Schöneberg

Vom Leben in einem Slum - mitten in Berlin

| Lesedauer: 10 Minuten
Philip Volkmann-Schluck

An der Grunewaldstraße leben Altmieter und Familien aus Rumänien unter unhaltbaren Umständen in einem Haus. Sie alle sind Verlierer – bis auf den Vermieter.

Es gibt noch Dinge da draußen, auf die sich Marija Kühn-Dobos freut. Wenn die Rentnerin ihre Wohnung verlässt und sorgfältig hinter sich abschließt, steht sie in einem Treppenhaus mit zersplitterten Türen. Sie geht dann zur Familie nebenan, in ein Zimmer voller Matratzen, wo das Baby liegt. Ein Mädchen von acht Wochen.

Sie nimmt das Baby auf den Arm und sagt, es sei nach ihr benannt worden, es heißt Maria. Neben ihr stehen die jungen Eltern, der Onkel, der Bruder des Mädchens, alle wohnen sie in dem Zimmer. Miteinander reden können sie wenig. Aber Stolz verbindet. Marija Kühn-Dobos ist stolz darauf, dass sie hier gebraucht wird.

Auf andere Momente freut sich Marija Kühn-Dobos weniger. Als sie ihren Rundgang fortsetzt, hinein in die Dunkelheit ihres Hauses, findet sie einen schrottreifen Kühlschrank im Hausflur. Eben war der noch nicht hier. Kein gutes Zeichen. Wo in diesem Haus Müll steht, landet schnell noch mehr Müll. Oder mal der Rest von einem geschlachteten Huhn. Einige Mieter schütten auch Eimer, die ihnen als Toilette dienten, aus dem Fenster.

Man spricht bereits vom „Slum mitten in Berlin“

„Weg damit, kein Müll“, ruft Kühn-Dobos in eine Wohnung hinein. „Ja, ja“, antwortet eine Frau nach draußen. Kühn-Dobos ruft zurück in die Wohnung: „Ja ja“, das heiße auf Deutsch: „Leck mich am Arsch! “ Sie zündet sich eine Zigarette an. Es ist ein Uhr mittags, die zweite Schachtel des Tages hat sie schon angebrochen. Rauchen, das tun sie in diesem Haus fast alle.

Die Häuser in der Grunewaldstraße 87 in Schöneberg sind in den Schlagzeilen. „Ein Slum mitten in Berlin“ tönte der RBB. Seitdem der Eigentümer im Oktober vergangenen Jahres gewechselt hat, wohnen hier Schätzungen zufolge etwa 100 neue Mieter. Fast alle kommen aus Rumänien. Roma, eine Minderheit, gegen die es laut Umfragen die mit Abstand größten Vorbehalte in der Bevölkerung gibt. So wie hier läuft es auch in anderen Häusern in Berlin. Viel zu viele Menschen in viel zu kleinen Wohnungen, oft ohne fließendes Wasser.

Woanders würden sie kaum eine Wohnung finden. Mehr als 200 Strafanzeigen hat die Polizei bisher in diesem Haus aufgenommen. Einbrüche, Ruhestörungen, Beleidigungen, versuchte Brandstiftung, Diebstahl, Angriffe von Männern auf Frauen, Schlägereien. Marija Kühn-Dobos hat viele der Anzeigen selber gestellt, bisher wurden alle Ermittlungen eingestellt.

Vermutet wird der Verkauf des Hauses

Doch die Geschichte dieses Hauses ist weit mehr als ein Konflikt zwischen alteingesessenen Mietern und neuen Nachbarn. Die meisten Bewohner der Grunewaldstraße 87 vereint dieselbe Frage: Wenn nicht hier, wo sollen sie sonst wohnen?

Etwa 115 Euro für 35 Quadratmeter Wohnung mitten in Schöneberg, wenn auch mit Kohleheizung, das zahlen die Menschen wie Marija Kühn-Dobos, die lange hier wohnen. Ein Preis aus einer anderen Zeit. Die neuen Mieter zahlen oft bis zu 400 Euro, für verwahrloste Zimmer. Es ist ein System, das gar nicht so selten ist in Berlin.

So vermutet die Baustadträtin des Bezirks, Sibyll Klotz (Grüne), der Eigentümer lasse das Haus gezielt verwahrlosen, um die Mieter rauszubekommen. Später kann das Haus dann teuer verkauft werden. Ohne lästige Menschen mit schmalen Mietverträgen. Rund 30 Häuser dieser Art soll es in der Stadt geben.

Für diese Strategie sind Roma besonders geeignet. Mieter, über die sich alle ärgern, die gleichzeitig horrende Preise zahlen und erpressbar sind. Nur, dass der Plan etwas außer Kontrolle zu geraten scheint. Zumindest hat der Eigentümer in diesem Monat versucht, das Haus zu räumen. Geklappt hat es nicht, viele Mieter beriefen sich darauf, die Befristung auf den Verträgen nicht verstanden zu haben. Mangelnde Sprachkenntnisse.

Wie funktioniert dieses Haus? Der Eigentümer gibt keine Interviews. Doch der neue „Hausmeister“ antwortet freundlich, kann man nicht anders sagen. „Wie läuft es?“ „Sehr gut.“ „Wie können wir den Eigentümer erreichen?“ „Über das Telefon“. „Wie ist seine Nummer?“ „Habe ich vergessen, sorry.“

Der Hausmeister ist ein kräftiger Kerl. Einer, den man nicht erleben will, wenn er unfreundlich wird.

Sie sollen ausziehen, wollen aber bleiben

Wer wirklich mit Mietern sprechen will, den Männern, muss das an einem anderen Ort tun als in dem Haus. Sie wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Ein Treffen in einem Zimmer in einem anderen Stadtteil. Ihre Version der Geschichte: Sie sollen ausziehen, wollen aber bleiben. Die drei Männer, die laut ihren Aussagen das Geld eintreiben, würden sie bedrohen. „Die Männer haben angekündigt, sie würden unsere Frauen vergewaltigen oder unsere Kinder nach der Schule entführen.“ Es seien auch schon Mieter in eine Bar gebracht und dort eingeschüchtert worden. Klingt nach Mafia.

Wie wollen sie den Fängen dieser Männer entkommen? „Wenn wir weiter bedroht werden, ziehen wir aus dem Haus aus in einen Park.“ Und dann fügt einer noch hinzu: „Oder wir ziehen vor das Bezirksamt.“ Politisch beraten werden die Mieter vom Verein Amaro Forum, einer der wenigen Vereine für Roma, dieser Minderheit, die sonst kaum eine Lobby hat. Und wenn das Jugendamt dann die Kinder holen kommt? „Wenn eine staatliche Stelle sich um sie kümmert, dann haben wir ein besseres Gefühl, als wenn sie entführt werden.“

Die Polizei spielt sogar den Postboten

Die Familien haben in der Regel viele Kinder. Sie gehen in die Schule. Viele bekommen Kindergeld. Eine Familie hat einen aktuellen Bescheid vom Amt: Fünf Kinder, jedes bekommt rund 185 Euro, das jüngste der Kinder hat bis zum Jahr 2030 einen Anspruch auf Leistungen.

Die Polizei ist jeden Tag in dem Haus an der Grunewaldstraße. Viel tun kann sie nicht. Inzwischen bringen die Beamten sogar die amtlichen Briefe ins Haus, es ist der einfachste Weg. So kann es passieren, dass ein Polizist von einer Bewohnerin mit der Frage begrüßt wird: „Heute Post für mich dabei?“

Kriminalität ist an der Tagesordnung

Das ist eine Seite. Die andere ist das Geschäft, das Vermieter und dubiose Unternehmer offenbar machen. Scheinbar sind mehr Menschen in der Grunewaldstraße 87 gemeldet als dort wohnen. Auch das würde passen: Viele Roma müssen sich als Freiberufler anmelden, um dann von dubiosen Auftraggebern beschäftigt zu werden. Nicht selten werden sie um ihren Lohn geprellt.

Auch in der Grunewaldstraße 87 sagen viele der Männer, sie würden auf Baustellen arbeiten. Sechs Euro pro Stunde. Für Hintermänner wäre es ein lukratives Geschäft, mit Meldeadressen zu handeln. Strukturen, die Ermittler in anderen Fällen immer wieder nachgewiesen haben. Doch in der Grunewaldstraße ist offenbar nichts bewiesen.

Was die Polizei bisher auch nicht herausgefunden hat: Wer zum Beispiel bei Herrn Spirovski eingebrochen hat. Der 63-Jährige wohnt seit Jahrzehnten im Haus, ein leiser Mann, der viele schlaflose Nächte hat. Nicht nur, weil nachts vor seiner Tür junge Frauen zu Musik tanzen, wie er sagt. Jemand hat seine Tür aufgebrochen, das vergoldete Besteck und seinen Computer geklaut.

Spirovski sagt, er habe keine Quittung mehr, um sie bei der Versicherung einzureichen. Das Besteck hat er vor etwa 30 Jahren gekauft und seitdem „eigentlich kaum noch was“. Die einzige größere Summe seit der Umstellung auf den Euro sei der Computer gewesen, gebraucht für 250 Euro. Der Computer ist nun weg.

Neun Personen leben auf 35 Quadratmetern

Die Häuser an der Grunewaldstraße waren auch ein Freiraum für Menschen, die ein anderes Leben wollten, als jeden Tag damit zu verbringen, Geld für hohe Miete zu verdienen. Es gibt Nachbarn, die sagen: „Bedroht wurde ich noch nie, die Menschen hier haben nur einen anderen Lebensstil.“ Andererseits kam die Polizei auch schon in dieses Haus, lange bevor die Roma da waren. Einmal wurde ein Dealer festgenommen, er hatte Geld und Stoff in einem Versteck im Holzboden aufbewahrt.

In einer Küche läuft der Elektrogrill heiß. Fleisch und ein Teigfladen brutzeln in der Wohnung. Wenn die Flammen höher schlagen, kippt einer Wasser drauf. Auch die Namen dieser Familie sollen nicht in der Zeitung stehen.

Ein junges Paar mit zwei Kindern und der Bruder leben hier, vorher haben sie sich in Paris durchgeschlagen. Der Bruder wird in der kommenden Woche einen Job im Schwarzwald antreten. Dann kommt auch seine Frau aus Bukarest nach, mit vier Kindern. Sie ziehen erst einmal in das Zimmer hier. Dann leben neun Personen auf 35 Quadratmetern.

Die Wohnstätten verwahrlosen immer mehr

Die Polizei hat längst einen detaillierten Plan des Hauses. Sie kontrollieren, dass Wohnungen, die so baufällig sind, dass sie vom Bauamt mit Brettern und Schlössern versiegelt wurden, nicht mehr geöffnet werden. So schrumpft die Zahl der Wohnungen. Langsam.

Auch Marija Kühn-Dobos achtet darauf, dass baufällige Wohnungen geschlossen bleiben. Das Haus ist zu ihrer Lebensaufgabe geworden. Sie klopft wieder an eine Tür, eine hochschwangere Frau öffnet. „Hast du dich schon untersuchen lassen?“, fragt Kühn-Dobos und zeigt auf ihren Bauch. „Noch nicht“, sagt die Frau. „Willst du dein Kind hier kriegen oder in Rumänien?“ Die Frau antwortet: „Hier.“

Marija Kühn-Dobos, die Rentnerin, die alleine wohnt, schimpft nicht mit der schwangeren Frau. Obwohl sie sonst so oft mit ihren Nachbarn schimpft. Sie freut sich wohl auf ein neues Baby nebenan.