Die Nähmaschine rattert, Scheren ratschen durch derbe Leinwände, es wird gefaltet, geklebt und verziert. Fertig ist der neue Umschlag für den Schulkalender oder das Englischlehrbuch – jeder ein Unikat aus recyceltem Material. Während die Produktion läuft, sitzen der Vorstand und der Finanzbeauftragte am Tisch und checken auf den Bildschirmen Bestellungen, finanzielle Ein- und Ausgänge, Anfragen. Alles wie in der freien Wirtschaft.

Der Schulleiter hat die kleine Werkstatt zur Verfügung gestellt

„RePurp“ heißt das Start-up in der kleinen Werkstatt, in der aus Altem Neues geschaffen wird. Das besondere an der neuen Firma: Sechs Schülerinnen und Schüler der Carl-Zeiss-Oberschule in Lichtenrade haben sie gegründet. Unterstützt wird das Engagement des Teams von Schulleiter Alexander Wöß, der den Raum zur Verfügung gestellt hat. Das Institut für Deutsche Wirtschaft steht mit seinem Junior-Programm als Kooperationspartner der Schülerfirma zur Seite.

Start-up: Schülerfirma RePurp
Sofort wieder zu erkennen: Der Schülerkalender mit dem personalisierten Umschlag und dem Wunschland, wie zum Beispiel Albanien.© Florian Boillot | Florian Boillot

Zwei Ideen führten zu der Neugründung: So wurden an der Schule die geographischen Landkarten auf Leinwand aussortiert, weil sie nur noch in digitaler Form genutzt werden. Für die gerollten Karten gab es fortan keine Verwendung mehr. Was könnte man daraus herstellen, fragten sich die sechs aus der zwölften Klasse. „Wir haben uns umgehört und viele fanden unseren Schülerkalender nicht so schön“, erzählen Nele und Fabienne. Von der 7. bis zu 11. Klasse nutzen an der Schule alle denselben, „der sehr praktisch, aber einheitlich gelb ist“.

Das brachte das Team auf die Idee, individuelle Umschläge aus den Landkarten herzustellen. In der Testphase entstand ein Prototyp, der jetzt schon längst um viele Varianten und Größen erweitert wurde. Das besondere an den Umschlägen: Solange das Landkartenmaterial reichlich vorhanden ist, können sich die Besteller ein Wunschland aussuchen, das auf der Vorderseite des Umschlags zu sehen ist. Albanien, Ägypten, Polen und Mallorca seien hoch im Rennen, heißt es vom Produktionsteam.

Start-up: Schülerfirma RePurp
Finanzchef Linus, Vorstand Xhevahier und Chayenne vom Marketing (v.l.) beraten sich in der Werkstatt. © Florian Boillot | Florian Boillot

Tatsächlich ist das Schüler-Start-up genauso organisiert, wie ein Unternehmen in der Wirtschaft. Es gib einen Vorstand, Xhevahir hat diesen Posten, Linus macht Finanzen, um das Marketing kümmert sich Chayenne, Produktionsleiterin ist Fabienne und Nele und Adisha arbeiten in der Produktion. Doch natürlich sind die Hierarchien flach, an der Wand steht die Losung: „Ein Team, Alle machen alles“.

Zeit in der Werkstatt und Lernen für Klausuren müssen koordiniert werden

Für die Gruppe heißt es jetzt, neben den Klausuren auch für die Firma da zu sein. Freistunden, so erzählen sie, verbringen sie meistens in der Werkstatt, um Aufträge abzuarbeiten. Für alle ist das kein Thema. Xhevahir ist gern dabei, weil er neue Erfahrungen machen und seine Fähigkeiten erweitern will. Für Linus ist es eine Möglichkeit, mit „Leuten in der Schule zusammenzukommen und Ideen zu entwickeln“.

Start-up: Schülerfirma RePurp
Fabienne hat die Produktionsleitung übernommen und sitzt auch an der Nähmaschine.© Florian Boillot | Florian Boillot

Chayenne, die das Unternehmen über die sozialen Medien bekannt macht, hat bereits erkannt, „wie viel Arbeit in der ständigen Präsenz auf Tiktok oder Instagramm steckt“. Fabienne, Nele und Adisha, die drei aus der Produktion, interessiert, wie die Gründung eines Start-ups abläuft, welche Schritte dazu gehören und wie eine Firma schließlich funktioniert. Das alles können sie neben Mathe und Deutsch jetzt lernen.

Beteiligung beim Landeswettbewerb der Schülerfirmen geplant

Kristin Richter-Reichhelm, die Leiterin des Fachbereichs Kunst an der Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe, betreut die Zwölftklässler im Rahmen eines Grundkurses drei Stunden in der Woche. Für die Lehrerin ist es nicht das erste Schüler-Start-up, das sie begleitet. Upcycling, also altes Material wiederverwenden, war bei allen Firmen das Ziel. Dreimal konnte sie mit den Schülerfirmen bereits den Berliner Landeswettbewerb gewinnen. Die Lehrerin, die in Steglitz zum Tag der offenen Ateliers wieder eigene Arbeiten ausstellt, schätzt das Engagement der Schüler in den Start-ups, „weil sie sich damit einen Vorsprung bei Bewerbungen verschaffen“.

Start-up: Schülerfirma RePurp
Nele (l.) und Adisha aus der Produktion schneiden die Wunschländer für den Umschlag aus den Landkarten aus. © Florian Boillot | Florian Boillot

Auch das „RePurp“-Team will sich im nächsten Frühjahr beim Wettbewerb beteiligen. Bis dahin hat es aber noch einiges vor. Sie wollen die Produktpalette und den Kundenkreis erweitern. Bislang kommen die meisten Bestellungen noch von der eigenen Schule oder aus ihrem Netzwerk. Vorstand Xhevahir hat deshalb andere Schulen angeschrieben und ihnen ihr Angebot für die personalisierten Umschläge unterbreitet. Weitere Kunden sollen auch über das Internet gewonnen werden. Zwei Euro kostet einer für einen Hefter, 3,50 Euro für ein Buch. Die Einnahmen fließen direkt wieder in das Unternehmen oder werden für Neuanschaffungen genutzt.

Das Start-up-Team plant eine Kooperation mit dem benachbarten Flüchtlingsheim

Im Moment ist das Start-up-Team noch auf der Suche nach einem Businesspaten, um „in das richtige Wirtschaftsleben zu schnuppern“. Auch eine Kooperation mit dem benachbarten Flüchtlingsheim am Kirchhainer Damm ist geplant. Die Schüler haben ihr Unternehmen bereits dort präsentiert und wollen Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien anbieten, sie in der Werkstatt zu besuchen, um zuzusehen oder zu basteln. Vor allem aber, um einfach rauszukommen.

Kennenlernen kann man das Team von „RePurp“ auf dem Markt der Oberschulen, der am Donnerstag, 14. November, 17 bis 19 Uhr in der Carl-Zeiss-Oberschule, Barnetstraße 11-14, stattfindet oder auf dem Lichtermarkt am 1. Dezember, am Dorfteich von Lichtenrade. Auf beiden Veranstaltungen wird das Start-up mit einem Stand und seinen Produkten vertreten sein.