Riesige Freifläche

Tempelhofer Feld - freibleiben oder bebauen?

Die mögliche Bebauung des Tempelhofer Feldes sorgt für einige Diskussionen bei den Bezirkspolitikern.

Ob das Tempelhofer Feld bebaut wird oder nicht, ist immer noch Thema

Ob das Tempelhofer Feld bebaut wird oder nicht, ist immer noch Thema

Foto: Reto Klar

Berlin. Bei den Touristen wirbt Berlin mit dem Tempelhofer Feld als ganz besondere Attraktion: So viel Platz zum Skaten, Radfahrer, Spazieren gehen, gärtnern und picknicken – das gibt es nirgendwo anders als auf dieser riesigen Freifläche inmitten der Metropole. Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) will den alten Plan aber nicht aufgeben, dass der 300 Hektar grüne Freiraum auf dem ehemaligen Flughafen zumindest am Rande mit Wohnhäusern bebaut wird. „Die Diskussion kommt wieder, weil der Druck wächst“, sagte er bei einer Veranstaltung vor der Industrie- und Handelskammer mit Verwies auf die steigenden Einwohnerzahlen.

Gegen Ende der laufenden Wahlperiode, also 2021 oder kurz danach, werde das Thema wieder eine Rolle spielen, bekräftigte Müller. Mit seinem erneuten Vorstoß löste der Regierungschef heftige Reaktionen aus.

Kritik kam am Donnerstag von der Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“, die den im Mai 2014 erfolgreichen Volksentscheid gegen eine Bebauung initiiert hatte. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) rät, die Landesregierung solle lieber den Bau der bereits geplanten Stadtquartiere vorantreiben.

Kritik kommt von den beiden Koalitionspartnern

Auch bei den Koalitionspartnern in der rot-rot-grünen Regierung kommt Müllers neuer Vorstoß nicht gut an. Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) verweist auf die geltende gesetzliche Grundlage, die eine Bebauung ausschließt. Die Linken hatten wie die Grünen die Initiatoren des Volksentscheides unterstützt, bei dem am 25. Mai 2014 die Mehrheit der Berliner gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes votiert hatte.

Die Grünen-Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, spricht von einem Griff in die Mottenkiste. "Wer das Tempelhofer Feld bebauen will, muss erneut ein Volksbegehren starten und zuvor die Berliner davon überzeugen“, sagt sie. Sie ist davon überzeugt: „Das Tempelhofer Feld ist die größte bodenpolitische Sparbüchse, die Berlin derzeit hat.“ Die Freifläche dürfe nicht aus dem Effekt heraus in naher Zukunft bebaut werden, warnt Kapek.

Die Landes-CDU begrüßt die Debatte. Christian Gräff, Sprecher für Bauen und Wohnen der CDU-Fraktion, sagt: „Wir müssen über eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes diskutieren, unbedingt." Die FDP will sich am 26. September auf einem kleinen Landesparteitag mit dem Thema Bauen und Wohnen beschäftigen – und dabei auch mit den Plänen für das Tempelhofer Feld. FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja hatte sich stets für eine Randbebauung ausgesprochen.

Damaliges Votum Niederlage für Müller

Dass die Mehrheit der Berliner vor mehr als vier Jahren bei dem Volksentscheid entschieden hat, das frühere Flughafengelände nicht zu bebauen, schmerzt den Regierenden Bürgermeister und Tempelhofer Michael Müller immer noch. Das Votum war nicht nur eine Niederlage für seinen Vorgänger Klaus Wowereit (SPD), sondern auch für ihn als Stadtentwicklungssenator. Nach den damaligen Plänen des Senats sollten bis zu 4700 neue Wohnungen auf dem Gelände entstehen, in einem ersten Schritt an der Westseite des Feldes 1700 Wohnungen. Auch Kindergärten, eine Schule, sowie Sport- und Gewerbeflächen und der umstrittene Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek waren vorgesehen.

Inzwischen fehlen im wachsenden Berlin Sportflächen, Schulen, Kitas – und vor allem Wohnungen. Der Ruf nach einer Bebauung des Tempelhofer Feldes wird lauter, zu den Befürwortern zählt die Industrie- und Handelskammer Berlin, vor der der Regierende Bürgermeister Müller jetzt seinen Vortrag hielt. Andreas Becher, Vorsitzender des Berliner Landesverbandes beim Bund Deutscher Architekten, sagte jüngst im Interview mit dem „Tagesspiegel“: Das Tempelhofer Feld ist größer als das Fürstentum Monaco. Dort wohnen auf etwa 200 Hektar 40.000 Menschen. Wir wollen nur die Randbereiche mit etwa 3000 Wohnungen und bloß zehn Prozent der Flächen bebauen.“ Ingelbleek und Kern Architekten haben sogar schon einen Plan für eine Ringbebauung vorgelegt: 170 Häuser am Rande des Tempelhofer Feldes.

Bezirkspolitiker reagieren unterschiedlich

Bei den Bezirkspolitikern in Tempelhof-Schöneberg wird Müllers Vorstoß kontrovers diskutiert. Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) hat mehrfach gesagt, sie habe nicht den Eindruck, dass die Berliner bereit seien, sich bereits anders zu entscheiden. Aber sie unterstützt Müllers Plan. „Bei der damaligen Diskussion habe ich mich bereits für eine Randbebauung eingesetzt. Wohlgemerkt nur für die Bebauung des Randes“, sagt Schöttler auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Auch heute wäre ich für die Randbebauung, da der große Freizeit- und Erholungswert des Feldes als Freifläche für die Berliner dabei nicht verloren geht, und wir dringend neue Wohnungen brauchen.“ Die Bezirksbürgermeisterin betont: „Zunächst wird es aber wieder eine Diskussion geben müssen.“ Jan Rauchfuß, SPD-Fraktionschef in Tempelhof-Schöneberg, unterstreicht: „Das Tempelhofer Feld ist im Flächennutzungsplan als Freifläche ausgewiesen. Eine Änderung wäre nicht Sache des Bezirks, sondern des Landes Berlin." Sollte dies der Fall sein, was angesichts des enormen Flächenbedarfs für bezahlbaren Wohnraum und soziale Infrastruktur nicht ausgeschlossen sei, wäre der Bezirk gefragt, sich konstruktiv zu beteiligen. Inzwischen hat die SPD Marzahn-Hellersdorf angekündigt, auf dem nächsten Landesparteitag der Sozialdemokraten im November einen Antrag einbringen zu wollen, wonach geprüft werden soll, ob mit einer Randbebauung des Tempelhofer Feldes der Wohnungsnot in Berlin entgegengewirkt werden kann. Dabei sollen zur Hälfte Sozialwohnungen entstehen.

Der Fraktionschef der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung, Rainer Penk, äußert sich ähnlich wie Kapek auf Landesebene: „Bevor ein weiterer Bürgerentscheid gestartet wird, sollten alle anderen Flächenreserven Berlins genutzt und eine sozialverträglich nachverdichtet werden. „Unsäglich“ findet die Linken-Fraktionsvorsitzende Elisabeth Wissel Müllers neuen Versuch, die Diskussion um eine Bebauung voranzutreiben. „Berlin braucht seine Grünflächen“, sagt sie. „Das Tempelhofer Feld ist zudem eine touristische Attraktion.“ Auch eine Randbebauung lehnt sie ab. „Das wäre nur der Anfang zu einem scheibchenweisen Ausweitung“, befürchtet Wissel.

Während die CDU auf Landesebene die Debatte begrüßt, reagiert der Fraktionschef in Tempelhof-Schöneberg, Matthias Steuckardt, zurückhaltend. „In unserer Partei gibt es unterschiedliche Meinungen dazu“, so Steuckardt. Für ihn hat Vorrang, andere Möglichkeiten auszuschöpfen. Etwa, ehemalige Industriegebiete für den Wohnungsbau zu nutzen.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Reinhard Frede, hingegen ist persönlich dafür, die Freifläche als Reserve zu erhalten. „Der Senat sollte ein landesweites Baulückenkataster erstellen lassen und erst einmal die Potenziale in der Stadt feststellen", unterstreicht der Bezirksverordnete.

Die AfD zeigt sich strikt gegen eine Bebauung. „Unsere Position ist ganz klar: Hände weg vom Tempelhofer Feld“, sagt der AfD-Fraktionsvorsitzende in Tempelhof-Schöneberg, Karsten Franck. Er kündigt an, das Thema in die Bezirksverordnetenversammlung bringen zu wollen. „Wir stehen zum Volksentscheid und erwarten auch von den anderen eine klare Positionierung", erklärt Franck.

Der Landesverband Berlin-Brandenburg "Mehr Demokratie e.V." warnt: „Das Ergebnis des Volksentscheids darf nicht einfach gekippt werden, vielmehr müssen die Bürger erneut die Möglichkeit zur Abwägung und Entscheidung bekommen." Dessen Sprecher Oliver Wiedmann weist darauf hin, dass dies über die Einführung eines fakultativen Referendums erreicht werden könne. Die Bürger/innen bekämen damit die Möglichkeit, ein Veto einzulegen, wenn das Abgeordnetenhaus ein per Volksentscheid beschlossenes Gesetz wieder ändert.

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