Eine Lichtenrader Schule wehrt sich gegen die morgendliche Autoflut. Weil das Verkehrsaufkommen durch Elterntaxis vor der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule Überhand genommen hat, sperren Eltern und Schulleitung seit diesem Montag jeden Morgen die Straße vor der Schule. Vier Wochen lang wird nun getestet, wie Autofahrer und Schüler reagieren.

Bis zum 18. Mai wird der Rackebüller Weg zwischen Goethe- und Lessingstraße an jedem Schultag von 7.15 bis 7.45 Uhr für den Autoverkehr gesperrt. Lediglich Anlieger dürfen in dieser Zeit hindurchfahren. Denn immer wieder führe die Zahl der elterlichen Fahrzeuge vor Schulbeginn im Rackebüller Weg zu brenzlichen Situationen, beklagen Eltern und Schulleitung.

Die Sorge: Kinder werden beim Überqueren von Autofahrern übersehen

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Das Verkehrsaufkommen sei zuweilen derart hoch, dass Kinder beim Überqueren übersehen werden könnten. Hinzukommen Wendemanöver und Parken in zweiter Reihe. „Kinder werden durch andere Eltern gefährdet“, fasst Jens Otte die Situation zusammen. Er ist seit zehn Jahren Leiter der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule und hat das berlinweit erste Pilotprojekt dieser Art maßgeblich mit vorangetrieben.

An Tag eins wirken die Dinge friedlich. Ankommende Fahrzeuge halten kurz an den gesperrten Seiten des Rackebüller Wegs, um Schüler rauszulassen und fahren kommentarlos weiter. Weder Polizei noch Ordnungsamt, die die Aktion begleiteten, mussten eingreifen. Für Tempelhof-Schöneberg Schulstadtrat Tobias Dollase (parteilos, für CDU) schon mal ein voller Erfolg: „Über den Haupteingang kamen die Kinder sicher in die Schule. Die Situation konnte somit entschärft werden.“

Schulstraße Lichtenrade: Ohne elterliches Engagement geht es nicht

An der Einfahrt Rackebüller Weg Ecke Goethestraße in Lichtenrade war für Autofahrer Schluss. Die Durchfahrt ist nun an Schultagen morgens gesperrt.
An der Einfahrt Rackebüller Weg Ecke Goethestraße in Lichtenrade war für Autofahrer Schluss. Die Durchfahrt ist nun an Schultagen morgens gesperrt. © Berliner Morgenpost | Julia Lehmann

Ohne das elterliche Engagement geht bei der Aktion jedoch nichts. Zumindest in der Probezeit. Mithilfe von Baken sperren freiwillig helfende Eltern die Straße nun jeden Morgen für 30 Minuten. Sollte das Projekt verstetigt werden, solle ein entsprechendes Schild auf die Regelung hinweisen.

Am Montagmorgen mit dabei ist unter anderem Finn Gerlach. Sein Sohn geht in die erste Klasse. Gerlach wünscht sich für ihn und die anderen Kinder mehr Sicherheit auf dem Schulweg. „Die Rechtsordnung sieht momentan sehr wenige Instrumente vor, um solche Verkehrssituationen sicherer zu machen“, sagt Gerlach.

Laut Koalitionsvertrag möchten CDU und SPD das ändern. Dort wird als Ziel formuliert, die Einrichtung von Schulstraßen in Zukunft einfacher zu machen. Konkret heißt es dazu: „Die Koalition will für Kinder und Jugendliche sichere Wege schaffen und unterstützt daher die verkehrliche Beruhigung des Umfelds von Schulen, zum Beispiel durch Schulstraßen, ebenso wie die Fortführung des schulischen Mobilitätsmanagements.“

Kinder sollen Sicherheit im Verkehr lernen

Gerlach sieht aber auch Anlass für einen Bildungsauftrag. „Es geht auch darum, die Selbstständigkeit der Kinder zu fördern, damit sie sich sicher auf den Weg in die Schule begeben können.“ Diesen Ansatz unterstützt auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Auf dem Rücksitz des Elternautos machen Kinder keine Verkehrserfahrung“, sagt Gabi Jung, beim BUND Landesverband Berlin im Bereich Mobilitätsbildung aktiv. Nicht zu verachten sei auch der körperliche Aspekt. „Viele Kinder müssen sich mehr bewegen.“

Die Gründe dafür, warum Eltern ihre Kinder mit dem Auto bringen, sind vielfältig. Manche davon überraschen ein wenig. Die Mutter eines Jungen berichtet am Montag, ihr Sohn würde zu spät kommen, würde sie ihn nicht fahren. „Er verschläft immer“, sagt sie. Andere Eltern verbinden das Abliefern des Nachwuchses an der Schule mit der Fahrt zur Arbeit. Und wieder andere finden das Autofahren einfach sehr bequem.

Schulstraße Lichtenrade: Evaluation nach vier Wochen

Trotzdem lautet die Kernfrage für viele: Führt die Sperrung der Straße nicht einfach nur zur Verlagerung des Problems? „Das werden wir nach vier Wochen auswerten“, sagt Tempelhof-Schönebergs Verkehrsstadträtin Saskia Ellenbeck (Grüne).

Bereits am Montag war zu beobachten, dass sich die Bringesituation einfach in die Parallelstraße, die Schillerstraße, verlagerte hatte. Von dort kommt man ebenfalls auf das Schulgelände – und sie ist nicht Teil des Projekts, also weiterhin dauerhaft frei.

Mehrheit der Eltern steht hinter der Idee Schulstraße

Viele Kinder kommen aber bereits von sich aus zu Fuß oder dem Fahrrad zur Schule, manche werden von ihren Eltern begleitet. Für die Schule sind sie die Vorbilder. Zwar unterstütze die Mehrheit der Eltern und Lehrer das Projekt, wie Schulleitung und Eltern berichten. Kritiker, die in dem Projekt den Versuch sehen, ihnen das Autofahren zu verbieten, gebe es dennoch.

Von einem flächendeckenden Umdenken ist man an der Bruno-H.-Bürgel-Schule beim Projektstart also noch entfernt. Schulleiter Jens Otte ist mit Blick auf die nächsten Wochen dennoch guter Dinge. „Das war ein guter Auftakt.“ Eine Schulstraße einzurichten, war im Übrigen keine fixe Idee. Schulleiter Jens Otte versucht seit Jahren, eine solche Regelung herbeizuführen. Das lange Warten begründet Verkehrsstadträtin Saskia Ellenbeck wiederum mit personellen Engpässen im Bezirksamt.

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