"Lebensort Vielfalt"

Schöneberger Heim spezialisiert sich auf Schwule und Lesben

Die Forschung zeigt, dass ihre Identität im Pflegeheim meist ungesehen bleibt. Mit einer Initiative soll das künftig anders laufen.

Eine Seniorin sitzt in einem Rollstuhl in einem Zimmer im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg. Am 14. November bekommt es als erstes Heim bundesweit ein Qualitätssiegel für sogenannte LSBTI*-sensible Pflege.

Eine Seniorin sitzt in einem Rollstuhl in einem Zimmer im Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg. Am 14. November bekommt es als erstes Heim bundesweit ein Qualitätssiegel für sogenannte LSBTI*-sensible Pflege.

Foto: dpa

Berlin. Das Piktogramm am Aufzug zeigt es an: Männer, Frauen und auch weitere, mit *-Zeichen gekennzeichnete Menschen können hier hoch- und runterfahren. Auf der Tafel daneben muss aber nachgebessert werden: "Bewohnerzimmer" steht da. Das werde noch geändert - in "Bewohner*innenzimmer", sagt Heimleiter Ralf Schäfer.

Denn das Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg in einem Kiez mit einer lebendigen Community aus Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*- und Inter*-Personen (LSBTI*) schreibt sich passgenaue Pflege für diese Zielgruppe auf die Fahnen. Am Mittwoch (14. November) bekommt es als erstes Heim bundesweit ein Qualitätssiegel für sogenannte LSBTI*-sensible Pflege.

Sternchen verweist auf geschlechtliche Identitäten

Das Sternchen in den Bezeichnungen verweist auf weitere mögliche geschlechtliche Identitäten. Aber was bedeutet diese Vielfalt für ein Pflegeheim, mal von Schildern, Regenbogen-Deko und geschlechtsneutral mit "WC" beschilderten Toiletten abgesehen? 120 Kriterien umfasst der Katalog, den die Berliner Schwulenberatung mit Menschen aus der Community erarbeitet hat. Heime, die das neue Siegel "Lebensort Vielfalt" haben wollen, müssen einen Großteil erfüllen. Mit erst einmal zehn bis zwölf Heimen bundesweit rechnet der Projektleiter bei der Schwulenberatung, Marco Pulver. Finanziert werde das Vorhaben bis 2020 mit 360 000 Euro vom Bundesfamilienministerium.

Eines der Kriterien lautet zum Beispiel: "Es werden Begriffe der sexuellen Orientierung (frauenliebend, schwul, etc.) verwendet, mit denen sich die Bewohner*innen identifizieren." Oder: "Es besteht Konsens, dass alle Bewohner*innen ein Recht auf Praktizierung ihrer Sexualität haben." Spricht man mit Pflegekräften in Schöneberg, so betonen sie, dass viele Kriterien für sie schon vor den nun absolvierten Fortbildungen selbstverständlich gewesen seien. Manche von ihnen sind selbst nicht heterosexuell und schätzen ein Umfeld, das explizit frei von Diskriminierung sein soll.

Neuankömmlinge im Heim machen nach Erfahrung von Altenpflegerin Theresa Rahm selten einen Hehl aus ihrer Geschichte und ihren Vorlieben. "Man kriegt das meist einfach so mit. Die Leute äußern hier in Berlin ihre Orientierung." Rahm erzählt von einem ehemaligen Bewohner, dessen Fetisch es war, nachts stets eine Gummihose zu tragen. Auch Geräusche von Pornofilmen seien auf dem Flur manchmal zu hören, heißt es.

Und wenn es weniger offensichtlich ist?

"Wir fragen dezent nach, ob es irgendwelche Wünsche gibt", sagt Schäfer. Filme, Magazine, Bücher wurden gerade noch aus einer Spezialbuchhandlung besorgt. Die anderen Bewohner jedenfalls geben sich offen - wobei, mit Nackt-Rumlaufen könne man im Haus vielleicht noch für Erstaunen sorgen, sagt eine Seniorin. Derzeit ist der LSBTI*-Anteil in dem Heim überschaubar: vier von rund 60 Menschen. In den Paarzimmern wohnen aktuell nur heterosexuelle Paare. Ein Heim allein für die Regenbogen-Community wolle man auch nicht werden, sagt Schäfer. Eine Mischung sei gut.

Dabei ist das Angebot für die Zielgruppe in Deutschland bislang sehr klein, wie der Soziologe Ralf Lottmann sagt. Er hat an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zum Thema geforscht und geht bundesweit von einer knappen halben Million LSBTI*-Personen aus, die 65 Jahre und älter sind. "Bisher gibt es für die Pflegebedürftigen unter ihnen aber nur einzelne Angebote in Berlin, Frankfurt und München - wichtige Symbolprojekte", sagt er. Daneben ermöglichen ehrenamtliche Dienste, lange in den eigenen vier Wänden zu bleiben.

Gleichaltrige Freunde, die im Kiez bleiben wollen - nicht nur das sind Argumente gegen "normale" Heime. Bisher würden LSBTI* dort oft übersehen oder übergangen, weil prinzipiell zunächst Heterosexualität unterstellt werde, sagt Lottmann. Dabei dürften nach seinen Berechnungen in Deutschland etwa 8800 LSBTI*-Personen in Heimen gepflegt werden und mehr 40 000 ambulant.

Es herrscht noch viel Unwissen

Darüber hinaus herrsche noch viel Unwissen in der Branche, sagt der Altersforscher. Oft würden unter dem Thema nur sexuelle Praktiken verstanden, dabei gehe es für die Menschen selbst um mehr: ihre Identität. "LSBT-Personen wollen keine Extrawurst, sie wollen nur - wie alle - individuell und mit Blick auf ihre Lebensgeschichte gepflegt werden", sagt Lottmann. Und das werde oftmals schon zur Herausforderung für das klassische Pflegesystem.

So kommt es, dass der Gedanke ans Heim bei der Gruppe mit großem Unbehagen verbunden ist. "Die Generation hat noch schlimme Diskriminierungserfahrungen gemacht", sagt Lottmann. Sie fürchte, die eigene Identität wieder verstecken zu müssen und sich im hohen Alter nicht mehr wehren zu können, etwa wenn das Pflegepersonal andere moralische oder religiöse Vorstellungen hat. Für Inter- und Transpersonen kommt Lottmann zufolge oft noch ein Aspekt hinzu: Die Gefahr einer Re-Traumatisierung nach negativen Erfahrungen im Gesundheitswesen. "Ein Siegel kann da signalisieren, dass ein Heim mit nicht-normativen Körpern umzugehen weiß", sagt er.

Altenpflegerin Rahm erinnert sich an ihre Ausbildung vor rund 20 Jahren und an Berührungsängste von Kolleginnen bei einer lesbischen Bewohnerin: "Ausgrenzende Pflege", nennt sie das. Wie sie mit den Menschen umgeht? Wenn ihr eine Bewohnerin zum Beispiel berichte, ein halber Mann zu sein, dann reagiere sie mit Humor: "Ich sag dann: `Ist doch schön, besser vielleicht als ein ganzer Mann."`Und wenn es einmal doch Probleme gäbe, etwa mit Vorlieben wie der Gummihose? Im Team würden dann Absprachen getroffen, so dass zum Beispiel andere Kollegen den Bewohner übernehmen, sagt Rahms Kollege Nils Orsinger.

Aus Sicht von Lottmann ist Deutschland mit dem Qualitätssiegel jetzt international bei diesem Thema vorn dabei. Nur die Niederlande mit circa 100 zertifizierten LSBTI*-Heimen seien weiter. Das dortige, für Heime kostenpflichtige Siegel ("pink passkey") sei inzwischen sogar für Heterosexuelle ein Hinweis auf eine bessere Pflegequalität.

Ralf Schäfer jedenfalls sieht erste Vorteile, bevor sein Haus das Siegel offiziell überhaupt erhalten hat. Seit es den Hinweis darauf im Internet gebe, bekomme er mehr Bewerbungen von Pflegekräften, sagt er. Auch Lottmann bestätigt, dass ein Siegel ein Marktvorteil nicht nur im Kampf um Kunden, sondern auch um treue Mitarbeiter sein kann. Aber es ändere noch nicht grundlegende Mängel im System, betont er.

Um das Siegel dauerhaft und auch in kleineren Städten mit Leben zu füllen, dürfte noch viel zu tun sein. Mehr als die Änderung, die nach Schäfers Worten bei der Begutachtung in Schöneberg angeregt wurde: In die Fensterscheiben solle man noch einen Regenbogen malen.

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