Tempelhof

Parkplätze auf Tempelhofer Damm sollen Radweg weichen

Netzwerk „Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg“ fordert auf Tempelhofer Damm eine Spur für Radfahrer

Tempelhofer Damm Höhe Theodor-Francke-Straße in Tempelhof: So soll der neue Radweg aussehen

Tempelhofer Damm Höhe Theodor-Francke-Straße in Tempelhof: So soll der neue Radweg aussehen

Foto: Norbert Michalke / BM

Wer auf dem Tempelhofer Damm zwischen Alt-Tempelhof und Alt-Mariendorf Fahrrad fährt, muss mutig sein. Einen Radweg gibt es nicht, Autos fahren auf der viel befahrenen Bundesstraße 96 nicht selten dicht an den Radfahrern vorbei. Das Netzwerk „Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg“ fordert deshalb von der Bezirksverwaltung, dort einen Radweg einzurichten. Um ihrer Forderung „Radwege statt Parkplätze“ Gewicht zu verleihen, lädt die Bürgerinitiative am heutigen Dienstagabend zu einer Demonstration ein. „Das ist nötig, weil die Bezirksverwaltung seit Jahren nichts tut, und wir sind es leid, dass Radfahrer auf dem Tempelhofer Damm ihr Leben riskieren“, kritisiert Norbert Michalke.

„Die Infrastruktur fürs Radfahren ist nicht gut genug“

Gegründet hatte sich die Initiative im April dieses Jahres. Hervorgegangen ist sie aus der Stadtteilgruppe des ADFC und des Volksentscheids Fahrrad. Bevor Norbert Michalke sich im Netzwerk „Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg“ engagierte, war er beim Volksentscheid Fahrrad aktiv. Der sei jetzt ausgesetzt, weil die Verhandlungen über das Berliner Radgesetz liefen und damit die Infrastruktur verbessert werden solle. „Das Radgesetz soll möglichst im Herbst vom Abgeordnetenhaus verabschiedet werden. Wenn die Forderungen erfüllt werden, wäre der Volksentscheid hinfällig“, so Michalke.

So sollen Radschnellwege als Netz quer durch die Stadt geschaffen werden, außerdem soll es Radwege an allen Hauptverkehrsstraßen geben. „Jedes Jahr fahren durch die Zuzüge 17.000 Autos mehr in Berlin. Da muss sowieso etwas passieren. Wir müssen dafür sorgen, dass noch mehr Leute vom Auto auf andere Verkehrsmittel umsteigen. Schon jetzt fahren übrigens nur 30 Prozent mit dem Auto“, nennt Michalke Zahlen. Eine Untersuchung des Umweltbundesamtes habe ergeben, dass 80 Prozent der Befragten es begrüßen würden, wenn Städte so umgestaltet würden, dass man nicht aufs Auto angewiesen wäre. „Die Leute trauen sich aber nicht, Rad zu fahren, weil die Infrastruktur nicht gut genug ist“, glaubt der Tempelhofer.

Geht es nach dem Willen der Bürgerinitiative, soll sich das auf dem Tempelhofer Damm, der täglich von 40.000 Kraftfahrzeugen genutzt wird, schnell ändern. Und zwar zunächst auf dem Abschnitt zwischen Alt-Tempelhof und Ullsteinstraße, denn in diesem Bereich gibt es im Gegensatz zum Rest des Tempelhofer, Mariendorfer und Lichtenrader Damms noch nicht einmal alte Radwege auf dem Trottoir. In dieser drei Kilometer langen ersten Etappe soll die bisher zum zeitlich begrenzten Parken genutzte rechte Spur in eine geschützte Radspur verwandelt werden. So stünden weiterhin zwei Fahrspuren pro Richtung für die Autos zur Verfügung. „Und der Kraftverkehr könnte konstanter fließen, weil Radfahrer nicht mehr gezwungen wären, auf der Fahrbahn zwischen den Autos zu fahren“, sagt Michalke.

Das Netzwerk ist zudem der Ansicht, dass der Wegfall der Parkplätze für den Radweg verkraftbar sei, zumal es sich nur um „2,5 Prozent des Gesamtangebots an Parkraum im 500-Meter-Umkreis“ handele. „Wir haben ausgerechnet, dass 209 von etwa 8300 Kfz-Stellplätzen für den Radweg entfallen. Das ist nicht viel. Auch Nutzern von Bus und Bahn mutet man 300 bis 500 Meter zur nächsten Haltestelle zu“, so Michalke.

„Parkplätze gibt es genug in den drei Parkhäusern“

Gezählt hatten die Netzwerk-Mitglieder die Parkplätze im 500-Meter-Radius im vergangenen Winter. „Eine Fleißarbeit. Jeder hat ein paar Blocks gekriegt“, erinnert sich Michalke. Die mit Parkscheibe zu nutzenden Parkstreifen am Tempelhofer Damm zwischen Albrechtstraße und Friedrich-Karl-Straße/Ordensmeisterstraße würden ohnehin überwiegend ordnungswidrig genutzt, habe die Gruppe bei Besichtigungen festgestellt. Und Parkplätze gebe es in den drei großen Parkhäusern ausreichend.

Die Gruppe plädiert dafür, dass der neue Radweg durch Poller vor dem Autoverkehr geschützt werden sollte. „Unsichere Radfahrer und Familien mit Kindern, die jetzt aus Unsicherheit oft auf dem Gehweg fahren, werden motiviert, den Radweg zu nutzen, wenn er ausreichend Sicherheit gegenüber dem motorisierten Verkehr bietet“, so die Überlegung der Initiative. Und weil auch Lastenfahrräder in der Zukunft gerade in einer Einkaufsstraße wie dem Tempelhofer Damm eine größere Rolle spielen könnten, sollte der Radweg auch ausreichend Platz bieten. Ein Radweg sorge auch dafür, dass die verkehrswidrig auf dem Gehweg fahrenden Radler nicht mehr die Fußgänger behinderten.

Anderer Abschnitt wird ab 2022 komplett neu gebaut

Michalke selbst ist Fotograf und sein Leben lang Auto gefahren. Bis vor anderthalb Jahren. Da hätten er und seine Frau den Wagen verkauft. „Wir haben gemerkt, dass er mehr rumgestanden hat, als dass er gefahren wurde“, erinnert sich der heute 56 Jahre alte Berliner. Damit er die Getränkekisten trotzdem nach Hause befördern kann, testet er gerade ein Lastenfahrrad. „Eine coole Sache. Für die schweren Einkäufe kann ich 80 Kilo zuladen“, sagt er begeistert.

Auch ein anderer Abschnitt des Tempelhofer Damms soll sich verändern: Von 2022 bis 2025 ist geplant, die Straße zwischen Platz der Luftbrücke und Borussiastraße (also fast bis Alt-Tempelhof) komplett neu zu bauen. Wie die Senatsverkehrsverwaltung vor wenigen Tagen mitteilte, soll die Grunderneuerung der 2,2 Kilometer langen und 43 Meter breiten Strecke unter Leitung der Berliner Wasserbetriebe fein getaktet mit allen beteiligten Firmen und abgestimmt mit allen Behörden ablaufen. Unterirdisch werden dann neue Trink-, Wasser- und Gasleitungen sowie Stromkabel verlegt. Oberirdisch sollen Bürgersteige, Rad- und Fahrspuren erneuert werden. Mit dem Radweg auf dem südlicheren Teilstück rechnet das Netzwerk aber schneller. Bei der Demonstration am heutigen Dienstagabend (18 Uhr Tempelhofer Damm/Alt-Tempelhof Richtung Süden) wird deshalb dafür schon mal der rote Teppich ausgerollt.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.