Die Glastüren der Karstadt-Filiale in Tempelhof sind Anfang Juni bunt geschmückt. Poster in grellem Gelb, Pink, Lila und Blau erinnern an Ü30-Partyplakate, die überall in Berlin an Stromkasten kleben. Aber die Party ist vorbei, auf den Postern wird nach 57 Jahren das Ende der Karstadt-Filiale in Berlin-Tempelhof angekündigt.

Am 31. August schließen die Galeria Karstadt-Filialen Tempelhof, Spandau und Lichtenberg. Bundesweit sollen ganze 16 Filialen geschlossen werden. Was mit den leerstehenden Kaufhäusern passieren wird, ist noch nicht beschlossen. In Berlin tagte am Montag ein Krisengipfel mit Senat und Vertretern des Handels zu den Einkaufsstraßen. Viel Geld wurde in Aussicht gestellt, über eine halbe Milliarde Euro. Aber was sagen die Kunden zu den Schließungen? Wir waren in der Filiale in Tempelhof und haben nachgefragt.

Wer die mit Postern beklebten Eingangstüren von Karstadt passiert, gelangt auf die noch stärker beposterte Verkaufsfläche des Kaufhauses. „WIR SCHLIESSEN DIESE FILIALE“, „ALLES REDUZIERT“ und „GROSSER SORTIMENTSABVERKAUF“ schreien die Plakate lautlos auf die Kunden hinab. Eine bestimmt 90 Jahre alte Dame am Eingang lässt sich davon nicht beirren. Sie parkt ihren Rollator neben den Rolltreppen und verschnauft ein bisschen. Bei den Filterkaffeemaschinen plaudern zwei andere Damen miteinander und kichern. Ehemänner ziehen Schnuten und trotten ihren Ehefrauen hinterher, hier ist fast alles wie immer. Wären da nicht die Poster.

Karstadt Tempelhof muss schließen, Bild vom 6. Juni 2024
Karstadt Tempelhof muss schließen, Bild vom 6. Juni 2024© BM | Alexandra Theis

Andreas Nettelbeck ist 63 Jahre alt und besucht Karstadt seit seinem dritten Lebensjahr. Sein Vater war Karstadt-Verkäufer in der Filiale am Hermannplatz, weshalb er schon als kleiner Junge viel Zeit in den Kaufhäusern verbrachte. Er findet es schade, dass so viele Filialen schließen: „Ich bin mit Karstadt aufgewachsen. Ich kaufe hier alles, weil es hier alles gibt. Das ist das Schöne an so einem Kaufhaus: Dass es alles gibt. Wenn ich mir diese ganzen Plakate hier ansehe, ist aber wohl klar, dass es keine Hoffnung mehr für diese Filiale mehr gibt.“

Karstadt Tempelhof muss schließen, Bild vom 6. Juni 2024
Karstadt Tempelhof muss schließen, Bild vom 6. Juni 2024© BM | Alexandra Theis

Eine mögliche Zukunft des ehemaligen Prachtbaus

Im viel zu engen Berlin ist jeder Quadratmeter wertvoll. Auch das riesige Kaufhaus am Tempelhofer Damm wird bestimmt nicht für immer leer stehen. Möglich wäre beispielsweise, das Haus in eine sogenannte „Used-Mix-Immobilie“ zu verwandeln. In dem Fall könnten etwa Büros, eine Bibliothek oder sogar Wohnungen in den ehemaligen Verkaufshallen errichtet werden. So ein Umbau ist aber sehr teuer und dauert Jahre. Es müsste sich also ein Investor finden, der die Kraft und das Geld hat, so ein großes Projekt zu stemmen. Bis dahin werden wohl viele ehemalige Karstadt-Kunden auf Online-Shopping setzen.

„Amazon ist billiger“

In der Parfümabteilung in der Karstadt-Filiale in Tempelhof steht ein Ehepaar, beide sind etwa 70 Jahre alt. Die beiden wohnen in Lichtenrade und gehen seit 1990 in diesem Kaufhaus einkaufen. Ihren Namen wollen Sie nicht verraten, ihren Unmut aber schon: „Wir haben hier schon sehr oft Parfüm gekauft. Aber diesen Duft hier hätte ich bei Amazon viel günstiger bekommen. Ich wollte ihn eigentlich trotzdem hier kaufen, um das Kaufhaus zu unterstützen. Aber es ist wirklich sehr teuer hier. 89 Euro kostet das Parfüm. Ich glaube, ich bestelle es doch im Internet.“ Das ist genau das Problem des stationären Handels: Viele gucken, gekauft wird dann aber im Internet.

Silvia und Frank sind der gleichen Meinung, auch sie sehen online bessere Angebote: „Wir sind nicht traurig darüber, dass diese Filiale schließt. Sehen Sie sich doch mal um, hier liegt nur Schrott herum. Es gibt schon seit Jahren keine guten Angebote mehr. Wenn es mal ein schönes Hemd gibt, kostet das hier viel mehr als im Internet. Ich bezahle doch nicht hier 90 Euro, wenn ich woanders nur 60 bezahlen muss. Für die älteren Leute tut es mir aber leid. Die freuen sich über ein persönliches Gespräch mit Verkäufern und kennen sich mit dem Internet sowieso nicht aus.“

Zusammen, im Kaufhaus, ist man weniger allein

Stimmt, das persönliche Gespräch gibt es bei Internetanbietern nicht. Es sei denn, man streitet sich in den Bewertungskommentaren mit Menschen, die das gleiche Produkt gekauft haben. Wer sich in der Karstadt-Filiale in Tempelhof umsieht, wird aber schnell feststellen, dass das nicht vergleichbar ist. Auf kleinen Bänken sitzen dicht an dicht Seniorinnen, die sich flüsternd unterhalten. Bei den Handtaschen begutachten Freundinnen gemeinsam reduzierte Rucksäcke und Mütter diskutieren mit ihren Töchtern, welches T-Shirt angemessen für die Schule ist.