Initiative

„Bars of Berlin“ kämpfen ums Überleben

Viele Bars und Kneipen bangen um ihre Existenz. Gemeinsam bilden mehr als 50 Bars nun eine Interessengemeinschaft.

Sebastian Pagel (l.) und Ulrich Simontowitz betreiben die Bar „Hafen“ in der Schöneberger Motzstraße.

Sebastian Pagel (l.) und Ulrich Simontowitz betreiben die Bar „Hafen“ in der Schöneberger Motzstraße.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Für viele Bar- und Clubbetreiber in Berlin ist es ein Wettlauf mit der Zeit. Jeder Tag mit keinen oder nur geringen Einnahmen bringt sie mehr in Bedrängnis. Viele kleine Bars entscheiden sich bewusst gegen eine Öffnung, weil sie unter Einhaltung der Abstandsregeln kaum Gäste empfangen und wirtschaftlich arbeiten können.

In Tempelhof-Schöneberg hat sich nun eine Interessengemeinschaft gebildet, die sich gemeinsam für den Erhalt des Berliner Nachtlebens einsetzt. Inzwischen haben sich 54 Bars aus Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Pankow und Tempelhof-Schöneberg bei „Bars of Berlin“ angeschlossen.

Allen voran steht Ulrich Simontowitz von der Bar „Hafen“ im Schöneberger Regenbogenkiez, in dem viele betroffene Bar-Betreiber, viele aus der Schwulenszene, zusammenkommen. „Wir sitzen in der Falle, denn auf Senatsebene tauchen wir gar nicht auf“, sagt Simontowitz. Das soll sich ändern. Und obwohl das Berliner Nachtleben ein wesentlicher Bestandteil der Hauptstadt ist, will man durch diesen Zusammenschluss von Barbetreibern zunächst einmal sichtbar werden und gemeinsame Ziele formulieren.

„Bars of Berlin“: Gefordert wird ein Runder Tisch

Gefordert wird die Einberufung eines Runden Tisches „Gastfreundschaft und Vielfalt“ auf Senatsebene und die Beachtung des Prinzips der Gleichbehandlung. Man wolle schließlich die Benachteiligung von Bars nicht länger hinnehmen und lieber eigenverantwortlich für die Sicherheit der Gäste sorgen, sagen die Betreiber. Darüber hinaus sollte ein Fonds auf Landes- oder Bundesebene eingerichtet werden, aus dem die geschädigten Betriebe gestützt werden.

Bislang ist noch vollkommen unklar, wann Bars wie gewohnt ohne Abstandsregeln öffnen dürfen. Seit ein paar Wochen bietet Ulrich Simontowitz im „Hafen“, der vor allem schwules Publikum anzieht, deshalb Drinks zum Mitnehmen an.

Denn im Außenbereich finden gerade einmal sechs Tische Platz. „Das sind 12 Gäste am Abend. Das rechnet sich nicht. Von der Stimmung ganz zu schweigen“, sagt Simontowitz. Die gesamte Szene sei von Existenzängsten geprägt, sagt er.

Besonders kleine, enge Bars haben es schwer

Auch das „Kumpelnest 3000“ lebt vor allem von der Stimmung. In der kleinen Bar,

einst ein Bordell und heute ein Club, wurde vor Corona jedes Wochenende bis in die Morgenstunden eng miteinander gefeiert und getanzt. Derzeit undenkbar. Deshalb bleibt das „Kumpelnest 3000“ noch immer geschlossen.

„Wirtschaftlich ist es günstiger, den Laden zu zu lassen“, sagt Inhaber Kai Kämmerer. Er finde es wichtig, dass die Verantwortlichen in der Politik den Wert des Berliner Nachtlebens endlich anerkennen und sich dafür einsetzen.

„Dem Bezirk scheint man das nicht erklären zu müssen“, sagt Kämmerer. Denn „Bars of Berlin“ arbeitet eng mit der Wirtschaftsförderung von Tempelhof-Schöneberg zusammen. Sie habe sich bereits bei der Wirtschaftsstadträtesitzung und der Senatskanzlei für Unterstützung eingesetzt, sagt Tempelhof-Schönebergs Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD).

„Außerdem ist die Wirtschaftsförderung gerade damit befasst, die Ausschreibung zur Erstellung eines Tourismuskonzeptes für den Bezirk vorzubereiten, die auch die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Gastronomie, das Nachtleben und den Handel im Bezirk beinhalten wird“, sagt sie. Sollte keine zeitnahe Lösung gefunden werden, so Schöttler, sei davon auszugehen, dass viele Nachtclubs und Bars in Berlin es nicht schaffen werden.

Ungewisser Ausgang für Berlins schwule Szene

Für Sylvio Jaskulke, Inhaber der legendären schwulen Bar und Partylocation „Scheune“, besonders bitter: Das lesbisch-schwule Straßenfest – eigentlich für Mitte Juli geplant – fällt dieses Jahr aus. Jaskulke sitzt im Straßenfest-Vorstand. Für viele der Schwulenszene ist es das Highlight des Jahres.

Die „Scheune“ hat er seit zwei Wochen mit Bar-Betrieb geöffnet. Der „Keller“, in dem sonst unter anderem die wöchentliche „Naked Sex Party“ stattfindet, bleibt weiter geschlossen. „Wichtig wäre, schnell Geld in die Szene hineinzupumpen“, sagt Jaskulke. Er fürchte, dass es Berlin sonst wie anderen Städten geht, in denen die schwule Szene beinahe verschwunden sei.

Jeden Dienstag kommen Vertreter von „Bars of Berlin“ zusammen, um zu beraten, wie es weitergehen soll. Geplant ist auch eine Aktion vor dem Roten Rathaus und ein Treffen im Schwulenclub „Schwutz“.

www.bars-of-berlin.de