Claudia Haddads Liebe für Pierre Brice begann verhältnismäßig spät. Die Welle der Winnetou-Filme der 60er-Jahre war längst abgeklungen. „1976 sah ich ihn das erste Mal auf der Freilichtbühne in Elspe – wir sind in der fünften Klasse auf Schulausflug dort hingefahren.“ Acht Jahre nachdem Brice den Apachen-Häuptling das letzte Mal auf der Leinwand verkörpert hatte, trat er in dieser Rolle nun wieder auf. „Ich war sofort hin und weg“, sagt Haddad, die damals elf Jahre alt war. „Er hat mich inspiriert, und ich habe ihn später auch kennenlernen dürfen.“ An diesem Wochenende ist sie extra aus ihrer Heimatstadt Leverkusen nach Berlin gereist. Denn hier wurde am Sonnabend der Nachlass des 2015 verstorbenen Schauspielers versteigert. „Eine Eingebung von oben“, sagte Haddad und lachte. Denn am gleichen Tag feierte sie ihren 54. Geburtstag.

Hunderte Gegenstände kamen den ganzen Tag über im Auktionshaus Historia in Tempelhof unter den Hammer. Darunter waren bekannte Filmrequisiten wie Winnetous Perücke samt Schlangenlederstirnband, Filmplakate und zum Teil unvollendete Drehbücher. Insgesamt fast 800 Positionen rief Auktionator Michael Lehrberger ab zehn Uhr morgens auf. Zum Ende der Auktion am Sonntag gegen 0.30 Uhr belief sich der Gesamterlös auf etwa 150.000 Euro, wie ein Sprecher der Familie am Sonntag mitteilte.

Gebote im Vorfeld teils im vierstelligen Bereich

Die versteigerten Posten bestanden zum Teil aus Konvoluten, wie etwa einer aus 100 Teilen bestehenden Schallplattensammlung. „Es sind bestimmt mindestens 3000 Einzelstücke“, schätzte Thomas Claaßen, Sprecher der Familie. Brice und seine Eltern hätten wirklich alles aus seiner Karriere gesammelt. Sowohl im Saal als auch über das Internet konnte mitgeboten werden, wobei die meisten Zuschläge online gemacht wurden.

Auch Preise, die Brice in seiner langjährigen Karriere bekam, standen zum Verkauf. Darunter waren zwei Bravo Ottos, Leserpreise aus den Jahren 1964 und 1971, sowie ein Bambi, den Brice im Jahr 1971 als „bester ausländischer Filmschauspieler“ bekam. Dafür seien bereits im Vorfeld Gebote in vierstelliger Höhe abgegeben worden, sagt Claaßen. Eine goldene Taschenuhr, die der Schauspieler von Winnetou-Produzent Horst Wendlandt bekam, wechselte bereits während der ersten Auktionsstunde für knapp 3000 Euro den Besitzer. Als begehrtestes Objekt erwies sich der Bravo-Otto von 1971. Für die Preistrophäe der Jugendzeitschrift wurden 13.000 Euro geboten. Die original Winnetou-Perücke erreichte dagegen nur 1400 Euro.

Der Großteil der Dinge, die versteigert wurden, war aber sehr persönlicher Natur – darunter Sammlungen privater Briefe, Dokumente, Fotografien, Fan-Geschenke oder von Brice selbst gemalte Bilder. „Das ganze Leben von Pierre wird hier widergespiegelt“, sagte Claaßen. Angefangen mit einem Familienbuch, in dem 1928 die bevorstehende Geburt vermerkt wurde, bis zu seiner Sterbeurkunde aus dem Juni 2015. Viele der Dinge zeigten dabei auch, wer Pierre Brice jenseits der Schauspielerei war. So diente er ab den späten 40er-Jahren zunächst als Marineoffizier der französischen Armee im Indochina- und später als Fallschirmjäger im Algerienkrieg. „Eine wichtige Zeit in seinem Leben“, meinte Claaßen. Brices Marineausweis wechselte für 260 Euro den Besitzer.

Manche Teile werfen Rätsel auf

Der Nachlass stammt aus dem Besitz von Brice’ Witwe Hella, die aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Versteigerung kam. „Vieles davon kannte sie selbst nicht“, sagte Claaßen. Manches werfe noch heute Rätsel auf, wie ein Aktgemälde, das Brice 1970 malte. „Die unbekannte Schöne“ nennt es Claaßen. Denn Hella und Pierre lernten sich erst sechs Jahre später kennen. „Wir wissen nicht, wer das sein soll.“

Die meisten Dinge waren in der mehr als 500 Quadratmeter großen Villa des Schauspielers bei Paris eingelagert, die vor Kurzem verkauft wurde. Sie hätten zunächst gesichtet und sortiert werden müssen. „Daher wurden sie auch nicht bei der ersten Auktion im November 2015 verkauft.“ Damals seien insbesondere Requisiten aus den Winnetou-Filmen unter den Hammer gekommen – darunter auch eine Replik von Winnetous Silberbüchse, die für 65.000 Euro den Besitzer wechselte. Insgesamt nahm Hella Brice damals eine halbe Million Euro ein. „Das war viel mehr, als wir erwartet haben“, so Claaßen. Das Geld kam damals in großen Teilen wohltätigen Zwecken zugute.

Witwe erfüllt damit den letzten Wunsch von Pierre Brice

Die zweite Auktion sei insgesamt eineinhalb Jahre vorbereitet worden, so Claaßen weiter. „Für Hella ist das natürlich nicht einfach.“ Bevor der Nachlass aber im Keller liegen bleibe, solle er lieber an Menschen versteigert werden, für die er einen Wert habe. Das sei auch der letzte Wunsch ihres Mannes gewesen, wie die Witwe im Vorfeld der Auktion der Deutschen Presse-Agentur sagte. „Teile es mit denen, die mich lieben.“ Seine Fans habe er stets seine Freunde genannt.

Das konnte Claudia Haddad aus Leverkusen nur bestätigen. „Er war immer freundlich und nett, hat alle Fragen beantwortet, war bodenständig und nie eingebildet“, schwärmte sie. Seinen Fans habe er, so oft es ging, ermöglicht, bei den Dreharbeiten zusehen zu können. Ein von ihrem Idol gemaltes und handsigniertes Bild hänge bereits im Wohnzimmer. „Mal sehen, was heute noch dazukommt.“ Zum einen liebäugele sie mit dem Bambi. Aber auch ein kleiner Indianerbeutel oder eine der Ketten wäre schön. „Ich werde es auf jeden Fall in Ehren halten.“

Pierre Brice wurde 1926 in der französischen Hafenstadt Brest als Pierre Louis Baron Le Bris als Sohn eines Marineoffiziers geboren. Nach seiner Zeit als Soldat arbeitete er zunächst als Fotomodell und spielte ab Mitte der 50er-Jahre in mehreren französischen Filmen mit. Der Durchbruch gelang ihm 1962 mit „Der Schatz im Silbersee“. Erstmals schlüpfte er in die Rolle des von Karl May erdachten Apachen-Häuptlings Winnetou. Zehn weitere Filme sollten bis 1968 folgen. Zumeist übernahm der Amerikaner Lex Barker (1919–1973) dabei die Rolle von Winnetous Blutsbruder Old Shatterhand. Beide verband auch privat eine tiefe Freundschaft.

Brice starb am 6. Juni 2015 im Alter von 86 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in einem Krankenhaus bei Paris.

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