„Wissen Sie, was der wichtigste Antrieb zur Industrialisierung Berlins neben der Erfindung der Dampfmaschine war?“, fragt Sascha Maikowski die siebenköpfige Besuchergruppe. Allgemeines Kopfschütteln. „Vielleicht die Eisenbahn“, meint eine Mittfünfzigerin. „Die ist ja auch eine Art Dampfmaschine“, so Maikowski. „Nein, es war das Stadtgas.“ Noch am Boden des innovativen Euref-Campus an der Torgauer Straße beginnt Maikowski einen Exkurs über die Geschichte des Stadtgases.

Schließlich wollen wir ja auf einen Gasometer steigen, der sich hier seit rund 100 Jahren fast 80 Meter emporreckt. Die meisten in der Gruppe kennen ihn allerdings als „das Ding von Jauch“. Fast fünf Jahre lang moderierte Deutschlands beliebtester Fragensteller seine Sonntagssendung aus dem Schöneberger Gasometer. Dafür wurde eigens eine der größten Traglufthallen Europas in die Stahlkonstruktion gebaut, damit die Gäste bei Regen nicht im Feuchten saßen und damit die Akustik fernsehtauglich war. In nicht all zu ferner Zukunft soll ein Wohngebäude im Inneren des gigantischen Niederdruckgasbehälters entstehen.

Doch zurück zum Stadtgas. Das entstand ab den 1820er-Jahren in Deutschland sozusagen als Abfallprodukt bei der Produktion von Koks. Dieser Brennstoff wurde für die Produktion von Stahl benötigt, denn mit Koks erzielte man eine höhere und konstantere Temperatur als mit Kohle. „Mit dem Stadtgas konnte dann die Stadt beleuchtet werden, Straßen und Fabriken. Und da das durch die Verkokung entstandene Gas gelagert werden musste, wurden die Gasbehälter gebaut, im Volksmund Gasometer genannt.“ Mehr als 100 davon gab es früher in Berlin, allein auf dem Gelände vier Stück, der übrig gebliebene zählte zu den drei größten Europas.

Nachts gibt es Leuchtwesten für die Tour-Teilnehmer

Nun muss jeder Teilnehmer noch unterschreiben, dass er keine Forderungen an Maikowskis Firma im Falle eines selbstverschuldeten Unfalls stellt. Abends und nachts gibt es neonfarbene Leuchtwesten für die Teilnehmer, tagsüber Ferngläser. Maikowski geht die ersten Stufen der doch recht rostigen Stahlleiter nach oben. Sieben Ringe halten den Gasometer zusammen, die alle einmal rundum begangen werden können.

Seit einigen Wochen aber geht es nur bis zum vierten Ring in knapp 50 Meter Höhe. Oben nisten Turmfalken, die Jungen sind zwar schon flügge, stehen aber wie die Eltern unter besonderem Schutz. „Aber 50 Höhenmeter sind auch schon sehr gut. Sie werden alles sehen.“

Zuerst einmal sieht man in Höhe des ersten Rings das Euref-Gelände. „Hier entsteht ein neuer Stadtteil“, erklärt Maikowski. Der weißhaarige ehemalige Reiseleiter nennt sich selbst „Voyageur“. Begeistert berichtet er von Firmen wie eMio, die elektrisch betriebene, vespaähnliche Roller vermieten. Auch mehrere Elektroauto-Vermieter haben hier ihr Hauptquartier, Deutsche Bahn, Cisco und BMW arbeiten auf einem Campus mit innovativen Start-ups zusammen und die TU bietet drei Studiengänge an, die sich mit Nachhaltigkeit und Ökologie beschäftigen.

Beim dritten Ring präsentiert sich die ganze Stadt

Einen Ring weiter oben, in mehr als 20 Meter Höhe, sieht man, welche Flächen noch in unmittelbarer Nähe Richtung Südkreuz für Bauvorhaben ent­wickelt werden können. Beim dritten Ring präsentiert sich die ganze Stadt mit unbekannten Sichtachsen. „Ich wohne in Kreuzberg, wo ist denn die Kirche am Südstern?“, fragt einer. „Dort, hinter den Türmen an der Yorckstraße“, erklärt Maikowski. „Und das da vorne, welche Kirche ist das denn?“, will ein Senior wissen, der seine Enkel mit auf die luftige Tour genommen hat. „Das ist die Apostel-Paulus-Kirche“, erbaut vom Architekten Franz Schwechten. Der hat auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche entworfen und das berühmte AEG-Tor in Wedding.

Die nächste Stunde vergeht mit zahlreichen spannenden und interessanten Architektur- und Stadtgeschichten. Maikowski ist ein wandelndes Lexikon und weiß immer noch eine außergewöhnliche Seite der Berliner Stadtgeschichte zu erwähnen. „Dort vorne, an der Hauptstraße, da wohnten David Bowie und Iggy Pop. Da neben dem Potsdamer Platz, in den Hansastudios, nahm Bowie die Schallplate ‚Heroes‘ auf.“

„Irgendwo dort, zwischen Hauptbahnhof und Reichstag“, sei Maikowski 1944 in einem Luftschutzkeller geboren worden. Vielleicht war es diese bedrückende, furchterregende Enge, die ihn genauso wie der Muff der 50er-Jahre dazu brachte, aufzubrechen. Zuerst Anfang der 60er-Jahre nach Frankfurt am Main, wo er Soziologie studierte. „Ich habe in der WG geschlafen, in der Joschka Fischer wohnte. Der fuhr damals Taxi.“ Später zog es ihn in die Welt, er wurde Reiseleiter in Südamerika, Afrika und Asien.

Man sieht im Wochentakt, wie die Stadt sich verändert

Fast 40 Jahre war er unterwegs, zu Hause auf allen Kontinenten, bis es ihn 2005 wieder nach Berlin zog. Durch Zufall kam er zum Gasometer. Anfangs als einer von vielen Guides, die eineinhalb-stündige Touren durchführten. „Die ersten Monate hatte ich mit meiner Höhenangst zu kämpfen“, gesteht er, doch mittlerweile freut er sich schon, wenn die obersten drei Ringe freigegeben sind und in 78 Metern Höhe „nichts mehr über mir ist als der Himmel“.

Als die Betreiberfirma sich zurückzog, sprach man Maikowski an, ob er nicht die Führungen organisieren wolle. Nach kurzer Bedenkzeit nahm er an. „Ich finde diese Arbeit sehr spannend, weil man sozusagen im Wochentakt sieht, wie die Stadt sich verändert“, sagt er. Als er mit den Führungen begann, bestimmten Europa-Center und das Bayer-Hochhaus am Zoo die Skyline der City-West. Heute sind es das Waldorf-Astoria und das Upper West.

Sascha Maikowski hat das Gefühl, dass sich mit seinem Job am Gasometer ein Lebenskreis schließt. „Hat doch was für sich, wenn man die Dinge von oben betrachtet“, sagt er. Dann zeigt er auf Reichstag und Kanzleramt. „Schauen Sie sich das an. Von hier aus sieht es aus, als stünden die beiden Gebäude weit voneinander entfernt. Dabei wissen wir ja, das sind keine 350 Meter. Sie sehen, alles eine Frage der Perspektive.“