Prostitution

Straßenstrich: Wie es ist, an der Kurfürstenstraße zu leben

Jobst W. ist in der Nähe des Straßenstrichs aufgewachsen. Er hat lange weggeschaut, bis zu einem Tag.

Foto: Reto Klar

Berlin. Irgendwann war genug. Genug von den Autos, die in zweiter Reihe auf der Straße stehen. Genug von den Menschen, die im U-Bahnhof mit Drogen handeln. Genug von den Zuhältern, die Frauen, auf den Strich schicken. Über diese Zustände hatte Jobst W. sein Leben lang hinweggeschaut. Er trat kräftiger in die Pedale seines Fahrrads, wenn Frauen aufdringlich wurden und er wich den Wagen aus, die anhielten, um Frauen ins Auto steigen zu lassen. Doch dieser eine Sonnabend sei ihm zu viel gewesen.

Es war noch früh am Abend, als Jobst W. noch schnell zum Einkaufen gegangen war. Auf dem Weg nach Hause beobachtete er, wie drei Jugendliche eine transsexuelle Prostituierte attackierten. Sie traten mit den Füßen nach ihr und warfen Gegenstände. Die Transfrau wehrte sich mit Steinen, die sie auf die Jugendlichen schmiss. Jobst W. alarmierte die Polizei und versuchte einzuschreiten. Er hinderte zusammen mit anderen Passanten die Jugendlichen daran wegzurennen. Doch zu allem Übel mischten sich umgehend Zuhälter und andere Prostituierte ein, die Jobst bedrängten. „Keine Polizei“ sollen sie gesagt haben. Da war es aber bereits zu spät. Aufsehen erregen will hier eigentlich keiner.

Urin, Kondome, Alufolie – Jobst W. hat sich daran gewöhnt

Die Polizei bestätigt die Schilderungen von Jobst W. auf Nachfrage. Doch sie fügt eine Ergänzung an. Die Transfrau soll den Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 15 Jahren sexuelle Dienstleistungen angeboten haben. Nachdem die drei Teenager abgelehnt hatten, sei die Situation eskaliert. Gegen die transsexuelle Prostituierte und die Jugendlichen wird nun ein Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitet. Verletzt wurde nach Angaben der Polizei keiner der Beteiligten.

W. kennt die Kurfürstenstraße und die Erscheinungen, die der Straßenstrich mit sich bringt. Früher gehörte die Straße zu seinem Schulweg. Heute wohnt der mittlerweile 30-Jährige immer noch in der Nachbarschaft, eine Häuserreihe weiter. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit begegnen ihm die Überbleibsel der vergangenen Nächte: Die Kondome, die neben dem Gehweg im Gebüsch liegen. Die zerknüllten Alufolienknäuel, die den Gullydeckel verstopfen. Der Urin-Gestank, der aus der Ecke steigt.

Kurfürstenstraße ist seit Jahren ein Reizthema

An diesem besonderen Sonnabend war das Maß voll, zu viel hatte sich angestaut. Noch am selben Abend schickt er eine Mail an die Bezirksbürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel (Grüne) und Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD). Darin berichtet er einerseits sachlich von dem Vorfall, wirft aber insbesondere Schöttler vor, die Kriminalität um die Kurfürstenstraße durch „falsche Toleranz aufrechtzuerhalten“.

Die Kurfürstenstraße ist in der Politik seit Jahren ein Reizthema. Problemlösungen blieben lange Zeit aus. Bewohner hatten den Eindruck: Es werde viel geredet, passiert sei aber nichts. Seit 2018 setzen sich Politiker der Bezirksämter und des Senats mit Beteiligten an einen runden Tisch. Es hat Bürgerbefragungen gegeben. Und nun soll in diesem Jahr die Problembewältigung beginnen.

  • Mit zwei bis drei weiteren Toiletten. Sie sollen in erster Linie der Sauberkeit wegen im Kiez aufgestellt werden.
  • Mit einem Duschmobil für die Frauen.
  • Mit dem Frauentreff Olga, der nun auch am Wochenende geöffnet werden soll. Er ist für die Sexarbeiterinnen eine Anlaufstelle, um sich untersuchen zu lassen oder sich auszuruhen.
  • Mit mehr Streetworkern.

Senat plant 500.000 Euro für Kurfürstenstraße ein

Für die Maßnahmen, die Schöttler zufolge im ersten Quartal des Jahres umgesetzt werden sollen, hat der Senat 500.000 Euro im Haushalt 2020/2021 eingeplant. Das geht aus einer Anfrage der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus hervor. Die Bezirksbürgermeisterin spricht von einer „Absicherung bestehender Strukturen und Angebote vor Ort und einer Verbesserung der Infrastruktur“.

Das ist es, was Jobst W. nicht versteht. Es ist ein früher Nachmittag unter der Woche, noch ist es ruhig in der Kurfürstenstraße. Schräg gegenüber dem U-Bahnhof-Aufgang sitzt ein Mann mit Sonnenbrille auf einem Stuhl. „Aufpasser“ nennt ihn Jobst.

Auf der Straßen hält ein schwarzer Wagen. Eine Frau will einsteigen, aber der Fahrer des Autos entscheidet sich, weiterzufahren. Vor der Zwölf-Apostel-Kirche torkelt ein Mann aus der Eco-Toilette. In Jobst Ws. Augen werden in der Kurfürstenstraße Strukturen geschaffen, die Kriminalität an diesem Ort bestärken.

Vorschlag für einen Sperrbezirk an der Kurfürstenstraße stieß auf Ablehnung

Er möchte nicht wie ein Wutbürger wirken. Er mag die Gegend. Erst vor einem halben Jahr hat Jobst W. geheiratet, Kinder hier großzuziehen kann er sich vorstellen. Aber der 30-Jährige hat ähnlich wie viele andere Bewohner das Gefühl, Politiker würden ihn nicht berücksichtigen. Die Maßnahmen gehen in eine falsche Richtung, sagt er.

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel sagte der Kurfürstenstraße in der Vergangenheit den Kampf an. Er wollte einen Sperrbezirk und damit die Prostitution auf ein Gelände in der Nähe des Flughafens Tegel schieben. Sogar parteiintern stieß er damit auf Ablehnung. Für W. ist der Vorschlag ein langersehnter Wunsch. Er läuft die Auffahrt zu einer Tiefgarage hinab. Einen halben Meter vor einer Müllpfütze bleibt er stehen, so als wolle er einen Sicherheitsabstand einhalten. Wenn es dunkel wird, gingen Freier oftmals mit den Sexarbeiterinnen hier runter. Manchmal seien auch Junkies hier. Und andere würden auf Toilette gehen. W. kann sich nicht vorstellen, dass ein paar Eco-Toiletten das besser machen sollen. Die Drogen blieben trotzdem. Der Sex auch.