Streetart

Wer hinter diesen bunten Punkten steckt

Der Berliner Streetart-Künstler „Okse 126“ verrät, was es mit seinen Dots auf sich hat und wo sie zu finden sind.

Kommt gleich zum Punkt: Für die Berliner Morgenpost bringt „Okse 126“ eine neue Version seiner CMYK-Dots in den typischen vier Farben an der Mansteinstraße in Schöneberg an.

Kommt gleich zum Punkt: Für die Berliner Morgenpost bringt „Okse 126“ eine neue Version seiner CMYK-Dots in den typischen vier Farben an der Mansteinstraße in Schöneberg an.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Berlin. Auch in Zeiten des Coronavirus muss niemand auf Kunst verzichten. Galerien oder Museen sind zwar noch immer geschlossen. Wer Kunst erfahren will, kann das aber auch so, auf der Straße. Berlin lebt von Streetart. Einige Kieze sind voll von vergangenen oder zeitgenössischen Werken. Sofern sie nicht entfernt oder übermalt werden, bleiben sie über Jahre. Auf der Straße, zwischen den Häusern. Die Wände als Leinwand.

Dabei prägen populäre Beispiele wie die East Side Gallery neben großflächigen Werken wie der „Astronaut/Kosmonaut“ vom französischen Künstler Victor Ash oder dem „Pink Man“ von BLU nahe der Kreuzberger Oberbaumbrücke genau das Gesicht der Stadt wie die unzähligen unbekannteren Künstler. Die Arbeiten des Berliner Künstlers „Okse 126“ begegnen den Berlinern meist ganz unaufdringlich, manchmal muss man auch ein bisschen suchen.

Seinen richtigen Namen nennt er uns nicht. Anonymität ist ihm wichtig. Eine Signatur trägt seine Arbeit meist nicht. „Ich bleibe lieber im Hintergrund“, sagt Okse 126 im Telefoninterview. Schließlich überschreitet er mit seiner Straßenkunst immer wieder die Grenze des Legalen. Bei Streifzügen durch Berlin sucht der Künstler immer nach neuen geeigneten Stellen für seine Kunst. Und diese befinden sich meist an Häuserwänden, Pfählen oder Stahlträgern. Erwischt wurde er bisher noch nie. Und beschwert habe sich auch kaum jemand. „Nur ein Mal wollte eine Frau die Polizei rufen.“

Okse 126 hat sich dem CMYK-Farbmodell verschworen

Wer sich aufmerksam in der Stadt bewegt, dem sind vielleicht schon einmal die arrangierten, bunten Punkte an Hauswänden aufgefallen. Die „Dots“, also Punkte, sind aber nicht einfach nur bunt. Farblich entsprechen sie dem CMYK-Farbmodell. CMYK ist die englischsprachige Bezeichnung der vier Grundfarben Cyan, Magenta, Yellow und Key, letzteres steht für Schwarz, die in der Drucktechnik für den Vierfarbdruck verwendet werden. Jeder Dot bekommt meist eine der Farben. So die Ausgangsidee.

Wer jetzt gleich nach dem Sinn fragt, muss diesen selbst suchen. Denn eine richtige Bedeutung habe das Ganze nicht. „Man sollte sich davon frei machen, immer nach einer Message zu suchen“, sagt Okse 126. Für seine Kunst habe er viel mehr darauf geachtet, dass sie andere nicht all zu sehr störe. So minimalistisch wie möglich, lautet das Credo. Und so hinterlässt Okse 126 flächenmäßig kleine, fast zarte Farbtupfer, die sich hin und wieder in Gesellschaft von Graffiti oder anderen Straßenmalereien befinden.

Begonnen hat Okse 126 als Graffiti-Künstler

Angefangen hat alles mit der Graffiti-Kunst. Von den Zeichnungen eines

Mitschülers in der Grundschule inspiriert, fing er als Schüler selbst an zu zeichnen und später auch zu sprayen. Bis heute hat er die Spraydose zwar nie ganz weggelegt, sein Fokus liegt aber auf den Dots. Und die entwickelt der Street Artist regelmäßig zu neuen Varianten und so gar kleinen Bildern weiter.

Das Lieblingsspielzeug vieler Kinder der 90er-Jahre, der Gameboy, den er einst in Schöneberg an eine Wand brachte, hängt heute leider nicht mehr. Ebenfalls nicht mehr komplett sind die vier Köpfe der Ninja Turtles, deren Augenbinden in den CMYK-Farben gestaltet wurden. Nur einer davon ist geblieben. Der Künstler vermutet, dass es häufig nicht mal die Hauseigentümer sind, die seine Arbeiten entfernen, sondern Passanten, die sie einfach mitgehen lassen.

Okse 126: „Ich bin kein Freund von Höhe“

Damit das nicht passiert, arbeitet Okse 126 gern an Stellen, die nicht so leicht zu erreichen sind – und dafür muss er manchmal klettern. „Dabei bin ich kein Freund von Höhe.“ Hilft nichts. Auf seinem Instagram-Profil (Okse 126 oder cmyk_dots) dokumentiert er seine Kletteraktionen und hält sein Werk für seine mehr als 5500 Abonnenten fest. „Meine Kunst besteht aus den Dots und dem Foto danach.“ Urbane, „ein bisschen runtergekommene Orte“ finde er auch deshalb am spannendsten. Kein Wunder, dass man deshalb die meisten seiner Arbeiten im hippen Kreuzberg findet.

In Berlin hat er aber trotzdem fast keinen Bezirk ausgelassen. Auch in Tempelhof und Schöneberg findet man seine Arbeiten, beispielsweise an der Elßholzstraße gegenüber der Sophie-Scholl-Schule. Wer den Punkten folgen möchte, kann auf der Internetseite von Okse 126 eine Karte aufrufen. Dort ist jede Stelle markiert. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass sich der gebürtige Berliner nicht etwa nur auf die Hauptstadt beschränkt. Sein Ziel lautet 1000 seiner Dots in 100 Städten und 10 Ländern anzubringen. Ein Zwischenstand: Bisher habe er etwa 700 Punkte an 69 Orten und 13 Ländern geklebt.

Seine Kunst begleitet Okse 126 auch außerdem Deutschlands

Unter den größeren deutschen Städten sind Nürnberg, Leipzig,

Dresden, Hamburg oder Köln. Seine Arbeit hat ihn aber auch schon nach Frankreich, Italien, Ungarn, Griechenland oder die Türkei geführt. „Wenn ich unterwegs bin, dann auch immer für die Kunst“, so Okse 126.

Und er will weitermachen. Klar. Berlin bietet jede Menge Gelegenheiten. Die leeren Straßen, die die Ausgangsbeschränkungen bedingt durch das Coronavirus derzeit mit sich bringen, spielen ihm dabei sogar ein bisschen in die Hände. Geld verdiene er zwar bisher nicht mit seiner Kunst, das könne aber ruhig noch werden, sagt er. Solange bringt er eiter kostenfrei eine bisschen Farbe in die Hauptstadt.

Weil es vielen Künstlern wie Okse 126 geht, wurden vor Jahren schon Vermittlungsstellen ins Leben gerufen, die Publikum und Künstler zusammenbringen sollen. Auf der Internetseite „Book a Streetartist“ – „Buche eine Straßenkünstler“ – beispielsweise können sich Künstler registrieren und mit dem Publikum verbinden. Interessierte können sich die Street Artists für Workshops oder Aufträge ganz einfach buchen.