Der Korbstuhl hat so einige Flugkilometer auf dem Buckel. Installiert war er in der Passagierkabine des Zeppelins LZ 120 „Bodensee“, Baujahr 1919. Im Museum Europäischer Kulturen (MEK) dient er als Beleg dafür, dass Geflochtenes in der Luftfahrt sogar schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefragt war – wegen seiner Stabilität, seiner Leichtigkeit und seiner Flexibilität.
In der Sonderausstellung „All Hands On: Flechten“ zeigt das Museum mehr als 200 geflochtene Alltagsgegenstände aus ganz Europa und bietet einen Überblick über verschiedenste Flechttechniken und -materialien. Die Exponate stammen größtenteils aus der umfangreichen Sammlung des Hauses, hinzu kommen diverse Leihgaben. Mit der Sonderschau rückt das MEK die Faszination des Flechtens in den Mittelpunkt.
Was die Besonderheit dieser Jahrtausende alten Kulturtechnik ausmacht: Verflicht man biegsame und leichte Materialien, kann dadurch eine erstaunlich stabile Struktur entstehen. Außerdem steht das Flechten bis heute für innovatives Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes, beherrscht doch nur der Mensch die komplexe Flechttechnik. Keine Maschine kann ihn bisher ersetzen.
Auch in der Haute Couture ist die alte Handwerkskunst gefragt
Die Ausstellung zeigt, wie geflochtene Gegenstände – zum Beispiel Körbe, Hüte oder Schuhe – Dinge beim Transport oder den Menschen vor Wind und Wetter schützen. Sie spannt dabei einen weiten Bogen von einem etwa 3000 Jahre alten umflochtenen Gefäß aus Ägypten bis zu einem geflochtenen Kleid von Dolce & Gabbana. Die Modemacher präsentierten es vor zehn Jahren bei ihrer „Women’s Fashion Show“ als ein Stück aus der Frühlings- und Sommerkollektion – und traten damit den Beweis an, dass Geflochtenes bis heute auch in der Haute Couture gefragt ist.
Wie strapazierfähig Flechtwerk sein kann (und muss), zeigt das Beispiel der „Living Root Bridges“ aus Indien. Seit Jahrhunderten werden dort stabile Brücken aus verflochtenen Luftwurzeln des Gummibaums gebaut – eine Fertigkeit, die aktuell im innovativen Forschungsfeld der Baubotanik auch in Europa erforscht wird.
Untergliedert ist die Schau im MEK in die vier Bereiche „Mensch“, „Schutz“, „Material“ und „Muster“. Im Ausstellungsbereich „Mensch“ erfährt der Besucher beispielsweise, dass Flechten viel Geschick, Übung und Konzentration erfordert: Die Hände fühlen, die Augen beobachten und der Kopf plant den nächsten Arbeitsschritt. Damit könne die Tätigkeit auf Menschen beruhigend wirken, weshalb das Flechten auch in der Ergotherapie angewandt werde. Außerdem verweist die Schau darauf, dass nicht nur Dinge, sondern auch menschliche Geschichten miteinander verflochten sind. Begriffe aus dem Flechten wie „Beziehungsgeflecht“ oder Redewendungen wie „jemandem einen Korb geben“ sind bis heute gang und gäbe, um Verbindungen zwischen Menschen zu beschreiben.
„Loom“ ist eine Materialinnovation aus der Zeit um 1900
Die Schutzfunktion von Geflochtenem ist mittlerweile etwas in den Hintergrund getreten. Niemand würde heute noch auf die Idee kommen, mit einem geflochtenen Koffer auf Reisen zu gehen. Geflochtene Hüte dagegen sind gerade wieder schwer im Kommen – nicht nur als modisches Accessoire, sondern weil sie einen perfekten Sonnenschutz bieten. Ballonfahrer setzen ebenfalls bis heute auf die klassische Flechtkunst. So informiert die Ausstellung darüber, dass es bis heute ausschließlich geflochtene Ballonkörbe gibt. Durch das flexible Geflecht gibt der Korb etwas nach und trägt damit zu einer sanften Landung bei.
Im Kapitel „Material“ macht der Besucher Bekanntschaft mit „Loom“, einer Materialinnovation aus der Zeit um 1900. Schon damals entwickelte man künstliche Materialien, um das Flechten zu vereinfachen und die Produktion zu beschleunigen. Die Ausstellung weitet den Blick auch immer wieder über den europäischen Kontext hinaus. Denn im gleichen Zeitraum gewannen Flechtmaterialien wie Rattan oder Sisal an Bedeutung, die ursprünglich vielfach als koloniale Rohstoffe nach Europa gelangten.
Das MEK legt einen Finger in die Wunde: „Die ausbeuterischen Verhältnisse, unter denen sie in Ländern wie Indonesien, Malaysia oder Tansania von den europäischen Kolonialmächten angebaut wurden, werden häufig immer noch nicht thematisiert“, heißt es auf einer Texttafel. Bis heute werden Seile, Teppiche oder Möbel aus Rattan oder Sisal gefertigt.
Es werden verschiedene Flechttechniken vorgestellt
Im letzten Ausstellungsbereich kann anhand vielfältiger Exponate nachempfunden werden, wie durch verschiedene Flechttechniken mit großem Geschick die unterschiedlichsten Muster geschaffen werden. Entsteht bei der Wulstwickeltechnik ein runder Korb mit dem Muster einer Spirale, ist das Ergebnis bei Spanarbeiten meist ein eckiger Korb mit Schachbrettmuster. Verknüpft sind die einzelnen Ausstellungskapitel mit interaktiven Stationen, die das Flechten „be-greifbar“ machen. An den Hands-On-Stationen können Besucher Nester flechten, Flaschen schützen oder sich mit anderen Geschichten vernetzen.
Abgerundet wird die Ausstellung mit zeitgenössischen künstlerischen Flechtarbeiten. Das Highlight: die begehbare Raumskulptur „Der geflochtene Garten“, die der Konzeptkünstler Olaf Holzapfel eigens für die Schau als Auftragsarbeit entworfen und geschaffen hat.
Museums-Info
„All Hands On: Flechten“ Sonderausstellung bis 26. Mai 2024, Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, Dahlem, Tel. 830 14 29, Di.–Fr. 10–17 Uhr, Sbd.+So. 11–18 Uhr, Karten kosten 8 Euro, mehr Infos unter www.smb.museum/mek


