Forstamt

Katja Kammer ist die Hüterin des Grunewalds

Katja Kammer ist die neue Forstamtsleiterin im Grunewald. Sie ist angetreten, um den Bestand ihrer sechs Reviere zu sichern.

Katja Kammer mit Jagdterrier-Hündin Yette unterwegs im Revier Dachsberg.

Katja Kammer mit Jagdterrier-Hündin Yette unterwegs im Revier Dachsberg.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Schon nach den ersten Schritten in den Wald hinein bleibt Katja Kammer unvermittelt stehen und blickt hoch, in die Krone einer Birke. Kein einziges Blatt hängt mehr an den dürren Ästen. „Das sind Absterbe-Erscheinungen, die wird nicht wieder austreiben“, sagt die 37-Jährige. Trockenstress heißt die Diagnose. Die vergangenen zwei Jahre, in denen es kaum geregnet hat, hätten dem Wald enorm geschadet, sagt die promovierte Forstwissenschaftlerin. Besonders betroffen sei die Birke. Sie vertrockne schneller als zum Beispiel eine Eiche, weil sie nur flache Wurzeln hat. Der Baum ohne Blätter neigt sich leicht in Richtung des Weges. Sie wird ihn beobachten lassen, zur Sicherheit.

Seit 1. Juni ist Katja Kammer die neue Leiterin des Forstamtes Grunewald. Sie tritt die Nachfolge von Elmar Kilz an, der mehr als zwei Jahrzehnte in dem Amt war und in dieser Zeit unter anderem den Umbau des Waldes in einen Mischwald vorangetrieben hat. Einen Monat lang haben die beiden noch zusammengearbeitet und eine Übergabe gemacht, bevor Elmar Kilz in den Ruhestand gegangen ist.

Jetzt ist Katja Kammer die Chefin über 6000 Hektar Waldfläche und sechs Revierförstereien. Die gebürtige Thüringerin ist mit einem klaren Grundsatz angetreten: „Der Wald bleibt, so wie er ist, bestehen und wird gemehrt.“ Sie werde keine Flächen abgeben, vor allem nicht für Bauprojekte. Da verstehe sie sich als Waldhüterin. „Was wir an Wald haben, behalten wir, zu 100 Prozent“, erklärt die Forstamtsleiterin.

Lesen Sie auch: Mitten in der Stadt: Traumstrand am Rand vom Flughafen Tegel

Grunewald zählt zu den meistgenutzten Erholungswaldgebieten in Deutschland

Katja Kammer wurde in eine Forst-Familie hineingeboren. Der Opa hat im Wald mit Pferden Holz gerückt, ihr Vater ist in Thüringen Forstwirtschaftsmeister. „Ich habe schon immer gesagt, dass ich eines Tages mal die Chefin von Papa sein werde“, sagt sie und lacht. Für sie sei nie ein anderer Beruf infrage gekommen.

Aufgewachsen in einer waldreichen Gegend, habe sie sich rund um die Uhr in der Natur aufgehalten und versucht, ihre Zusammenhänge zu verstehen. Als Bäume gefällt werden mussten und eine neue Straße gebaut wurde, hat sie genau beobachtet, wie sich die Natur später links und rechts vom Asphalt ihr Revier zurückeroberte.

Nach Studium, Referendariat und Promotion in Göttingen war Katja Kammer zuletzt als Leiterin des sächsischen Staatsforstbetriebes in Chemnitz für etwa 13.000 Hektar Waldfläche zuständig, die vor allem forstwirtschaftlich genutzt werden. In Berlin managt sie jetzt mit ihrem Team eines der am intensivsten genutzten Erholungswaldgebiete Deutschlands. Bei einem Rundgang mit Jagdterrier-Hündin Yette durch das Revier Dachsberg am Grunewaldsee erzählt sie von den Aufgaben, die sie im Berliner Wald erwarten.

Auch interessant: Im Grunewald warten Abenteuer auf die Kinder

Grunewald: So verändert der Klimawandel das Gebiet

Das größte Problem ist natürlich auch hier die Trockenheit. „Unser Arbeitsschwerpunkt ist es mittlerweile, die Verkehrssicherheit zu gewährleisten“, erklärt die Forstwissenschaftlerin. Wie die Birke ohne Blätter seien viele Bäume aufgrund der langen dürren Phasen im Dauerstress. Äste könnten abbrechen, Bäume umfallen. Daher müssten mögliche Gefahren auf Wegen und Plätzen für Waldbesucher abgewendet werden.

Der Klimawandel verändere den Wald, sagt Katja Kammer. Die Bäume werden trockener, anfälliger, die Schädlinge nehmen zu, wie zum Beispiel der Eichenprozessionsspinner. Schon lange kommen die Wurzeln der Bäume nicht mehr an das Grundwasser heran. „Damit die Speicher wieder aufgefüllt werden, müsste es drei bis vier Monate ununterbrochen regnen“, sagt die Waldexpertin. Regelmäßig wird Inventur gemacht: Wie groß ist der Bestand? Was wächst nach? Welche Bäume können gefällt werden?

Doch in Berlin erwartet sie noch eine weitere neue Herausforderung: Anders als in Sachsen, wo der Wald vor allem für sportliche Aktivitäten und Wandern genutzt wird, „will sich die Berliner Bevölkerung rund um die Uhr im Wald erholen“. Baden, Hunde ausführen, am Strand liegen, Party machen – für die Berliner hat der Wald einen Eventcharakter. Und schon ist sie beim Thema Müll. „Jeder hat als Kind gelernt, dass man seinen Müll wieder mitnimmt“, sagt sie. Der Wald sei kein Park, in dem es überall Abfallbehälter gibt. Leere Flaschen und Verpackungen mitnehmen – diesen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz könne jeder leisten. Die Forsten seien nicht dazu da, den Müll wegzuräumen, sondern den Wald für die Besucher zu gestalten und zu erhalten.

Mehr zum Thema: Nach Bad im See bleibt viel Müll auf Liegeplätzen zurück

Wildschweine in Berlin: Sie lernen schnell, wo es leicht Futter gibt

Einige Berliner wollen aber auch ihr Geschäft in den Wald verlegen. Immer wieder gehen Anfragen von Interessengruppen ein. Waldbaden, Waldtherapie oder Waldchöre, aber auch Managementseminare oder Hüttenbauer – die Erlaubnis dafür unterliegt dem Waldgesetz. Fakt ist: Der Wald dient der Allgemeinheit und nicht einzelnen, die darin ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. „Was möglich ist, lassen wir zu. Zum Beispiel, wenn Kinder ein Floß bauen wollen im Rahmen des Ferienprogramms einer Jugendfreizeiteinrichtung“, sagt die Forstamtsleiterin.

Natürlich sind auch die Wildschweine ein großes Thema in Berlin. Ja, es kommen immer mehr in die Stadt. Das liegt aber auch daran, dass gerade in Corona-Zeiten noch mehr Berliner als sonst im Wald Erholung suchten. „Und wenn Jugendliche abends Party machen, muss sich das Schwein einen Ausweg suchen“, sagt Katja Kammer. Nach dem Motto: Wenn ihr zu uns kommt, kommen wir zu euch. Die Tiere lernen aber auch rasch, wo es offene Müllplätze und Gärten für das schnelle Futter gibt. Daher rät sie: Grundstücke mit einem sicheren Zaun versehen und Mülltonnen immer gut verschließen.

Den Rundgang durch das Hundeauslaufgebiet am Grunewaldsee hat Katja Kammer nicht nur für das Gespräch genutzt. Am Ende hat sie einige Dinge gesehen, die sie dem zuständigen Förster gleich melden wird: An der Hundebadestelle muss der Zaun und auf dem Weg vor der Revierförsterei das Geländer repariert werden. Außerdem liegt ein Ast quer auf einem Weg, der soll wieder freigeschnitten werden. Zur Sicherheit für die Waldbesucher.