Senatsverwaltung

Im Bezirk fehlen 86 Plätze in Willkommensklassen

Sieben Sprachlerngruppen für geflüchtete Kinder zu wenig: Schulamt Tempelhof-Schöneberg schickt Brandbrief an die Schulen im Bezirk.

Ein Schüler an einem Gymnasium meldet sich im Unterricht.

Ein Schüler an einem Gymnasium meldet sich im Unterricht.

Foto: dpa

Berlin. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg gibt es im Moment für 86 Kinder und Jugendliche keinen Platz in den sogenannten Willkommensklassen. Dort lernen Kinder und Jugendliche, meist mit Fluchthintergrund die deutsche Sprache. Für sie besteht Schulpflicht. Das Schulamt des Bezirks hat in einem Brandbrief an die Schulen auf den Missstand aufmerksam gemacht und um Unterstützung gebeten.

In dem Brandbrief an die Schulleiterinnen und Schulleiter im Bezirk, der am Montag bekannt geworden war, wird davor gewarnt, dass die Schulpflicht für die knapp 90 Kinder nicht durchgesetzt werden könne, wenn keine weiteren Schulplätze geschaffen werden. Betroffen sind Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse, die zunächst in Lerngruppen zusammenkommen, bevor sie am regulären Unterricht teilnehmen können. Der Tagesspiegel hatte zuerst berichtet.

36 Grund- und 50 Oberstufenschüler betroffen

Es handele sich um 36 Kinder im Grundschulalter und 50 Jugendliche im Oberstufenalter, sagt Schulstadtrat im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Oliver Schworck (SPD). Er sagt, die Zahlen der Kinder mit Anspruch auf einen Lerngruppenplatz sei erst seit November stark angestiegen, weil andere Bezirke ihre Unterkünfte für Geflüchtete geschlossen hatten und die Betroffenen nach Tempelhof-Schöneberg verlegt wurden. In den Weihnachtsferien, so berichten andere Medien, habe Steffen Künzel, Leiter des Fachbereichs Schulplanung, eine E-Mail mit dem Hilfegesuch an die Schulen verschickt.

Warum dies im Bezirksamt nicht rechtzeitig bekannt geworden war, konnte Schworck am Mittwoch nicht sagen. Dies habe aber Fall dazu geführt, dass man nicht rechtzeitig damit begonnen habe, die sieben benötigten Gruppen an den Schulen im Bezirk einzurichten. Auf ganz Tempelhof-Schöneberg verteilt, gebe es im Moment 51 dieser Lerngruppen.

Schulen im Bezirk sollen Angebote bereitstellen

Um die nun wieder benötigten Gruppen bereitzustellen, braucht es die Schulen. „Bis morgen haben diese Zeit, sich zu melden“, so der Stadtrat. Schworck ist zuversichtlich, dass sich in dieser Woche genug Schulen bereit erklären, Lerngruppen einzurichten. „Wir wollen keine Schule zwingen“, sagt Schworck. Man ist also auf die Freiwilligkeit der Lehrstätten angewiesen.

Langfristig soll aber genauer beleuchtet werden, welche Schwierigkeiten auf die Schulen bei den Willkommensklassen zukommen. Er plädiert dafür, das bestehende Konzept dahingehend zu überarbeiten. Das gehe aber nur gemeinsam mit dem Senat, sagt Schworck. Denn die Planung der Schulplätze obliegt dem Bildungssenat unter Sandra Scheeres (SPD).

Grüne und CDU kritisieren den Mangel scharf

Auch Grüne und CDU in Tempelhof-Schöneberg fordern unisono ein neues Konzept für den Unterricht geflüchteter Kinder und Jugendlicher. Diese missliche Lage sei „kein unerwarteter Notstand“, sagt Martina Zander-Rade, schulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg.

Stattdessen sei dies „das vorhersehbare Ergebnis einer jahrelangen Untätigkeit der politisch Verantwortlichen“. Zander-Rade wirft der Senatsschulverwaltung vor, die Lage falsch eingeschätzt zu haben und bezeichnete den Umgang mit der realen Entwicklung bei den Kindern mit schlechten Deutschkenntnissen als „Ignoranz“.

Die Grünen-Politikerin kritisiert außerdem, dass der Bezirk nun den Schulen die Lösung des Problems überträgt. „Nun den schwarzen Peter und die Verantwortung den Schulleitungen zuzuschieben, die ohnehin trotz der unzumutbaren Arbeitsbelastungen jetzt schon alles möglich machen, grenzt an einen Offenbarungseid“, so Zander-Rade.

Noch im Dezember war keine Rede von fehlenden Willkommensklassen

Noch vor Weihnachten hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verkündet, dass alle Kinder mit einem Schulplatz versorgt werden können, schimpft auch die CDU Tempelhof-Schöneberg. Die Situation für Kinder mit nur geringen Deutschkenntnissen sei im Bezirk schon immer angespannt, weshalb der Bezirk berlinweit die meisten Lerngruppen eingerichtet hat, sagt Christian Zander, schulpolitischer Sprecher der CDU.

Noch im Schulausschuss im Dezember verkündete das Schulamt, dass es in diesem Schuljahr noch keine Kapazitätsengpässe gäbe. Zander reagiert verwundert darüber, dass dies, einen Monat später, anders sei. Der CDU-Politiker hat für die Januar-Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung eine Große Anfrage angekündigt, um die Gründe für diese rasche Entwicklung zu erfragen. CDU-Fraktionsvorsitzender Matthias Steuckardt dazu: „Womöglich ist der Notstand tatsächlich nicht nur der Großwetterlage geschuldet, sondern hausgemacht.“