Böller und Feuerwerk

Silvester - Am gefährlichsten ist es an der Pallasstraße

Silvester werden einige Berliner Kieze wieder zu Kampfzonen. Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckart lehnt ein generelles Böller-Verbot ab.

An der Pallasstraße kam es im vergangenen Jahr zu massiven Böller-Attacken auf Passanten und Polizeikräfte.

An der Pallasstraße kam es im vergangenen Jahr zu massiven Böller-Attacken auf Passanten und Polizeikräfte.

Foto: Thomas Peise

Weil es an der Pallasstraße in Schöneberg Silvester regelmäßig zu dramatischen Szenen kommt, ist die Polizei in diesem Jahr mit mehr Kräften vor Ort. Polizisten sollen sofort einschreiten, sollten erneut Passanten und Autos gezielt mit Feuerwerkskörpern beschossen werden. Zuletzt eskalierte die Lage Halloween, als aus einer Gruppe von bis zu 100 Menschen Böller und Raketen abgefeuert wurden. Die Gruppe warf auch zwei Brandsätze auf Polizeiautos und attackierte einen vorbeifahrenden BVG-Bus und eine Radfahrerin.

„Dieses Jahr ist mehr Polizei im Einsatz“, sagte Polizeisprecher Michael Gassen der Berliner Morgenpost. Bereits im Vorfeld sei man präventiv im Kiez unterwegs gewesen und habe Aushänge verteilt, die erklären, was Silvester erlaubt ist und was nicht. Die Polizei stehe zudem im engen Austausch mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), der Feuerwehr und den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR). „Wir werden schnell reagieren und Straftaten schnell abarbeiten“, sagte Gassen. Das könne für den Einzelnen bedeuten, dass Silvester zu Ende ist, bevor es richtig begonnen hat.

Am 31. Dezember gibt es häufig Probleme in Berlin

Neben der Pallasstraße zählt die Polizei Berlin zu Silvester noch die Sonnenallee, die Karl-Marx-Straße, die Hermannstraße, den Hermannplatz in Neukölln, Teile der Urbanstraße, das Kottbusser Tor, die Gegend um die Warschauer Brücke in Friedrichshain und den Soldiner Kiez in Wedding zu Schwerpunktgebieten. Die Pallasstraße stelle aber alle anderen in den Schatten, heißt es aus Behördenkreisen. Nirgendwo sei es so gefährlich wie hier.

Feuerwerkskörper, die auf Polizisten gerichtet werden, Krawalle und beschädigte Autos – diese Szenarien haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder zu Silvester an der Potsdamer Straße Ecke Pallasstraße ereignet. Meist sind es größere Gruppen junger Männer, die sich dort versammeln, viele davon türkischer und arabischer Herkunft.

Angelika Tilp ist Sozialarbeiterin beim freien Träger Outreach Mobile Jugendarbeit Berlin. Seit 2003 ist sie als Streetworkerin im Schöneberger Norden unterwegs und kümmert sich um die 14- bis 18-Jährigen. Sie kennt viele Familien im Kiez. Die Böller-Eskapaden zu Silvester an der Potsdamer Ecke Pallasstraße gebe es seit etwa fünf Jahren, sagt sie. „Einige der Jugendlichen sind aus Schöneberg.“ Aber der größere Teil sei, zumindest in den letzten beiden Jahren, aus anderen Stadtteilen, und aus dem Bundesgebiet gekommen.

"Für einige ist es das Event des Jahres"

„Für einige ist es das Event des Jahres“, sagt Angelika Tilp. „Ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.“ Zum Teil sei es Frust über die Lebensumstände, der sich zu Silvester in diesen Aktionen entlädt, meint die Streetworkerin. „Viele junge Leute haben keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Obwohl sie hier geboren und zur Schule gegangen sind.“

Jugendliche aus türkischen und arabischen Familien hätten oft das Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht angenommen zu sein. Wegen ihres Äußeren, und ihrer Religion. „Es ist schwieriger, eine Lehrstelle zu bekommen, wenn man einen ausländisch klingenden Namen hat“, sagt Tilp. „Man wird auch viel häufiger kontrolliert. Die Jugendlichen erleben das Tag für Tag.“ Auch das trage zur Frustration bei. Plakataktionen, die das Quartiersmanagement vor dem Jahresende gestartet hatte, etwa mit dem Aufruf „Böller – nein, danke“ blieben weitgehend wirkungslos.

Angelika Tilp und ihr Kollege Timo Yadav führen regelmäßig Gespräche mit Jugendlichen. Im Vorfeld von Silvester weisen sie daraufhin, was es für Folgen haben kann, wenn sie Böller gegen Polizisten richten. Dass das eine Straftat ist, und die Aufenthaltsgenehmigung dadurch in weite Ferne rückt. Und sie versuchen, den jungen Menschen Perspektiven aufzuzeigen und dadurch die Frustration zu mindern.

"Viele türkische und arabische Jugendliche hier in der Straße haben Abitur"

Doch beide Sozialarbeiter betonen auch, dass sich die Situation für junge Menschen im Schöneberger Norden verbessert hat. „Viele türkische und arabische Jugendliche hier aus der Straße haben Abitur und studieren“, sagt Tilp. Und wer keinen so guten Schulabschluss hat, mache einen Job, im Café oder in der Pizzeria. „Als ich angefangen habe, vor zehn oder zwölf Jahren, da haben die meisten jungen Leute illegal Geld verdient. Das ist nicht mehr der Fall. Fast jeder – ein paar schwarze Schafe gibt es immer – verdient sein Geld jetzt auf legale Art.“

Auch Barbara Krauß, die sich im Quartiersrat engagiert, ist mit dem Kiez vertraut. Seit 2003 lebt sie im Schöneberger Norden. „Die Erfahrung, die ich als Anwohnerin mit Jugendlichen migrantischer Herkunft gemacht habe, waren zu 95 Prozent positiv“, sagt sie. „Allerdings auch aus dem Grund, weil ich gelernt habe, offen auf sie zuzugehen. Und nicht sofort anzunehmen, wenn da fünf Jugendliche stehen, die laut debattieren, dass es für mich ein Grund wäre, mich bedroht zu fühlen.“ Auch von den Böller-Attacken in der Silvesternacht weiß sie. „Ich habe das Gefühl, dass es früher noch eine gewisse soziale Kontrolle durch Familien und Nachbarn gegeben hat“, sagt sie. Dies sei jetzt nicht mehr möglich. „Weil zu denen, die bei diesen Böller-Aktionen hier sind, überhaupt kein Kontakt mehr hergestellt werden kann. Weil es Fremde sind.“

Grüne diskutieren über die Folgen für die Umwelt

Neben der Gefahr, die durch Böller und Feuerwerk ausgeht, gab es zuletzt vor allem aus der Berliner Landespolitik und hier hauptsächlich von den Grünen die Forderung, Feuerwerk in der Stadt aus Umweltgründen zu verbieten. Einem generellen Verbot erteilte nun die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, eine Abfuhr. „Ich persönlich finde Feuerwerk wirklich sehr schön – obwohl ich weiß, wie viel Feinstaub es verursacht“, sagte sie der Berliner Morgenpost.

Es sei Sache der Kommunen, gemeinsam mit den Menschen zu entscheiden, wie bei ihnen Silvester gefeiert werde. Die Frage der Verhältnismäßigkeit eines Feuerwerks müsse von den Städten und Gemeinden beantwortet werden. Zuvor hatte die Chefin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, die Bürger zur Zurückhaltung beim Feuerwerk am kommenden Montag aufgefordert. „In der Silvesternacht steigt die Luftbelastung mit Feinstaub explosionsartig an. In vielen Orten ist die Feinstaubkonzentration am 1. Januar so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht“, sagte Krautzberger.