Schon im zweiten Stock des Hauses in der Rembrandtstraße 4 beginnt es zu ticken. Drei Stockwerke hoch reihen sich alte Wanduhren in Holz-, Glas- oder Metallgehäusen und zeigen auf dem Weg zu Amadeus Reinecks Werkstatt-Atelier den Besuchern, was die Stunde geschlagen hat. In der Dachgeschosswohnung geben dann noch einmal fast 150 Tisch, Wand- und Standuhren ihr typisches Arbeitsgeräusch von sich. Ein gutes Dutzend Kuckucksuhren hängt an der Wand, allerdings im Stillstand.

„Das nervt dann doch auf Dauer“, sagt der Uhrmacher. Neben einer Couch für Kundengespräche befindet sich Reinecks Arbeitsplatz, einer von drei Werktischen, umgeben von dutzenden Präzisionsarbeitsgeräten. Die benötigt der 63-Jährige, um aus verrosteten oder verklebten Uhrwerken wieder genau laufende Zeitmesser zu machen. „Ich habe mit den alten Zeitmessern meine Nische gefunden“, verkündet er mit buddhahaftem Lächeln.

Dabei hatte es vor mehr als 40 Jahren ganz anders ausgesehen. 1969, im zarten Alter von 15 Jahren, flüchtete er mit seiner Freundin vor den strikten Konventionen von der Nordseeküste nach West-Berlin. Bei Gabbes Lehranstalten am Rüdesheimer Platz machte er dann auf dem Zweiten Bildungsweg sein Abitur nach und verdiente sein erstes Geld als Platzanweiser in den Lupe-Kinos am Olivaer Platz. Sein Gitarrespiel brachte ihn wenig später in die damaligen Folk-Clubs wie das Go-In in der Charlottenburger Bleibtreustaße, den Steve Club, den Folkpub oder das Banana. Er trat unter dem Namen „Derdo“ auf, so hatte ihn seine ältere Schwester kurz nach der Geburt genannt.

1976 folgte eine mehrmonatige Reise nach Afghanistan, von der er viele Geschichten und Erfahrungen mitbrachte. Während der Teestubenzeit Ende der 70er-Jahre arbeitete Amadeus Reineck als Teeabfüller in „Daniels Teehaus“ in der Muthesius­straße. Zeitgleich lernte er im Go-In einen Zahnarzt kennen, der in seiner Freizeit in einer Band spielte und ein 32-Kanal Mischpult und eine Ein-Zoll-Bandmaschine besaß.

Bei der legendären Session von Prince stand er an den Reglern

Amadeus Reineck durfte daran nach Herzenslust das Aufnehmen, Bearbeiten und Mixen von Musik üben. Es war der Grundstock für den nächsten Job: Licht- und Ton-Mann im „Quasimodo“. „Das war dann 20 Jahre mein zuhause und meine Familie“, berichtet Reineck. Für tausende Musiker hat er den Sound gemacht, sich mit Dizzy Gillespie angefreundet, mit Chet Baker, mit Philip Catherine. Auch bei der legendären Session von Prince stand er an den Reglern. „Das war eine Top-Secret-Nummer. Nicht mal die Partner vom Barpersonal oder meine Freundin durften vorher davon Wind bekommen.“ Die Kehrseite des Jobs war eine leichte Drogensucht. „Jede Nacht bis zwei, drei Uhr arbeiten, da kommt das weiße Gift schon mal ins Spiel“, erzählt Reineck. 1999 war dann Schluss im „Quasimodo“. Nach dem Entzug folgte die Suche nach einem neuen Betätigungsfeld.

Mechanische Armbanduhren hatten ihn schon länger interessiert. Als Uhrmacher Wolfgang Schütt vom Fachgeschäft „Uhr-Alte Zeiten“ am Steglitzer Hindenburgdamm Reineck fragte, ob er ihm beim Erstellen eines Auktionskatalogs helfen könne, entwickelte sich daraufhin „eine Freundschaft und eine Art Lehre“. Schütt wurde sein Mentor. 2005 entschied Reineck, sich auf Großuhren zu spezialisieren. „Ich konnte mich gut in die Materie einfuchsen, war handwerklich schon immer gut und konnte gut improvisieren.“

Nach kurzer Zeit hatte er sich einen Namen gemacht, denn die meisten Uhrmacher verstehen sich zwar auf die Wartung und Reparatur mechanischer Werke in Armbanduhren, nicht aber in Tisch- oder Standuhren. Als Wolfgang Schütt 2014 den Kampf gegen den Krebs verlor, beschloss Reineck zu Hause weiter zu arbeiten. „Großuhren gehörten ja seit Anfang des 19. Jahrhunderts in alle bürgerlichen Haushalte. Also gab und gibt es davon noch viele. Nur funktionieren die in den meisten Fällen nicht mehr.“ Reinecks erstes Spezialgebiet waren sogenannte Comtoise-Uhren. Diese Pendeluhren wurden ab Ende des 17. Jahrhunderts in der französischen Region Franche-Comté gebaut. Die Uhr ist wegen ihrer Präzision ein beliebtes Sammelobjekt für Antiquitätenliebhaber.

Eine Uhr muss wie ein Auto regelmäßig gewartet werden

Reinecks Kunden sind in der Regel Menschen, die ein Familienerbstück wieder funktionstüchtig gemacht bekommen wollen. „Oft sind die Werke völlig verrottet. Die meisten wissen nicht, dass eine Uhr wie ein Auto regelmäßig gewartet werden muss. Auch ein Tropfen Öl sollte einmal im Jahr ins Werk gebracht werden.“ Mittlerweile arbeitet er für vier Uhrmacher in der Stadt. „Mehr geht nicht, denn ich will ja auch meine eigenen Kunden zufriedenstellen“, erklärt er. Im Nebenzimmer türmen sich Schubkästen mit Ersatzteilen, ein weiterer Werktisch dient dem Nachbau von Teilen, die nicht mehr zu beschaffen sind. Das Telefon klingelt. Ein neuer Kunde macht einen Termin. Und Reineck kehrt an die Werktisch zurück.

Uhr-Alte Zeiten Großuhren-Restaurierung, Rembrandtstraße 4, Friedenau, Tel. 786 38 87, Werkstattzeiten Di.-Fr. 10-18 Uhr, nur nach telefonischer Anmeldung, www.uhr-alte-zeiten.de