Kulturförderung

Theater Morgenstern in Friedenau will aufgeben

Die Betreiber des Kinder- und Jugendtheaters Morgenstern drohen nach 24 Jahren mit Schließung - wenn sie nicht unterstützt werden.

Die Betreiber Pascale Senn Koch (links) und  Daniel Koch (rechts), hier mit den Schauspielern (v.l) Selim Çinar, Esther Geyer und Tobias Löschberger.

Die Betreiber Pascale Senn Koch (links) und  Daniel Koch (rechts), hier mit den Schauspielern (v.l) Selim Çinar, Esther Geyer und Tobias Löschberger.

Foto: Gudrun Mallwiitz / Gudrun Mallwitz

Berlin. Die Betreiber des Kinder- und Jugendtheaters Morgenstern im Rathaus Friedenau erwägen, das Haus zum Jahresende zu schließen. „Im September 2019 würden wir eigentlich das 25-jährige Jubiläum feiern“, sagt Pascale Senn Koch. „Doch ohne Aussicht auf eine verbindliche, tragfähige Lösung für unsere akuten Probleme können wir das neue Jahr nicht in Angriff nehmen.“ Ihr Mann Daniel Koch wird noch deutlicher: „Wenn wir weiterhin keine Unterstützung bekommen, endet eine über 24 Jahre hinweg gewachsene Theaterarbeit für Kinder, Jugendliche und ihre Familien.“

Fast 420.000 Besucher in 24 Jahren

Die bisherige Bilanz des einzigen Kinder- und Jugendtheaters im Südwesten Berlins, das nun auf der Kippe steht, klingt beeindruckend: 33 Inszenierungen gab es bislang, 419.844 kleine und große Besucher kamen in die 3.256 Vorstellungen. Zahlreiche Schulklassen aus ganz Berlin hat das Morgenstern begeistert. Und es begeistert immer noch, auch wenn es schon in die Jahre gekommen ist.

Was ist passiert? Warum wollen der Regisseur und die Schauspielerin, die das Theater Morgenstern 1994 gegründet hatten, plötzlich aufgeben? Beide hatten sie doch stets leidenschaftlich um den Weiterbetrieb gekämpft. 2014 stand das kleine, beliebte Theater schon einmal vor dem Aus: Damals sollte die Steuerfahndung in das bislang vom Bezirk genutzte Gebäude einziehen. In diesem Fall wäre der 100 Jahre alte Theatersaal mit der goldumfassten Kassettendecke zum schnöden Aktenlager umfunktioniert worden.

Theaterprojekte mit Geflüchteten

Statt der Beamten kamen 2015 aber dann die ersten Flüchtlinge. Erst diente ihnen das Rathaus als Notunterkunft, mittlerweile leben hier Frauen und Kinder in einer Gemeinschaftsunterkunft. „Mit ihnen gibt es nicht nur ein friedliches Nebeneinander, sondern ein Miteinander, sagt Pascale Senn Koch und verweist auf erfolgreiche Theaterprojekte.

„Wir haben anders als andere Theater bislang ohne jegliche Unterstützung durch den Senat gearbeitet“, erzählt Daniel Koch. „Doch inzwischen sind wir in eine finanzielle Schieflage geraten, die nicht haltbar ist.“ Das mittellose Theater könne eine innovative Programmgestaltung nicht gewährleisten. „Unser Ziel, vermehrt neue Wege in der Kinder- und Jugendarbeit ausprobieren, können wir nicht umsetzen, denn dafür fehlt das Geld“, so Koch. Nötig seien tragfähige Strukturen: eine feste Hilfe im Büro, eine Teilzeitkraft für Öffentlichkeitsarbeit sowie eine Projektleitung für die Spielplangestaltung und Betreuung der Veranstaltungen. Vor allem auch Programm-Mittel, um eine adäquate Honorierung der Künstler zu gewährleisten.

Holzhandel sichert Lebensunterhalt

„Das Morgenstern hat nur deshalb so lange ohne Förderung bestehen können, weil wir nebenberuflich einen Holzhandel betreiben, der uns den Lebensunterhalt mit drei Kindern sichert“, erläutert Pascale Senn Koch. Außerdem könne man den Schauspieler nicht das zahlen, was angemessen wäre. Dadurch werde es auch immer schwieriger, sie länger halten zu können.

Etwa acht Schauspieler sind an den jährlichen Produktionen beteiligt. Seit fast 13 Jahren gehört Selim Çinar dazu. Der 39-jährige ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Theaterpädagoge „Dieses Theater bedeutet für mich sehr viel“, sagt er, „es macht mich aus.“ Mit der sehr körperlichen Spielweise gelinge es, das Publikum in den Bann zu ziehen. „ Die Schüler haben in Vorstellung nicht das Bedürfnis, irgendetwas dazwischen zu rufen, sie sind voll dabei“, freut sich der gebürtige Berliner. So kommt auch das neue poetische Stück „Die große Wörterfabrik“ ab 18. November fast ganz ohne gesprochene Sprache aus.

Fällt bald der letzte Vorhang?

Aufgeben will das Betreiberpaar noch nicht, auch wenn es die Politik ganz klar vor die Alternative stellt: Entweder ihr unterstützt uns wie auch andere Theater oder es fällt demnächst der letzte Vorhang. Das Interesse der Besucher ist nach wie vor groß: Zwischen 15.000 und 20.000 kommen jährlich. „Unser Eindruck ist, dass Geld dahin vergeben wird, wo schon Geld vorhanden ist“, bedauert

Unterstützung deutet sich an. Vorige Woche hat der Kulturausschuss des Bezirks einstimmig auf Antrag der Grünen und der CDU zugesichert, sich für das Theater Morgenstern einsetzen zu wollen. An diesem Montag waren die Kochs im Abgeordnetenhaus. Dort tagte der Kulturausschuss.

Abgeordneter Schweikhardt zeigt sich optimistisch

Der Schöneberger Abgeordnete Notker Schweikhardt (Grüne) fragte in der Sitzung den zuständigen Kultur-Staatssekretär Torsten Wöhlert (Linke), ob die beiden von den Kochs gestellten Förderanträge eine Chance auf Bewilligung haben. Der Antrag der Theaterbetreiber, zum 25. Jubiläum eine Förderung von 230.000 Euro zu erhalten, übersteigt nach dessen Aussage das Budget des Fördertopfes für die Produktionsorte. Der Antrag wurde aber als förderwürdig eingestuft. Deshalb werde nun nach anderen Möglichkeiten gesucht, so Schweikhardt.

Der zweite Antrag, nötige Investitionen mit 160.000 Euro bezuschusst zu bekommen, sei bislang noch nicht entschieden. „Ich bin zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird“, sagte der Abgeordnete der Berliner Morgenpost. "Es wäre ein herber Verlust, wenn das Theater Morgenstern zumachen müsste. Wir müssen deshalb alles tun ,um es zu erhalten.“

Am kommenden Donnerstag hat das Betreiberpaar einen weiteren Termin -- in der Kultursenatsverwaltung. „Noch besteht die Chance, dass es weitergeht“, sagt Pascale Senn Koch. Es klingt nun doch ein bisschen Zuversicht mit.

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