Quartiersmanagement

Diese neun Berliner Problem-Kieze bekommen Hilfe

Ab 2021 werden Problem-Gebiete besonders gefördert, um sie wieder attraktiver zu machen. Ein Überblick, welche Kieze Hilfe bekommen.

Die Thermometersiedlung entlang der Osdorfer und Celsiusstraße in Berlin-Lichterfelde.

Die Thermometersiedlung entlang der Osdorfer und Celsiusstraße in Berlin-Lichterfelde.

Foto: akg-images / euroluftbild.de/Robert Grahn

Berlin. Immer dienstags ist die Armut sichtbar. An diesem Tag findet die Lebensmittel-Ausgabe der Berliner Tafel an der Celsiusstraße in der Thermometersiedlung statt. Auf den Tischen im Mehrzweckraum des Kinder- und Familienzentrums „Bus-Stop“ stehen Kisten mit Obst, Gemüse, Brot und Milchprodukten. Damit die ersten Bewohner nicht schon morgens acht Uhr vor der Tür warten, hat sich die Leiterin der Einrichtung, Martina Bischof, etwas Besonderes einfallen lassen. Wer kommt, zieht ein Los mit einer Nummer. Wenn sich um zwölf Uhr die Türen öffnen, kommen die Menschen in der Reihenfolge ihrer Losnummern dran. Das hat sich bewährt: kein Gedränge, kein Ärger.

Bis zu 150 Bedürftige holen sich Lebensmittel ab: Ein Drittel Arbeitslose, ein Drittel Flüchtlinge, ein Drittel Senioren mit einer geringen Rente – so beschreibt Martina Bischof das Publikum. Sie erzählt, wie sich die Siedlung in Lichterfelde Süd verändert hat – vom einstigen Mittelstandsquartier in den 70er-Jahren zu einem „Krisengebiet“ 30 Jahre später. Weil Gutverdiener ab Mitte der 1990er-Jahre eine höhere Ausgleichszahlung für die Sozialwohnungen zu entrichten hatten, zogen viele weg. In ihre Wohnungen kamen Menschen mit wenig Geld: Arbeitslose, Migranten, Hartz-IV-Empfänger. „Entmischung“ heißt das im Beamtendeutsch, wenn sich die Bewohnerschaft gleicht. Die Folge sind soziale Probleme im Kiez.

Seit Jahren fordern Bezirksverordnete in Steglitz-Zehlendorf ein Quartiersmanagement für die Thermometersiedlung. Jetzt endlich klappt es. Das Viertel zwischen Osdorfer Straße, Celsius- und Reaumurstraße gehört ab 2021 zu den neun neuen Quartieren, die der Senat in das Förderprogramm Sozialer Zusammenhalt (bis 2019 Soziale Stadt) aufgenommen hat. In den Kiezen sollen unter anderem Netzwerke und Begegnungsorte für Nachbarn entstehen.

Besonders schlechte Daten bei der Einschulungsuntersuchung

Mehr als 4600 Menschen leben in der Thermometersiedlung, fast 50 Prozent haben einen Migrationshintergrund, der Ausländeranteil beträgt knapp 24 Prozent. Fast ein Viertel der Bewohner bezieht ein Transfereinkommen, 60 Prozent der Jugendlichen leben in Familien, die auf Unterstützung angewiesen sind. „Bei den Einschulungsuntersuchungen hat die Thermometersiedlung besonders schlechte Daten“, sagt Carolina Böhm (SPD), Bezirksstadträtin für Jugend und Gesundheit. Am schlimmsten seien die sprachlichen Defizite der Kinder. Sie hofft, mit dem Quartiermanagement mehr Familien zu erreichen, ihnen mehr Angebote machen zu können.

Eigentümer vieler Häuser in der Thermometersiedlung ist die Deutsche Wohnen, die es „ausdrücklich“ begrüßt, dass die Siedlung ein Quartiersmanagement-Gebiet wird. „Über die Rückmeldung unserer Mieter und Mitarbeiter im Quartier nehmen wir die Punkte Vandalismus und Jugendkriminalität als große Problemfelder wahr“, erklärt Romy Mothes, Sprecherin der Deutschen Wohnen. Gerade die Förderung von Kindern und Jugendlichen sowie das Aufzeigen sinnvoller Aktivitäten sollte ein Schwerpunktthema des künftigen Engagements sein. Seit 2012 hilft die Deutsche Wohnen dem Stadtteilzentrum Steglitz vor Ort bei der Finanzierung einer Projektstelle, stellt auch Räume.

Die meisten wollten in der Thermometersiedlung wohnen bleiben

Bei einem Kiez-Rundgang am Vormittag fällt vor allem eins auf: die Ruhe. Hunde werden ausgeführt, Rentner rollen ihre Einkaufswagen über die Gehwege. Unzufrieden klingt hier keiner. Nicht einmal der Kontaktbereichsbeamte der Polizei, Andreas Meese. Er ist jeden Tag im Kiez mit dem Fahrrad unterwegs und wird von jedem, der vorbeiläuft, gegrüßt. Mal erwischt er einen Falschparker, mal sagen ihm die Leute Bescheid, wo Jugendliche kiffen. „Vor allem die älteren Mieter passen auf, dass der Fahrstuhl nicht beschmiert oder Müll vor der Haustür abgeladen wird“, sagt Meese. Dann beschweren sie sich, denn die meisten wollten hier wohnen bleiben.

Vor zwölf Jahren ist Melanie von der Steglitzer Schloßstraße in die Thermometersiedlung gezogen. Mit drei Töchtern brauchte die heute 48-Jährige eine größere Wohnung. „Als ich erzählte, dass ich hierherziehen will, habe ich immer nur gehört, was das für eine schlimme Gegend ist“, erzählt die Lichterfelderin. Sie sei vor einer Mädchen-Bande gewarnt worden. Doch sie habe nie Probleme im Kiez gehabt. In ihrem Hochhaus habe sie guten Kontakt mit den Nachbarn, es sei grün und optimal für Kinder. Jeden Abend gehe sie mit dem Hund raus, auch da habe sie nie etwas Negatives erlebt.

Vor allem ein Satz ist in der Thermometersiedlung immer wieder zu hören: Es ist viel ruhiger geworden. Das liegt unter anderen an der engagierten Vereinsarbeit von „Bus-Stop“, dem Familienzentrum. Im Jahr 1998 sei die Situation umgeschlagen, erzählt Leiterin Martina Bischof. Zu der Zeit seien viele neue Bewohner mit Migrationshintergrund gekommen, die nur in Berlin arbeiten und dann wieder in ihre Heimatländer zurückkehren wollten. Deshalb hätten sie die Kinder gar nicht erst in die Schule geschickt. Sie sollten zu Hause bleiben und auf die kleinen Geschwister aufpassen. „Die hatten dann Langeweile und haben Quatsch gemacht“, so die Sozialpädagogin. Jürgen Bischof, später ihr Mann, habe die Situation erkannt und ein Zelt auf einem Parkplatz aufgebaut, um als Streetworker die Kinder von der Straße zu holen. Das Zelt wurde dann durch einen ausrangierten Bücherbus ersetzt: „Bus-Stop“. Heute nutzt der Verein das Gemeindehaus der Petruskirche.

Anfangs sei sie vor der Siedlung gewarnt worden

Kern der Arbeit ist eine Mentorenausbildung seit 2006, die von der Polizei unterstützt wird. Vor allem auffällige Jugendliche oder Jungs aus Clan-Familien hat der Verein versucht, für die Ausbildung zu gewinnen. In sechs bis neun Monaten lernen die Teilnehmer soziale Kompetenzen, aktives Zuhören und Kommunikation. Die Mentoren werden dann im Kiez aktiv und kümmern sich um die anderen Jugendlichen. Nach mehr als zehn Lehrgängen sind mittlerweile eine Menge Mentoren in der Thermometersiedlung unterwegs. „Nach Auskunft der Polizei ist die Kriminalität im Quartier um 40 Prozent gesunken“, sagt Martina Bischof.

Einer der Mentoren ist Murat, heute 37 Jahre alt und Familienvater. Er ist in der Thermometersiedlung geboren und lebt heute noch hier. Er habe früher viel „Scheiß“ mit den anderen gemacht, erzählt er. Aber die „Großen“ hätten es alle geschafft, ihnen gehe es gut, viele seien Väter geworden. Jetzt müssten sich die Großen um die 13- bis 16-Jährigen kümmern, aufpassen, dass sie zur Schule gehen, nicht mit Drogen ihr Geld verdienen. „Die klauen zu Hause Geld, rauchen, gehen ins Spielcasino“, erzählt Murat. Mit denen müsse er reden, sie warnen, dass sie im Knast landen können und ihre Mutter dann traurig ist. Banden gebe es keine mehr, sagt Murat. Und schließlich sagt auch er den Satz: „Es ist schon viel ruhiger geworden.“

Diese neun schwierigen Kieze bekommen Hilfe

Thermometersiedlung (Lichterfelde)

Lage und Charakteristik: Das Viertel in Lichterfelde zwischen Osdorfer Straße, Reaumurstraße und den Bahngleisen ist ein typisches Beispiel für die Stadtrandbebauung in den 70er-Jahren in West-Berlin. Die Gebäude sind zwischen fünf und 22 Stockwerken hoch.

Bewohner: 4600 Menschen leben dort, der Ausländeranteil liegt bei 24 Prozent. Fast 50 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, davon sind 30 Prozent Jugendliche. 10,5 Prozent der Bewohner sind arbeitslos, 22 Prozent beziehen Transferleistungen.

Probleme: Seit vielen Jahren nehmen die sozialen Probleme in dem anfangs gut durchmischten Gebiet zu. In der Siedlung existieren keine Netzwerke und kaum Grünflächen.

Aufgaben des Quartiersmanagements: Es gilt, mehr Angebote für Kinder und Jugendliche zu schaffen und neue Themen für das Stadtteilzentrum im Südwesten zu erschließen. Neue Außenräume sollten für die Verbesserung der Wohnqualität gestaltet werden.

Gropiusstadt Nord (Neukölln)

Lage und Charakteristik: Die Wohnungen im Gebiet sind überwiegend im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus zwischen 1962 und 1975 errichtet worden. Das für den Siedlungsbau der 1960er-Jahre typische Wohngebiet ist stark begrünt.

Bewohner: In dem Gebiet leben rund 15.300 Menschen. Rund die Hälfte besitzt einen Migrationshintergrund, der Ausländeranteil liegt bei 20 Prozent. Die Arbeitslosigkeit beträgt zehn Prozent, ein Viertel der Einwohner des QM-Gebietes beziehen zudem Transferleistungen vom Amt.

Probleme: Mieter und Anwohner, die aus dem hippen Norden Neuköllns verdrängt werden, ziehen bevorzugt in die Gropiusstadt. Das führt dort jedoch zur Verdrängung der Bewohner und zu einem Anstieg der Mieten.

Aufgaben des Quartiersmanagements: Verdrängung alteingesessener Anwohner stoppen, Vorbereitung auf den Zuzug neuer Mieter.

Glasower Straße (Neukölln)

Lage und Charakteristik: Das Quartier ist durch eine gründerzeitliche Wohnbebauung geprägt. Es befindet sich im Zentrum von Neukölln, südlich der S-Bahn-Trasse, westlich angrenzend an Tempelhof, im Osten reicht es bis an die Hermannstraße.

Bewohner: Knapp 17.000 Menschen leben in diesem Gebiet. 56 Prozent von ihnen haben Migrationshintergrund und 35 Prozent sind Ausländer. Etwa 30 Prozent beziehen Transferleistungen.

Probleme: Das Gebiet ist von Gentrifizierung bedroht. Auf dem Grundstück der ehemaligen Frauenklinik und des Schwesternwohnheims am Mariendorfer Weg werden beispielsweise neue Wohnungen und eine Kita mit rund 150 Plätzen errichtet.

Aufgaben des Quartiersmanagements: Die Bewohner fürchten die Verdrängung, so das Bezirksamt. Hier gebe es hohes bauliches Aufwertungspotenzial. Es gelte vor allem, alteingesessene Bewohner vor Gentrifizierung zu schützen.

Harzer Straße (Neukölln)

Lage und Charakteristik: Das Gründerzeitquartier im Gebiet der Harzer Straße liegt im hippen Norden von Neukölln, zwischen der Sonnenallee und dem Nachbarbezirk Treptow.

Bewohner: Im neuen QM-Gebiet Harzer Straße leben gut 7000 Einwohner. Rund 58 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, der Ausländeranteil im Gebiet beträgt etwa 38 Prozent. Die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 13 Prozent. Außerdem beziehen 33 Prozent der Einwohner Hartz IV beziehungsweise Transferleistungen.

Probleme: Heterogene Bevölkerungsstruktur, hohe Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig sind das Gebiet und seine Bewohner von Gentrifizierung bedroht.

Aufgaben des Quartiersmanagements: Soziale Infrastruktur und öffentliche Räume sichern, Bewohner unterstützen. Netzwerke in den Kiezen, wie soziale Einrichtungen, etablieren.

Alte Hellersdorfer Straße (Hellersdorf)

Lage und Charakteristik: Das Gebiet ist Teil der in den 80er-Jahren erbauten Großsiedlung Hellersdorf und besteht aus sechs- bis elfgeschossigen Wohnblöcken. Im Osten grenzt es an das bereits bestehende Quartiersmanagementgebiet Hellersdorfer Promenade.
Bewohner: Im Gebiet leben 12.352 Menschen, Tendenz steigend. Rund neun Prozent der Bewohner sind arbeitslos. Ein Fünftel der dort lebenden Hellersdorfer sind minderjährig.
Probleme: Die Kinderarmut im Quartier ist sehr hoch: Knapp 50 Prozent der unter 18-Jährigen leiden darunter.
Aufgaben des Quartiersmanagements: Vordringlich soll im neuen Quartier Familienarbeit, vor allem mit Alleinerziehenden, geleistet werden. Es gilt, zudem die Jugendarbeit zu verbessern und eine Jugendeinrichtung einzurichten. Die in einer Modularen Unterkunft (MUF) an der Zossener Straße lebenden Geflüchteten sollen besser in die Nachbarschaft integriert werden.

Rollbergsiedlung (Reinickendorf)

Lage und Charakteristik: Die Rollbergesiedlung liegt im Ortsteil Waidmannslust an der Grenze zu Lübars. Sie ist ein typischer Vertreter einer Großsiedlung mit Hochhäusern, die mittlerweile mehr als 50 Jahre besteht.
Bewohner: In dem Gebiet leben knapp 5500 Menschen, davon sind 28 Prozent Ausländer, 45 Prozent haben einen Migrationshintergrund.
Probleme: Es gibt eine Zunahme sozialer Probleme, Netzwerke sind kaum vorhanden. Das beklagen auch die Menschen, die schon viele Jahre dort leben.
Aufgaben des Quartiersmanagements: Vom künftigen Quartiersmanagement erhofft sich der Bezirk eine spürbare Aufwertung des Kiezes, die auch zu einer höheren Identifikation mit dem unmittelbaren Lebensumfeld und besseren Vernetzung der Nachbarschaft führen soll.

Germaniagarten (Tempelhof)

Lage und Charakteristik: Der Germaniagarten befindet sich südlich des Tempelhofer Feldes und umfasst einen Teil der Oberlandstraße bis an die Schaffhausener Straße. Damit liegt die Wohnsiedlung aus meist dreistöckigen Häusern an der Grenze zu Neukölln.
Bewohner: Im berlinweiten Vergleich fällt das Areal mit etwa 3800 Einwohnern durch hohe Arbeitslosigkeit auf.
Probleme: Straftaten liegen über dem Berliner Vergleichswert. Sorgen bereitet die Zahl der Arbeitslosen und damit verbundene Armut. Bei den unter 15-Jährigen leben 65 Prozent in einer Familie mit Hartz-IV-Bezug. Auch in Bezug auf die Altersarmut fällt das Gebiet negativ auf. 20 Prozent der Rentner erhalten Grundsicherung.
Aufgaben des Quartiersmanagement: Bedarf existiert in den Bereichen soziale Infrastruktur, öffentliche Plätze und Spielplätze, Nachbarschaftsarbeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Gesundheit und Bildung, Beteiligung und Teilhabe.

Nahariyastraße (Tempelhof)

Lage und Charakteristik: Die Großwohnsiedlung Nahariyastraße mit dem Volkspark Lichtenrade liegt im Süden Berlins in Lichtenrade. Die Häuser wurden in den 60er- und 70er-Jahren errichtet.
Bewohner: 37 Prozent der Menschen unter 65 Jahren beziehen Hartz-IV. Bei den unter 15-Jährigen ist der Anteil der Hartz-IV empfangenden Familien mit 59 Prozent hoch. Durch den Zuzug von Kindern – besonders unter sechs Jahren – besteht Bedarf am Ausbau der sozialen Infrastruktur. Etwa 7200 Menschen leben dort.
Probleme: Die Infrastruktur muss an den aktuellen Bedarf, der auch durch den Zuzug von Flüchtlingen entstanden ist, angepasst werden. Wiederholte Verkäufe der Wohnhäuser haben regelmäßige Instandsetzungen verhindert.
Aufgaben des Quartiersmanagements: Aufwertung des Wohnumfelds, Ausbau der Infrastruktur, Unterstützung des Volksparks Lichtenrade, Konfliktmanagement

Falkenhagener Feld Ost (Spandau)

Lage und Charakteristik: Das bestehende Spandauer Quartiersmanagement-Gebiet Falkenhagener Feld Ost wurde um den Planungsraum Germersheimer Platz erweitert. Der Bereich liegt westlich der Altstadt und ist ein reines Wohngebiet. Die Gebäude stammen aus den 1920er-, 1930er- und 1960er-Jahren.
Bewohner: Im Gebiet Germersheimer Platz leben gut 7700 Menschen, die Einwohnerzahl wächst. Knapp 20 Prozent sind Ausländer. Die Arbeitslosenquote lag dort zuletzt bei gut zwölf Prozent. Knapp ein Viertel der Einwohner bezieht Transferleistungen.
Probleme: Kinderarmut und Jugendarbeitslosigkeit sind Themen. Mehr als jedes zweite Kind unter 15 Jahren ist abhängig von Transferleistungen. Es gibt zu wenige soziale Angebote.
Aufgaben des Quartiersmanagements: Ziel ist es, die soziale und grüne Infrastruktur zu fördern und die Zahl der Betreuungs- und Beratungsangebote zu erhöhen.