Schöneberg

Eigentümer kündigt dem Kiez-Bioladen „Ährensache“

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Ute Quintilius und ihr Ehemann Richard Schuler wollen ihren Bioladen „Ährensache“ nicht aufgeben.

Ute Quintilius und ihr Ehemann Richard Schuler wollen ihren Bioladen „Ährensache“ nicht aufgeben.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Mit einer Petition wollen Unterstützer verhindern, dass das Geschäft verschwindet. Der Laden soll schon bis Ende März geräumt werden.

Berlin. Eine Kundin hat zum Trost einen Blumenstrauß vorbeigebracht. Ute Quintilius hat ihn auf die Käsetheke gestellt, direkt am Eingang, gut sichtbar. Trost haben sie und ihr Ehemann Richard Schuler auch nötig. Seit fast 25 Jahren betreibt das Ehepaar den Bioladen „Ährensache“, 21 Jahre davon in der Apostel-Paulus-Straße 40 in Schöneberg. Erfolgreich, wie Ute Quintilius betont. Dennoch hat der Eigentümer der Gewerbeimmobilie den Inhabern am 5. Januar unvermittelt gekündigt. Bis zum 31. März 2022 solle man ausziehen, heißt es in dem Kündigungsschreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt. „Das zerstört unsere Existenz“, sagt Ute Quintilius.

Mithilfe einer Anwältin hat das Ehepaar nun Kontakt zur Hausverwaltung aufgenommen und um ein Gespräch mit dem Eigentümer gebeten. Denn über die Gründe der Kündigung hat man die beiden 59-Jährigen bisher im Unklaren gelassen. „Wir haben uns nie etwas zu Schulden kommen lassen“, sagt Ute Quintilius.

Hat eine Anwohnerin den Eigentümer beeinflusst?

Einiges deutet darauf hin, dass der Eigentümer – ein Ire, der in Australien lebt – unter dem Einfluss einer einzelnen Bewohnerin, die in einer der Wohnungen über dem Geschäft wohnt, handelt. Der Eigentümer selbst hat auf eine Anfrage der Berliner Morgenpost per E-Mail noch nicht reagiert.

Die Hausverwaltung AGeWo GmbH aus Berlin, die die Kündigung im Auftrag des Eigentümers ausgestellt hat, erklärt jedoch, dass sich eine Bewohnerin des Hauses seit Jahren über den Bioladen beschwere. Die Geräusche, die mit den morgendlichen Lebensmittellieferungen einhergehen, würden sie stören. „Man kann davon ausgehen, dass der Eigentümer von dieser Anwohnerin aus dem Haus aufgefordert wurde, die Kündigung zu veranlassen“, sagt eine Mitarbeiterin der AGeWo. In welchem Verhältnis beide zueinander stehen, ist jedoch unklar.

Auch Ute Quintilius vermutet, dass die Anwohnerin Grund für die plötzliche Kündigung ist. Die Hausverwaltung selbst habe dem Eigentümer sogar von einer Kündigung abgeraten, da die Immobilie während der Corona-Pandemie nur schwer einen neuen Mieter finden würde. Es existierten weder Mietrückstände noch lägen andere Beschwerden gegen das Geschäft vor, so die Mitarbeiterin.

Gewerbemietrecht schützt Gewerbemieter nicht ausreichend

Der Eigentümer, der weitere Wohneinheiten im Haus besitzt, habe auch vorgegeben, die Kündigung schon zum 31. März auszusprechen. Sofern nichts anderes vertraglich festgehalten wurde, wie in diesem Fall, sei gesetzlich jedoch eine Frist von einem halben Jahr vorgegeben. Zwar besitzen die Bioladen-Betreiber einen unbefristeten Mietvertrag, doch auch dieser schützt nicht vor der Kündigung.

Nach Einschätzung von Stefan Klein, von KIGE Kiezgewerbe UG, einer Berliner Beratungsstelle für Gewerbemieter, die auch die „Ährensache“ betreut, seien die Inhaber völlig auf die Einsicht des Vermieters angewiesen. „Das Gewerbemietrecht ist in Deutschland, im Gegensatz zum Wohnungsmietrecht, gesetzlich völlig ungeregelt“, sagt Klein. „Der Gesetzgeber sah hierzu keinen Anlass, da er davon ausging, dass sich im Gewerbebereich Mieter und Vermieter wirtschaftlich auf Augenhöhe gegenüberstehen.“

Änderung der Gesetzeslage könnte Mieter besser schützen

Doch spätestens seit dem starken Anstieg der Mieten durch Immobilienspekulationen sei dies nicht mehr der Fall. Nun würden Eigentümer die Schutzlosigkeit der Gewerbemieter ausnutzen, um zum Beispiel Mieterhöhungen durchzusetzen. „Kleine Gewerbe, die nicht ausreichend zahlungsfähig sind, werden gekündigt beziehungsweise es wird bei auslaufendem befristeten Mietverhältnis dieses nicht verlängert“, sagt Klein. Eine Änderung der Gesetzeslage kann nur der Bundestag herbeiführen.

Doch die „Ährensache“ soll bleiben. Das wünschen sich Ute Quintilius und Richard Schuler ausdrücklich. „Wir leben auch hier im Kiez und sind hier verwurzelt“, sagt Quintilius. Dennoch sieht die studierte Biologin die Dinge realistisch. „Wir sehen uns natürlich nach Ersatzräumen um.“ Eine mindestens 100 Quadratmeter große Gewerbeimmobilie im hippen Schöneberger Akazienkiez zu einem angemessenen Mietpreis zu bekommen, hält Quintilius aber für extrem schwer.

„Ährensache“ seit 25 Jahren im Kiez zu Hause

Eröffnet haben die Eheleute ihr Geschäft vor 25 Jahren am anderen Ende der Apostel-Paulus-Straße. Vier Jahre später stießen sie auf den 120 Quadratmeter großen Laden gegenüber der Apostel-Paulus-Kirche. Derzeit betreiben sie ihren Laden zu zweit, manchmal kommen Aushilfen dazu. Im Kiez ist „Ährensache“ fest verankert, bietet der Laden doch eine breite Auswahl regionaler Bio-Lebensmittel.

Der Unterstützung aus dem Kiez kann sich der Bioladen gewiss sein. Anwohner haben eine Petition zum Erhalt des Geschäfts gestartet. 2607 Menschen (Stand Mittwochmittag) haben bereits unterzeichnet. „Mit dem kleinen Bioladen verschwindet nicht nur ein Stück Geschichte des Akazienkiezes“, heißt es im beigestellten Text. Die Schließung sei ein Symbol für die Gentrifizierung im Kiez.

Jörn Oltmann (Grüne) unterstützt „Ährensache“

Auch Jörn Oltmann (Grüne), Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, hat dem Bioladen seine Unterstützung zugesagt. „Das Geschäft ist eine feste Institution, die für den Kiez wichtig ist. Die wollen wir natürlich erhalten“, so Oltmann. Er will sich in den nächsten Tagen mit einem Brief an den Eigentümer wenden, um in der Angelegenheit zu vermitteln.

Sollte die „Ährensache“ aus ihren Räumen ausziehen müssen, wollen Ute Quintilius und Richard Schuler ein großes Abschiedsfest machen. „Das wollten wir sowieso, schließlich feiern wir in diesem Jahr unser 25. Jubiläum“, sagt Quintilius.

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