Das Jobcenter Tempelhof-Schöneberg geht neue Wege: Mitarbeiter machen Hausbesuche bei Arbeitssuchenden, die Termine nicht wahrnehmen. Die Geschäftsführerin des Amtes, Elena Zavlaris, erklärt im Gespräch mit der Berliner Morgenpost, wie es dazu gekommen ist und ob diese neue Vorgehensweise etwas mit der Umstellung von Hartz-IV auf Bürgergeld zu tun hat.

Hintergrund für die Hausbesuche sind die aktuell noch hohen Fallzahlen versäumter Termine. Nach Corona sei die Hälfte der Meldetermine beim Amt nicht wahrgenommen worden, so Zavlaris. Daraufhin hätten die Mitarbeiter des Jobcenters von sich aus die Idee der Hausbesuche entwickelt. Wenn Menschen ohne Arbeit ­– das Jobcenter spricht von „Kunden“ – zwei Termine verstreichen lassen, dann kommen die Mitarbeiter zu ihnen nach Hause.

Mitarbeiter des Berliner Jobcenters geben sich nicht zu erkennen

Intern werden dafür zunächst die entsprechenden Fälle gesammelt. Dann wird das Kommen angekündigt. Häufig reiche das schon aus, so Zavlaris. Erste Daten zeigen: Zwei von fünf Menschen, bei denen das Jobcenter den Hausbesuch angekündigt hat, kommen doch noch selbst ins Amt. Zu allen anderen brechen die Mitarbeiter auf, „immer zu zweit“ wie Zavlaris betont.

Dabei geben sie sich nicht zu erkennen, tragen etwa keine Mappen oder Schlüsselanhänger, auf denen Aufdrucke des Jobcenters zu sehen sind. Sie klingeln einfach. Von einem Nachbarn erfahren sie dann manchmal, dass die gesuchte Person schon lange nicht mehr dort wohne, berichtet Zavlaris. Dann werde die Zahlung des Bürgergeldes wegen fehlender Zuständigkeit eingestellt.

Interessante Einblicke vor Ort in Tempelhof-Schöneberg

Seit Februar dieses Jahres laufe das Projekt, von Anfang an auf freiwilliger Basis. Zunächst aus der Not geboren, mache diese Praxis in ihrem Jobcenter mittlerweile richtig Schule, heißt es von der Geschäftsführerin. „Aber wir können es uns personell nicht leisten, das durchgängig zu machen“, so Zavlaris. Dafür sei das Vorgehen, sowohl in der Vorbereitung als auch in der Durchführung zu aufwendig.

Trotzdem rücken immer wieder Mitarbeiter aus. Für sie ergeben sich bei den Hausbesuchen schließlich auch interessante Einblicke. Zavlaris spricht von „Extraverständnissen“. Aus der Ferne, „vom Bürostuhl“, mache man sich ja schnell ein Bild über einen Menschen und sei enttäuscht, wenn Meldetermine nicht wahrgenommen werden. Vor Ort verstehe man dann häufig besser, was wirklich dahinterstecke, so Zavlaris.

Das sind die Gründe für versäumte Termine

Kein Telefon, keine sozialen Kontakte, psychische Probleme – das seien häufige Gründe für nicht wahrgenommene Termine. Zavlaris gibt ein konkretes Beispiel und erzählt von einer älteren Frau, die zwei Termine beim Amt verstreichen ließ. Beim Hausbesuch habe sich dann gezeigt, dass ihr Küchentisch voller ungeöffneter Briefe war. Ihre Söhne würden der Frau zwar helfen, aber auch nur noch die förmlich zugestellte Post öffnen. Unter den ungeöffneten Briefen lag auch die Einladung zum Meldetermin vom Jobcenter.

Durch den Hausbesuch sei erreicht worden, dass diese Frau, die große Angst vor sozialen Kontakten hat, wieder in die Beratung komme. Dabei habe insbesondere geholfen, dass sie nun ein Gesicht der Mitarbeiter vom Jobcenter kenne, so Zavlaris. Man könne schließlich nur mit Kunden zusammenarbeiten, wenn ein Vertrauensverhältnis bestehe.

Sind die Probleme eine Folge der Umstellung von Hartz-IV auf Bürgergeld?

Kritik, die von Matthias Steuckardt (CDU), Sozialstadtrat für Tempelhof-Schöneberg, gekommen war, tut sie damit ab. Steuckardt hatte im Gespräch mit der rbb-Abendschau bemängelt, dass im Zuge der Umstellung von Hartz-IV auf Bürgergeld eine Kooperationsvereinbarung eingeführt wurde. In ihr vermutet er die Ursache, für die versäumten Meldetermine. Denn diese Vereinbarung zwischen Jobcenter und Arbeitssuchenden muss nicht unterschrieben werden und sei deshalb weniger verbindlich als die Eingliederungsvereinbarung, die im Hartz-IV-System zentral war, so Steuckardt.

Zavlaris sieht hingegen keinen statistischen Zusammenhang zwischen den versäumten Terminen und der Umstellung auf das Bürgergeld. Ursächlich sei vielmehr Corona gewesen. Nach der Pandemie, während der man fast ausschließlich mit den Kunden telefoniert habe, sei der Betrieb erst langsam wieder hochgefahren worden. Das erkläre die hohen Fallzahlen bei den versäumten Terminen. Dass diese mit der Einführung des Bürgergeldes zusammenfallen, sei hingegen nur „Zufall“, so Zavlaris. Das Bürgergeld und die damit zusammenhängende Umstellung auf die Kooperationsvereinbarung begrüßt sie vielmehr ausdrücklich. Damit habe man gute Erfahrung gemacht, so Zavlaris, „zumindest bei den Kunden, mit denen wir in Kontakt stehen“.

Positives Fazit der Jobcenter

Bei allen anderen, die Termine verstreichen lassen, werden die Mitarbeiter auch in Zukunft klingeln. Grundsätzlich gilt dabei: Niemand muss die Mitarbeiter des Jobcenters in seine privaten Räume lassen, oft gehe man zusammen spazieren, so Zavlaris. Die Reaktion der zu Hause Aufgesuchten sei meist positiv, berichtet sie aus Gesprächen mit ihren Mitarbeitern. Zavlaris resümiert: Insgesamt falle die bisherige Bilanz der Hausbesuche sehr positiv aus. Bei mehr als der Hälfte der Fälle sei nach dem Besuch vor Ort wieder ein Kontakt hergestellt worden, die meisten würden auch die Folgetermine wahrnehmen.

Neben den Hausbesuchen in Tempelhof-Schöneberg setzt das Jobcenter auch in anderen Bereichen auf die sogenannte „aufsuchende Beratung“. In Spandau geht das Jobcenter etwa in Jugendclubs, in Neukölln bietet es in den Gropius Passagen Beratung für Jugendliche an.