Es ist nur eine Gedenktafel von der Größe eines Aktenkoffers, an einem Schöneberger Haus, dessen Fassade man auch an jedem anderen Tag ehrfürchtig betrachten könnte. Doch es muss dieser Tag, dieser Vormittag sein. Mehrere Hundert Berliner und Touristen warten am Montag gespannt darauf, dass die Tafel für David Bowie an seinem ehemaligen Domizil enthüllt wird. Man drängelt, hält das Smartphone bereit und raunt sich Anekdoten aus der Vergangenheit des Meisters zu. Rockkonzert-Atmosphäre an der Hauptstraße 155.

Seit 9.30 Uhr wird abgesperrt. Eine Fahrspur auf der Seite des Hauses fällt weg. Bei der Senatskanzlei, die zusammen mit der Historischen Kommission zu Berlin eingeladen hat, weiß man, welche Anziehungskraft Bowies Name in Berlin hat. Und im Ausland. Die 58 Jahre alte Catherine ist samt ihren Zwillingen Louise und Margeaux aus Paris gekommen. Mit 14 Jahren war sie von Frankreich zu einem Bowiekonzert nach London gereist. Es wurde der Beginn einer noch immer währenden Liebe. „Bei meinen Töchtern ist es noch schlimmer“, sagt Catherine, die das graue Haar kurz trägt und zuletzt für einen französischen Parlamentsabgeordneten arbeitete. „Wie überließen ihnen die Wahl, wo die Familie Urlaub machen soll. Sie hörten von der Gedenktafel, also fuhren wir nach Berlin.“

Uwe Grunert ist aus Leipzig gekommen. „Bowie begleitet mich seit meiner Jugend“, sagt der 57-Jährige, daheim Chef einer Sportlergaststätte. „Meine erste Platte kaufte ich Mitte der 70er-Jahre auf einem Schwarzmarkt in Polen. Danach musste ich meine Ferien abbrechen. Das Geld war alle“, sagt Grunert.

Die Fans schieben sich noch ein wenig weiter heran an die verhüllte Tafel. Eine Band stimmt Bowies Berlin-Hommage „Heroes“ an. Der blasse Sänger wäre stimmlich maximal für eine Rio-Reiser-Ehrung geeignet, aber zwei Schülerinnen mit 70er-Jahre Jeansjacken haben sich untergehakt und senken die Blicke, sehr ernst und scheinbar tief bewegt.

Enthüllung der Gedenktafel für David Bowie

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (2.v.r., SPD), Toningenieur Eduard Meyer (r) und Vera Gäde-Butzlaff, Vorstandsvorsitzende der Gasag (3.v.r.) enthüllen in der Hauptstraße 155, eine Gedenktafel für David Bowie. Der Superstar lebte von 1976 bis 1978 in Berlin-Schöneberg
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (2.v.r., SPD), Toningenieur Eduard Meyer (r) und Vera Gäde-Butzlaff, Vorstandsvorsitzende der Gasag (3.v.r.) enthüllen in der Hauptstraße 155, eine Gedenktafel für David Bowie. Der Superstar lebte von 1976 bis 1978 in Berlin-Schöneberg © Reto Klar | Reto Klar
Eine diebstahlsichere Porzellantafel erinnert an den Anfang 2016 verstorbenen Popstar, der in Berlin wegweisende Alben aufnahm.
Eine diebstahlsichere Porzellantafel erinnert an den Anfang 2016 verstorbenen Popstar, der in Berlin wegweisende Alben aufnahm.© Reto Klar | Reto Klar
Hunderte Fans von David Bowie pilgerten zu der Enthüllung der Gedenktafel
Hunderte Fans von David Bowie pilgerten zu der Enthüllung der Gedenktafel© Reto Klar | Reto Klar
Bowie entwarf in Berlin die drei bahnbrechenden Alben "Low", "Heroes" und "Lodger" und nahm sie zum Teil in den Kreuzberger Hansa-Studios auf.
Bowie entwarf in Berlin die drei bahnbrechenden Alben "Low", "Heroes" und "Lodger" und nahm sie zum Teil in den Kreuzberger Hansa-Studios auf.© Reto Klar | Reto Klar
Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin fertigt die Gedenktafel für den verstorbenen Popstar.
Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin fertigt die Gedenktafel für den verstorbenen Popstar.© Reto Klar | Reto Klar
Schon jetzt ist die Gedenktafel ein beliebtes Fotomotiv.
Schon jetzt ist die Gedenktafel ein beliebtes Fotomotiv.© Reto Klar | Reto Klar
"We can be heroes, just for one day" aus dem Song "Heroes" - die wohl bekannteste Textzeile Bowies steht auf der Gedenkzeile.
"We can be heroes, just for one day" aus dem Song "Heroes" - die wohl bekannteste Textzeile Bowies steht auf der Gedenkzeile. © Reto Klar | Reto Klar
Die Enthüllung sorgte für einen Riesenauflauf. Die Hauptstraße musste gesperrt werden.
Die Enthüllung sorgte für einen Riesenauflauf. Die Hauptstraße musste gesperrt werden.© Reto Klar | Reto Klar
Schon gut sieben Monate nach Bowies Tod wird er mit einer Gedenktafel geehrt und nicht wie üblich frühestens nach fünf Jahren Bedenkzeit.
Schon gut sieben Monate nach Bowies Tod wird er mit einer Gedenktafel geehrt und nicht wie üblich frühestens nach fünf Jahren Bedenkzeit.© Reto Klar | Reto Klar
"Bei David Bowie sind wir uns sicher", dass er dauerhaft Prägendes für Berlin geschaffen hat", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller.
"Bei David Bowie sind wir uns sicher", dass er dauerhaft Prägendes für Berlin geschaffen hat", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller.© Reto Klar | Reto Klar

Hinter den Vorhängen in Bowies ehemaliger Siebenzimmerwohnung im ersten Stock regt sich nichts. Die dort lebende Familie hat genug Kummer mit ständig klingelnden Fans des im Januar verstorbenen Musikers. Aber in der Praxis nebenan öffnet eine Zahnarzthelferin das Fenster. Den grünen Mundschutz hat sie nicht abgenommen. Aber ihren Augen ist anzusehen, dass sie das Spektakel hier unten ziemlich amüsiert.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) begrüßt die Anwesenden mit einem „Liebe Berliner“ und erzählt klug ausgewählte Details aus Bowies Berliner Periode. „Dass Berlin eine Stadt der Kultur geworden ist, hat damals seinen Anfang genommen“, resümiert er. Üblicherweise werden Gedenktafeln erst fünf Jahre nach dem Tod einer Persönlichkeit enthüllt. Um zu beobachten, ob der Betreffende wirklich so bedeutend bleibt. „Bei Bowie brauchen wir die fünf Jahre nicht“, sagt Müller, „da sind wir uns auch so sicher.“ Dafür bekommt der Regierende Bürgermeister einen Applaus wie sonst nur in den Hochburgen der Berliner Sozialdemokratie.

Bowies Toningenieur Eduard Meyer tritt ans Mikrofon, erzählt von ­Cello-Aufnahmen und einem weihnachtlichen Gänseessen am langen Küchentisch dort oben in der Wohnung. Bowie-Biograf Tobias Rüther sagt, Bowie und Berlin seien Symbole des Aufbruchs, der in Berlin immer ein bisschen einfacher sei als anderswo. Schließlich wird der Plastikschutz von der Tafel gezogen. Die Fans sind nach so viel Nostalgie emotional weich gekocht, drängen zur Hauswand, heben die Arme, fotografieren. Es ist wie der Beginn eines Rockkonzerts.