Start-up

Künstlicher Morgentau als Klimaretter

Volker Korrmann will mittels eines Bewässerungssystems mit Netzen ein Mikroklima schaffen, das die Landwirtschaft revolutionieren soll.

Volker Korrmann sucht Menschen, die seine Idee der Bewässerungsnetze unterstützen.

Volker Korrmann sucht Menschen, die seine Idee der Bewässerungsnetze unterstützen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Ein SAP-Berater geht unter die Klimaschützer. Mit 36,6 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid, die laut Statista weltweit ausgestoßen werden (Zahl von 2018) und vielen Millionen Hektar Wald, die jedes Jahr gefällt werden, würden nur noch radikale Schritte helfen, um das Weltklima zu retten, sagt Volker Korrmann. Mithilfe von vertikal gespannten Kunststoffnetzen will er kalte und feuchte Luft produzieren, die sich nicht nur wie ein Morgentau auf die umliegenden landwirtschaftlichen Flächen legt, sondern auch eine Photovoltaik-Anlage kühlt, die Strom direkt vom Feld erzeugt.

Wie wirksam Verdunstungskälte an heißen Sommertagen ist, weiß sicher jeder. Ein feuchtes Tuch übers Gesicht gelegt und das kleine Wunder geschieht. Die verdunstende Luft kühlt den Organismus. Und dennoch: Der Diplomingenieur für technische Informatik versucht schon eine Weile, die Idee seines Start-ups „ewind“ mit Sitz in Lichtenrade an den Markt zu bringen. Bisher blieben seine Versuche Förder- oder Forschungsgelder zu akquirieren ohne Erfolg. Die nötigen 100.000 bis 300.000 Euro, die er für die Realisierung seines Projekts unter realistischen Bedingungen benötigt, will er nun durch Privatleute, über das sogenannte Crowedfunding, sammeln.

„IrrigationNets“ sollen ein Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz sein

„Das Haus brennt und wir gießen täglich Öl hinein“, sagt Korrmann. Dieses Bild erinnert sehr an die Worte von Klimaschützerin Greta Thunberg. Die junge Schwedin hat die dramatische Lage, in der sich das Klima unserer Erde befindet, ganz ähnlich beschrieben. Auch Volker Korrmann merkt man die Ernsthaftig- und Kompromisslosigkeit hinter seiner Aussage an.

Nicht weniger als Umweltschutz im großen Stil will er mit den sogenannten „IrrigationNets“, zu Deutsch Bewässerungsnetzen, betreiben. Die feinmaschigen Netze aus Polyethylen sollen an landwirtschaftlichen Feldern großflächig gespannt werden. Vor allem dort, wo das Klima durch hohe Temperaturen und Sonneneinstrahlung geprägt ist, wie etwa in afrikanischen Ländern, Indien, Italien oder Spanien, will Korrmann die landwirtschaftlichen Erträge der Menschen dort erhöhen und gleichzeitig Entwicklungshilfe leisten.

Fünf Kilometer weit soll die kühle, feuchte Luft über die Felder getragen werden

Über eine Wasserzufuhr läuft von oben Wasser über die Netze und bildet daran Tropfen. Mittels Gebläse wird Wasser der Tropfenoberfläche abgetragen und zu feuchter Luft, die sich so zart wie ein Morgentau über die Pflanzen legt. Fünf Kilometer weit soll der Wind die Luft tragen können. „Auf diese Weise lassen sich zum Teil ganze Wüsten begrünen“, ist sich Korrmann sicher. Auch die Waldbrandgefahr könne man durch feuchte Luft ein Stück weit eindämmen.

Das verwendete Wasser stammt aus den örtlichen Brunnen. Bei Projekten in Tunesien begegnete Korrmann einem sehr häufigen Problem, das Küstenregionen haben. Durch die starke Nutzung des Grundwassers sinkt der Grundwasserspiegel zunehmend. Was stattdessen angesaugt wird, ist dann häufig salziges Meerwasser. Für die Landwirtschaft nicht zu verwenden. Bei der Verdunstung an den Netzen entsalzt das Wasser gleichzeitig. Das Salz bleibt im Wasser, das an den Netzen zurückbleibt und läuft ab.

Bauern und Solarstrom-Investoren arbeiten Hand in Hand

Bei all dem bekommt der Landwirt einen wichtigen Kooperationspartner an die Seite. Die Ackerflächen werden von Photovoltaikanlagen in drei Meter Höhe überdeckt sein, mit denen wird nicht nur das Gebläse mit Strom versorgt, sondern immer auch ein Überschuss produziert. Für den Investor ein lohnendes Geschäft, sagt Korrmann. Die produzierte Verdunstungskühle zieht unter den Solarkraftwerken hindurch und kühlt diese im selben Atemzug. Knapp 20 Zentimeter große Spalte zwischen den Modulen lassen Sonnenlicht hindurch, schützen Pflanzen aber davor zu verbrennen. Korrmann denkt dabei besonders an Schattengewächse wie Beeren aber auch die Nachzucht von Bäumen. Gegossen werden muss natürlich trotzdem, aber deutlich weniger, so Korrmann.

Die Vereinbarung zwischen Bauer und Solarstrom-Investor stellt sich der Unternehmer so vor: Der Investor kann die landwirtschaftliche Fläche für seine Solarmodule kostenlos nutzen und wird auch noch am Ernteertrag beteiligt. Damit kann sich der Landwirt die Investition in den Solarpark schon eher leisten, sagt Korrmann.

Volker Korrmann: Kleine Veränderungen im Mikroklima können ganze Flächen begrünen

Was geschieht sind kleine aber wirkungsvolle Veränderungen des Mikroklimas, „durch die riesige Effekte erzeugt werden“, so der Unternehmer. Aus Sicht der Pflanzen seien diese Veränderungen positiver Natur. Welche Auswirkungen die „IrrigationNets“ für Tiere und Pflanzen aber tatsächlich hätten, kann ohne einen realistischen Versuch auch Volker Korrmann nicht sagen. Bisher mangelt es am Geld. Die erste Testversion in Kaisersesch (Rheinland-Pfalz) habe er durch Spenden finanzieren können. Vier Forschungsanträge seien bisher abgelehnt worden. Und auch Investoren zögern. „Viele haben Interesse, aber keiner will der erste sein“, so Korrmann.

Prototypen der Netze stehen in der Landesstelle für gewerbliche Berufsförderung in Entwicklungsländern in der Peter-Lenné-Schule in Zehlendorf. Dort unterstützt man Korrmanns Ideen und hat ihm deshalb Fläche für sein Projekt zur Verfügung gestellt. Seit mehr als 50 Jahren werden dort Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern ausgebildet. Seit 10 Jahren vorrangig auf dem Gebiet der regenerativen Energien und Wassermanagement. Vor vier Jahren hat Volker Korrmann an der Landesstelle bereits ein unterirdisches Bewässerungssystem gebaut, berichtet Landesstellen-Koordinator Klaus Pellmann.

Damit sie in den Ländern Anklang finden, muss die Technik dahinter simpel und leicht verständlich sein, so Pellmann. Korrmanns Ideen seien gut, sagt er. „Nun müssen diese Methoden auf die Bedingungen in den Zielländern übertragen werden.“

Crowedfunding-Aktion: www.FunderNation.eu