Benjamin E. musste vor dem Saal 817 des Moabiter Kriminalgerichts lange auf seine Zeugenaussage warten. Aber das ist mit Sicherheit nicht einzige Grund, warum der 31-Jährige am Montag beim Betreten des Saales ausgesprochen nervös wirkte.
Es geht in diesem Prozess um einen schweren Raub. Opfer sind Benjamins E.s 82 und 81 Jahre alte Großeltern, die am 28. Januar dieses Jahres in ihrer Wohnung in der Waldsassener Straße in Marienfelde überfallen und beraubt wurden. Die Täter - alle drei legten vor Gericht eine Geständnis ab - sind drei junge Männer. Angeklagt ist außerdem eine 20 Jahre alte Frau.
Prostituiertenbesuch in Omas Wohnzimmer
Bei Sandra M. schließt sich auch der Kreis zu Benjamin E., der seit einigen Monaten schon in der Zweiraum-Wohnung der Großeltern untergekommen ist. Und in diese Wohnung hatte er dann auch zwei Mal Sandra M. mitgebracht. Aber immer erst, wenn die Großeltern schon schliefen. Kennengelernt hatte Benjamin E. die junge Frau über eine einschlägige Internetplattform, auf der auch Liebesdienste angeboten werden.
Es ist schon merkwürdig, warum sich Benjamin E. mit Sandra M. ausgerechnet im Wohnzimmer der Großeltern traf. Der alten Leute schliefen im Raum nebenan. Beim ersten Treffen hatte er das Bargeld für die Bezahlung noch parat. Beim zweiten Mal, Anfang 2017, befand sich Sandra M. mit im Raum, als Benjamin E. einen Pokal aus einen Schrank holte und ein Bündel Geldscheine herausnahm. „Bei dir läuft es aber gut“, soll sie noch anerkennend gesagt haben, als er sie entlohnte.
Sandra M. hat sich in diesem Prozess noch nicht geäußert. Dafür ihr Ex-Freund Yasin D., der jetzt neben ihr als Angeklagter Platz genommen hat. Er gab zu Protokoll, dass ihm Sandra M. von dem Geld erzählte und er die Information wenig später an die beiden Mitangeklagten Steven W. und Marlon S. weitergab. Die drei jungen Männer sind vor Gericht sehr bemüht, den Raubüberfall als zufällig dazustellen. Geplant sei ein Einbruch gewesen. Es habe sie sehr überrascht, dass sich das betagte Ehepaar in der Wohnung befand.
Alles wirkte wie geplant
Das Gericht - das ist deutlich zu erkennen - glaubt ihnen nicht. Schon weil sich sofort die Frage aufdrängt, warum sich der 19-jährige Steven W. im Fahrstuhl eine DHL-Jacke anzog - die Wohnung befindet sich im 15. Obergeschoss. Auch sonst wirkt alles sehr geplant: Als die 81-jährigen Frau B. nach dem Klingeln die Tür fragend einen Spalt öffnete, sagte der vermeintliche Postmann zu ihr, er habe eine Mitteilung für ihren Mann.
Anschließend stürmten alle drei in Wohnung . Die Seniorin wurde zu Boden gestoßen, ihr Hände wurden auf dem Rücken mit Kabelbindern gefesselt - Steven W. will die Plastikschlaufen nur zufällig dabei gehabt haben, angeblich für den geplanten Bau eines Hundezwingers. Anschließend legten sie der völlig verängstigten Frau ein Kleidungsstück über den Kopf. Mit Kabelbindern gefesselt wurde auch der 82-jährige Mann, der auf der Couch lag und ohnehin zu keiner Gegenwehr fähig war.
Opfer leben in Angst und können nicht aussagen
Steven W. soll dann geradewegs zum Schrank gelaufen sein, dem Pokal das darin befindliche Geldbündel - 14.000 Euro - entnommen und triumphierend gerufen haben: „Ich habe es!“
Die beiden alten Leute sind körperlich und seelisch nicht in der Lage, vor Gericht auszusagen. Ihr Sicherheitsgefühl sei nicht mehrvorhanden, sagte ihre Tochter Christine B. vor Gericht. „Sie haben Angst, wenn es im Hausflur Geräusche gibt.“ Die Mutter käme auch nicht mehr mit zum Einkaufen, weil ihr nach dem Überfall die Kraft fehle und der verängstigte Vater nicht allein in der Wohnung bleiben wolle.
Ein Opfer ist letztlich auch Benjamin E. Nicht nur, weil sein Geld weg ist. Dem Aushilfskellner droht nun außerdem noch ein Verfahren, weil er als Hartz-IV-Aufstocker den Besitz der 14.000 Euro hätte angeben müssen. Sie sollen aus einer Erbschaft seines Vaters stammen. Die Richterin belehrte ihn, dass sich vor Gericht nicht selber belasten und zu dem Geld nichts sagen müsse. Er tat es dennoch. Vielleicht war es auch ein Stück Wiedergutmachung bei den Großeltern, die ohne ihn und seine Prahlerei mit dem Geld wohl nie in diese schlimme Situation gekommen wären. Der Prozess wird fortgesetzt.


