Holocaust-Gedenken

Ein Stolperstein für das Mädchen mit dem Koffer

Bewohner der Seniorenresidenz Tertianum, unter ihnen Margot Friedländer, spendeten Stolpersteine.

Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer (l.) beobachtet den Künstler Gunter Demnig, als er vor der Seniorenresidenz Tertianum an der Passauer Straße Stolpersteine verlegt.

Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer (l.) beobachtet den Künstler Gunter Demnig, als er vor der Seniorenresidenz Tertianum an der Passauer Straße Stolpersteine verlegt.

Foto: Gudrun Mallwitz

Schöneberg.  Es war eine ganz besondere Stolpersteinverlegung: Zur Erinnerung an Berliner Opfer des Holocaust hat der Künstler und Initiator Gunter Demnig in Schöneberg 19 der goldglänzenden, quadratischen Messingplatten im Boden verlegt, 16 Steine davon haben allein Bewohner der Seniorenresidenz „Tertianum“ in der Passauer Straße gespendet. Sie ließen mit Hilfe des Zentrums für Antisemitismusforschung auch die Geschichte der Menschen recherchieren, die einst in den an dieser Stelle stehenden Häusern gewohnt hatten. Zu den Initiatoren gehört die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, die in der Residenz gegenüber des KaDeWe lebt. „So etwas darf nie wieder geschehen“, sagte die 97-Jährige am Rande der kleinen Gedenkfeier. „Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten in Vergessenheit geraten.“

Margot Friedländer zählt zu den Initiatoren

Ungewöhnlich viele Zeitzeugen waren gekommen und legten Rosen nieder. Margot Friedländer war selbst ein Opfer des NS-Terrors. Die Berlinerin hatte sich von 1943 an vor den Nazis versteckt; sie wurde entdeckt und nach Theresienstadt deportiert. Ihr späterer Mann und sie überlebten – und emigrierten in die USA. Nach dem Tod Adolf Friedländers kehrte die Berlinerin 2010 in ihre Heimatstadt zurück. Vor einem Haus in der Skalitzer Straße in Kreuzberg sind Margot Friedländer unter ihrem Mädchennamen Bendheim und ihrer Familie ebenfalls Stolpersteine gewidmet. Sie erinnern an ihre Vertreibung und den Tod ihrer Familie: Ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder starben in Auschwitz. Auch ihr Vater wurde von den Nazis ermordet.

Die Gruppe von Residenzbewohnern hatte sich bereits 2014 dafür entschieden, die Schicksale der einstigen Bewohner herauszufinden und den Holocaust-Opfern Stolpersteine zu spenden. Fünf Jahre ist das her, nun war der Tag gekommen, an dem die Steine verlegt werden konnten.

Die Warteliste für neue Stolpersteine ist lang: Wenn möglich, verlegt der gebürtige Berliner Demnig sie selbst, und das in mehr als 20 Ländern. Viermal im Jahr kommt er dazu nach Berlin.

150 Anträge von Angehörigen und Initiativen offen

Die Steine sollen nicht nur an die Getöteten erinnern, sondern auch an jene, die eingesperrt oder vertrieben worden waren, an alle Opfer des Nationalsozialismus. In Berlin sind bislang weit mehr als 8000 Stolpersteine für die Opfer des NS-Terrors verlegt worden, in Tempelhof-Schöneberg mehr als 900. Nach Angaben der Historikerin Katharina Kretzschmar – sie koordiniert im dortigen Bezirksamt die Stolpersteinverlegungen – sind derzeit rund 150 Anträge von Angehörigen und zivilgesellschaftlichen Initiativen in Tempelhof-Schöneberg offen, in der Regel für mehrere Stolpersteine. Kretzschmar war es auch, die die Recherchen zu den Bewohnern aktualisierte und ergänzte.

Seit vergangenen Freitag erinnern deshalb auch drei Stolpersteine an Gerda Lisalotta Kaufmann, geborene Just sowie ihre Eltern Siegbert Salomon und Elisabeth Minna. Bevor das jüdische Ehepaar nach Auschwitz abtransportiert wurde, hatte es in der Passauer Straße zur Untermiete gewohnt. Der letzte freiwillige Wohnort war aber die Neue Bayreuther Straße 3. Da, wo sich heute ein Baumarkt befindet, war die Familie zuletzt zusammen gewesen. Dort wurden nun auch die Stolpersteine für Gerda und die Eltern verlegt.

Das Mädchen mit dem Koffer

Gerda war als damals 16-Jährige im Sommer 1939 mit einem Kindertransport nach England geschickt worden, um den Nationalsozialisten zu entkommen. Bei sich hatte sie nur einen ein Meter langen und 55 Zentimeter hohen Koffer. Er ist mittlerweile nach Berlin zurückgekehrt, in Empfang genommen hat ihn Lisa Bechner, die Vorsitzende des Kindertransport Organisation Deutschland e.V. Er soll bei einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ort und Zeit stünden aber noch nicht fest, teilte Bechner auf Anfrage der Berliner Morgenpost mit.

Der Verein hatte das Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße mit initiiert. An das Mädchen Gerda und andere, die das Schicksal erlitten, als Kind verschickt zu werden, erinnern seit 2008 an der Georgenstraße in Bronze gegossene Skulpturen von Kindern mit kleinen Gepäckstücken.

Im nahe gelegenen Bahnhof Friedrichstraße und zwei weiteren Berliner Bahnhöfen waren in der Zeit von November 1938 bis Ende August 1939 mehr als 10.000 jüdische Kinder mit dem Zug nach London gebracht und dadurch vor einem späteren Abtransport in ein Konzentrationslager bewahrt worden.

Dank der Angehörigen von Gerda Kaufmann sowie des Engagements der evangelischen Pfarrer Georg Amann in London und Steffen Weishaupt, der einige Zeit als Wissenschaftler in Oxford tätig war - und eigenen Aufzeichnungen ist das Schicksal von Gerda nicht in Vergessenheit geraten. Sie hinterließ 50 Seiten Erinnerungen. Diese wurden Koordinatorin Kretzschmar zugesandt, nachdem sie mit Pfarrer Weishaupt und den Angehörigen Kontakt aufgenommen hatte.

Eltern hatten ein Bekleidungsgeschäft

Geboren wurde Gerda Kaufmann im Dezember 1922 in Crossen an der Oder in der Mark Brandenburg. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern, die ein Bekleidungsgeschäft im Ort betrieben und zum liberalen deutschen Judentum gehörten. Den Aufstieg der Nationalsozialisten schien die Familie zunächst nur als eine merkwürdige und vorübergehende Verirrung zu betrachten, wie Pfarrer Amann aus London in einem Gemeindebrief berichtet. Aber bald wurde Gerda in der Schule ausgegrenzt und das Geschäft der Eltern Ziel antijüdischer Boykottaktionen. Ein Angestellter brachte das Unternehmen an sich. Die Familie zog nach Berlin um, wo sie sich auf Anraten eines Cousins des Vaters mehr Sicherheit erhoffte. „Meine Kindheit war glücklich“, schreibt sie in ihren Erinnerungen, „bis Hitler 1933 an die Macht kam.“

Die Eltern fanden eine Wohnung im Bayerischen Viertel und zogen Ende 1936 in der Neuen Bayreuther Straße 3 ein. Bis 1939 lebte Gerda dort mit ihnen. „Für eine Emigration war es schon zu spät“, schildert Pfarrer Amann die damalige Situation. Im Sommer 1939 wurde das Mädchen deshalb mit einem der letzten der sogenannten Kindertransporte aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach England gebracht. Es sprach kein Wort Englisch. Zusammen mit etwa anderen 150 Kindern, sie waren zwischen 4 Monate und 18 Jahre alt, musste Gerda auf dem Bahnsteig unauffällig Abschied von den Eltern nehmen. Zuerst ging es nach Hamburg, von dort aus auf den amerikanischen Luxusliner S.S. Washington. Drei Tage waren sie unterwegs, bis sie England erreichten.

Die Kinder erwartete ein Empfangskomitee. Doch niemand nahm Gerda mit. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis eine englische Lady kam und sie an der Hand nahm. „Sie sprach viel, aber ich konnte kein Wort verstehen“, schreibt Gerda in ihrer Lebensgeschichte. Die Frau setzte sie in den Zug, bei der Ankunft holte sie ein anderes Flüchtlingsmädchen ab. Im St. Michaels & St. Nicholas Hospital in Pyrford erwartete sie die Heimschwester. „Vier Monate lang weinte ich mich jede Nacht in den Schlaf“, hält Kaufmann in ihren Erinnerungen fest. Das Heimweh ließ nur langsam nach. Später arbeitete sie in England als Kindermädchen und Krankenschwester.

Ab 1942 kamen keine Briefe der Eltern mehr

1942 hörten die Briefe der Eltern auf. Später kam laut Pfarrer Amann ein amtliches Schreiben. Darin war hieß es, dass die Eltern für lange Zeit weg seien. Das Ehepaar, so ergaben die Recherchen, wurde vor der Deportation getrennt. Minna Just wurde am 1. März 1943 mit dem 31. Auschwitz-Transport, Siegbert Just am 2. März 1943 mit dem 32. Auschwitz-Transport weggebracht. Wann genau sie starben, ist nicht bekannt.

Im Februar 1947 lernte Gerda Just ihren späteren Ehemann Hans Kaufmann aus Lichtenau kennen. Auch er war aus Nazi-Deutschland geflüchtet. Die beiden bekamen zwei Kinder. Diese besuchten später die Heimatorte der Eltern in Deutschland.

Gerda Just starb am 1. Mai 1999. Dauerhaft nach Berlin zurückgekehrt ist dank des Engagements der evangelischen Gemeinde nur ihr Koffer.

www.stolpersteine-berlin.de