Seit der Wiedervereinigung kannten die Ladenmieten in Berlin nur eine Richtung: nach oben. Lediglich die Finanzkrise 2008/2009 hinterließ eine kleine Delle. Allein in den vergangenen vier Jahren haben sie durchschnittlich um sieben Euro je Quadratmeter auf 51,23 Euro zugelegt. Doch mit der Preisrallye scheint es vorerst vorbei zu sein. „Erstmals sind die Mieten in diesem Jahr nicht mehr gestiegen“, so Andreas Malich, Einzelhandelsexperte beim Immobiliendienstleistungsunternehmen CB Richard Ellis (CBRE). Und während in den Eins-a-Einzelhandelslagen Tauentzienstraße und Kurfürstendamm, Alexanderplatz und Friedrichstraße die Mieten immerhin stabil blieben, seien in Nebenlagen sogar teilweise gravierend sinkende Mieten zu beobachten.

Nach Angaben der Berliner Einzelhandelsstudie, die CBRE am Freitag vorlegte, liegen die Top-Mieten am Tauentzien aktuell bei 330 Euro je Quadratmeter, am Kurfürstendamm müssen bis zu 260 Euro gezahlt werden. Das entspreche in etwa den Werten des Vorjahres 2015, so CBRE-Experte Malich. Ähnlich stabil ist die Entwicklung an der Friedrichstraße und am Alexanderplatz mit jeweils bis zu 200 Euro je Quadratmeter. „Für die Friedrichstraße ist das ein sehr gutes Ergebnis, sie hat die Konkurrenz durch die Mall of Berlin gut verkraftet“, so Malich. Das Einkaufszentrum am Leipziger Platz mit 270 Ladeneinheiten hatte im Herbst 2014 eröffnet.

Weder Malich noch Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, sehen in den Mietpreisrückgängen Anzeichen für eine Krise des Berliner Einzelhandels. „Wir befinden uns auf einem stabilen Niveau, die Aufholjagd der vergangenen zwei Jahrzehnte ist aber offenbar vorbei“, kommentierte der Verbandschef die Entwicklung. Inzwischen verfüge Berlin über eine gute Ausstattung an Ladenflächen.

Diese Auffassung hat sich offenbar auch bei den Investoren durchgesetzt. Während in den vergangenen beiden Jahrzehnten zahlreiche Shoppingcenter eröffneten und Berlin mit 67 Einkaufszentren mittlerweile bundesweit an der Spitze liegt, wurde in diesem Jahr kein einziges größeres Shoppingcenter eröffnet. „Allerdings gibt es noch einige Projekte in der Pipeline, die in den kommenden Jahren an den Start gehen werden“, so Malich. Darunter etwa die East Side Mall an der Mercedes-Benz Arena in Friedrichshain oder die Schultheiss-Brauerei an der Turmstraße in Moabit. Weitere Projekte, wie etwa die Mall of Kurfürstendamm, seien dagegen vorerst zurückgestellt. Der Umbau des alten Karstadt-Warenhauses am Kurfürstendamm, das der Berliner Projektentwickler Harald Huth gemeinsam mit der österreichischen Signa Holding zu einem modernen Shoppingcenter mit zahlreichen Einzelläden umfunktionieren will, soll nun offenbar noch einmal auf den Prüfstand. Denn insbesondere die Nachfrage der tradierten nationalen Einzelhändler stagniere.

Chance für neue, ungewöhnliche Konzepte

Der Krise bei Modeanbietern wie Strenesse, Wöhrl, Steilmann, SinnLeffers oder Strauss stehe jedoch zahlreichen Neueröffnungen junger, ungewöhnlicher Start-up-Konzepte entgegen.

„Tatsächlich erleben wir gerade einen Wandel in den Bedürfnissen des Einzelhandels“, so Malich weiter. Wurden vor zwei Jahren noch überwiegend große Flächen mit mehr als 1000 Quadratmetern gesucht, würden nun vor allem kleinere Flächen zwischen 200 und 600 Quadratmetern nachgefragt.

Unter den Newcomern seien mittlerweile auch wieder Branchen, die ab 2007 zunächst die ersten waren, die besonders unter dem Onlinehandel zu leiden hatten: „Die Buchhandlungen kehren zurück, beispielsweise sucht Thalia neue Läden“, so Malich. Allerdings nicht mehr mit den riesigen Flächen, wie sie einst etwa die Hugendubel-Filiale am Breitscheidplatz hatte.

Gut für die Attraktivität der Einkaufsstraßen ist auch ein weiterer Trend. Das Kaffeehaussterben, das den Kurfürstendamm vor rund 20 Jahren ergriff, ist längst Geschichte. „Gastronomiekonzepte sind auf dem Vormarsch, mittlerweile entfallen 15 bis 20 Prozent aller Vermietungen in diesen Bereich“, so der Einzelhandelsexperte.

Auch Nils Busch-Petersen sieht zuversichtlich in die Zukunft, insbesondere weil in dem für den Einzelhandel so wichtigen Weihnachtsgeschäft starke Umsätze erwartet werden – auch dank der vielen Touristen. „Die Stimmung ist gut, wir freuen uns auf den vierten Advent, der traditionell der umsatzstärkste Tag des Jahres ist“, so der Verbandschef. Lediglich der Textilverkauf laufe aufgrund der milden Temperaturen noch schleppend.

Auch wenn Berlin mit einer Kaufkraft von 19.999 Euro pro Person und pro Jahr deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (21.879 Euro) liegt, sind die Berliner gute Kunden, wie unsere Grafik zeigt. Immerhin geben sie, je nach Lage im Stadtgebiet, zwischen 418 und 480 Euro je Person und Jahr für Bekleidung, 109 und 118 Euro für Schuhe und Lederwaren und 424 Euro und 473 Euro für Einrichtungsbedarf aus, wie die Industrie- und Handelskammer zu Berlin herausgefunden hat.