Quadratmetern Fläche pro Person kalkuliert. Im Ernstfall hätten laut Guide aber auch deutlich mehr Menschen hineingepasst. Man wäre getreu dem Motto „Frauen und Kinder zuerst“ vorgegangen, wenn die Sirenen aufgeheult hätten.
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In ganz Tempelhof: Angst vor Giftgas und bemalte Bunker
Zu der Zeit hatte man besondere Angst vor Angriffen mit Giftgas, wie man sie während des Ersten Weltkriegs an den Fronten beobachten konnte. Deshalb sind die Schutzräume luftdicht konzipiert, lediglich ein Ventil mit integriertem Luftfilter sorgte für Sauerstoff. Besonders die Wandmalereien fallen einem ins Auge. Abgeleitet aus den Geschichten von Wilhelm Busch wurden Zeichnungen und Gedichte an die Wände in den Bunkern gepinselt, damit vor allem die vielen Kinder während des stundenlangen Wartens bei Laune gehalten werden konnten. Für die meisten Schutzsuchenden sei der Bunker die bessere Alternative gewesen, manche hätten ihr Glück bei sich zu Hause versucht.





