Was Berlin-Mitte zu bieten hat, kann der Südwesten schon lange vorzeigen: Eine Friedrichstraße und eine Potsdamer Straße gibt es ebenfalls in Steglitz-Zehlendorf. Es sind keine großen Magistralen, auf der sich die Touristen tummeln und die in den Verkehrsnachrichten auftauchen. Sie durchziehen eines der schönsten Berliner Villenviertel in Lichterfelde West. Dort lebt auch Rosemarie Gebauer, die sich genau darüber wunderte. Wie kam die Potsdamer Straße in das beschauliche Viertel? Nach welchem Friedrich wurde die Friedrichstraße im Südwesten benannt? Diesen Fragen geht die Autorin in ihrem neu im Transit Verlag erschienen Buch „Die Villenkolonie Lichterfelde in Berlin“ nach.
Es begann in der Corona-Pandemie. „In dieser Zeit bin ich viel spazieren gegangen“, erzählt die Autorin, die schon längere Zeit in Rente ist. Rosemarie Gebauer ist Biologin und Botanikerin, jahrzehntelang hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Botanischen Garten gearbeitet und dort auch Führungen angeboten. Sie hat schon einige Pflanzenbücher im Transit Verlag veröffentlich, in denen sie der Bedeutung der Pflanzennamen auf den Grund geht und ihre Funktion in Märchen oder Sagen analysiert.

Auch bei ihren Wanderungen durch die Straßen von Lichterfelde hat sie zuerst „Blümchen fotografiert“, wie sie erzählt. Aber dann fielen ihr die Straßennamen auf. Wer war dieser Friedrich? Das sei die quälende Frage ganz am Anfang ihrer Recherche gewesen, so die Lichterfelderin. Nach und nach hat sie ihre Erkenntnisse auf dem Nachbarschaftsportal nebenan.de geteilt, bis ihr schließlich geraten wurde, daraus ein Buch zu machen. Das liegt jetzt vor.
Auf den knapp 200 Seiten ist viel mehr zu erfahren als nur die Herkunft der Straßennamen. Die Autorin erzählt die Geschichte von Häusern und ihren Besitzern, präsentiert prominente und weniger prominente, aber bemerkenswerte Bewohnerinnen und Bewohner. Sie geht auf die Gründung dieser Kolonie nach dem deutschfranzösischen Krieg 1870/71 ein und auf Vorbilder, die ihr Gründer Johann Anton Wilhelm von Carstenn (1822-1896) in ähnlichen Wohnvierteln in Paris, London oder Wien fand.
Fünfzig Straßengeschichten führen zu den Villen mit ihren Vorgärten und Plätzen
Rosemarie Gebauer ist bei ihren Rundgängen immer wieder ganz verzückt von der Schönheit vieler Villen, den individuellen Eingängen, gestalteten Vorgärten mit Blumen, Skulpturen und farbigen Türen und lässt den Leser daran teilhaben. Doch die Straßennamen und die Suche nach ihrer Herkunft und Bedeutung bleiben der rote Faden, der sich durch alle geschichtlichen, literarischen und botanischen Betrachtungen zieht. An die fünfzig Straßengeschichten führen zu den Villen mit ihren Vorgärten und Plätzen.
Auf den Straßenschildern sind einige Hohenzollern verewigt, zahlreiche Militärs, Vornamen von Frauen, deren Namenspatinnen gesucht werden mussten, Alte Meister, berühmter Künstler, Philosophen, Architekten und Widerstandskämpfer. Vor etwa drei Jahren hat Rosemarie Gebauer angefangen, nach Quellen für die Namensvergabe zu suchen, wobei sie neben Adressbüchern, Archiven und der Online-Recherche auch das Leben und die Literatur dazuzählt.
Gleich fünf Hohenzollern werden in Lichterfelde mit Straßennamen geehrt
So hat sie nicht nur herausgefunden, dass mit der Friedrichstraße in Lichterfelde West Friedrich III. (1831-1888) gemeint ist, sondern dass gleich fünf Hohenzollern in dem Villenviertel mit Straßennamen geehrt werden. Dazu gehört sein Cousin Prinz Friedrich Karl Nikolaus von Preußen (1826-1885), nachdem der Karlplatz benannt ist. Zuvor gab es auch eine Karlstraße, die heute die Baseler Straße ist. Neben den beiden Herren, sind auch noch drei Damen vertreten: Auguste, Viktoria und Sophie, seine Mutter, seine Frau und seine Tochter. Dazu gesellt sich noch der Erzieher des Kronprinzen Ernst Curtius und dessen Freund Emmanuel Geibel, nach denen die benachbarten Straßen benannt wurden.

Spannend sind auch die Geschichten der Paulinen- und der Marthastraße. Beide Straßen sind nicht nur aufgrund ihres Namens eine Besonderheit. Es sind auch Straßen, in denen unzählige Villen, die wie Burgen aussehen, von Gustav Lilienthal stammen. Der Bruder von dem Flugpionier Otto Lilienthal hat auch für seine Familie eine Burg in der Marthastraße 5 gebaut, in der bis vor etwas mehr als zehn Jahren noch seine Enkelin Anna lebte.
Ehefrauen der ersten Bauherren in der Straße standen Pate
Wer aber waren Martha und Pauline? Bei ihren Recherchen ist die Autorin auf eine überraschende Herkunft der Namen gestoßen. Sie hat herausgefunden, dass die Straßen, die zuvor weder einen Namen noch Häuser hatten, nach der Ehefrau des ersten Bauherren benannt wurde. Pauline Wesenberg und Martha Ippel haben mit ihren Männern jeweils die erste Villa in der Paulinenstraße 25 und der Marthastraße 4 bezogen.
Die kleine Potsdamer Straße in Lichterfelde bleibt hingegen ein Mysterium. Da die Potsdamer Chaussee die Schlösser in Berlin und Potsdam verband, vermutet Rosemarie Gebauer, dass bei den zahlreichen Hohenzollern auf den Namensschildern, auch eine Potsdamer Straße in dem Villenvorort nicht fehlen durfte.
Rosemarie Gebauer: „Die Villenkolonie Lichterfelde in Berlin. Ein sprudelnder Brunnen aus Architektur, Gartenkultur und Geschichte“, Transit Verlag, 28 Euro. Die nächste Lesung ist am 20. November, 18 Uhr, im Kaffeehaus Frau Lüske am Karlplatz, Baseler Straße 46 in Lichterfelde West.



