Raumnot

Musikschule in Steglitz-Zehlendorf soll mehr Platz erhalten

Die Musikschule im Bezirk gehört zu den größten in Deutschland. Doch es fehlen Räume. Bezirkspolitiker fordern jetzt ein neues Gebäude.

Zusammen proben, wie hier beim „Open Stage Jazz Workshop“ in diesem Jahr, können die Musiker nur, wenn es genügend Räume gibt.

Zusammen proben, wie hier beim „Open Stage Jazz Workshop“ in diesem Jahr, können die Musiker nur, wenn es genügend Räume gibt.

Foto: Luisa Blumenstein

Steglitz-Zehlendorf.  Wenn Joachim Gleich über die Situation der Musikschule in Steglitz-Zehlendorf berichten will, erzählt er zunächst von seiner jüngsten Reise nach Hamburg. Der Musikschulleiter war zu einem Fachaustausch mit Kollegen in der Hansestadt. Es ging um Digitalisierung, beide Seiten wollten voneinander lernen. Doch bevor es in die inhaltliche Arbeit ging, stand ein Rundgang durch das Hamburger Haus der Musikschule an.

An dieser Stelle fängt Joachim Gleich an zu schwärmen: ein Konzertsaal mit 400 Plätzen, eine große Bühne, mehrere Räume für die Ensemble-Arbeit, darunter auch für Tänzer. „Das Gebäude sieht aus wie eine kleine Philharmonie“, sagt der Musikschuldirektor. Die Fachräume, die großen Flächen, der Schallschutz – das hätte ihn alles sehr beeindruckt. Hamburg sei toll aufgestellt und zeige, was möglich ist.

Noch nicht mal Platz für das Klavier

So ein Haus würde sich Joachim Gleich auch wünschen. Die Musikschule in Hamburg ist eine gesamtstädtische Einrichtung und dennoch in der Größe vergleichbar mit der bezirklichen in Steglitz-Zehlendorf. Etwa 300 Lehrer geben knapp 3500 Stunden pro Woche, rund 7000 Schüler sind angemeldet. Damit gehören Hamburg und Steglitz-Zehlendorf zu den größten Musikschulen in Deutschland. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. In Hamburg kann der Unterricht nach Plan laufen, in Steglitz-Zehlendorf gibt es oft nicht einmal einen Platz für das Klavier.

Das Problem haben die Fraktionen von SPD, FDP und Linken in der Bezirksverordnetenversammlung aufgegriffen. In einem gemeinsamen Antrag fordern sie den Bezirk auf, „ein geeignetes, größeres Gebäude mit angemessen ausgestatteten Räumen im Bezirk zur Verfügung zu stellen“. Initiiert hat den Antrag die SPD-Fraktion, „nach einem intensiven Gespräch mit Kollegen der Musikschule auf einer Veranstaltung“, sagt Norbert Buchta, Vorsitzender der SPD-Fraktion. Dort sei ihnen klargemacht worden, dass die Musikschule „aus allen Nähten platzt und Räume braucht, vor allem für Orchester.“

Seit Jahren kämpft die Musikschule um jeden Raum in Steglitz-Zehlendorf. Vor mehr als zehn Jahren musste die Musikschule ihre Villa in der Grabertstraße verlassen, weil der Bezirk die Sanierungskosten von 500.000 Euro nicht aufbringen konnte. Fast 50 Jahre waren die Musiker dort ansässig, bis sie das Haus für ein privates Kulturzentrum räumen mussten. Nach der Insolvenz des Betreibers bekamen sie ein heruntergewirtschaftetes Haus zurück. Aber wenigstens konnten sie die Probenräume wieder nutzen. Doch die reichen nicht.

Kleineres Zeitfenster nach Einführung der Ganztagsschule

Zugespitzt habe sich das Problem mit der berlinweiten Einführung der Ganztagsschule, sagt Joachim Gleich. Die Musikschule kooperiere mit vielen Schulen im Bezirk und nutze dort Klassen- und Freizeiträume für den Unterricht. Das funktioniere gut, die Unterstützung vieler Schulen sei groß. Jetzt aber habe sich die Situation verändert: Die Schulen bräuchten die Räume selbst viel länger für ihre Schüler und den Unterricht. Früher hätte die Musikschule oft schon gegen 13 oder 14 Uhr Klassenräume nutzen können. Heute sei ein Zeitfenster von 16 bis 22 Uhr übrig geblieben. „Auch ein Erwachsener will nicht nach 20 Uhr noch Unterricht haben“, sagt Joachim Gleich. Im Bereich Tasteninstrumente gebe es aus diesem Grund Wartelisten.

Dazu kommt ein kompliziertes Raum-Management. In den Schulen gibt es Schlummerecken, Computerecken oder Hausaufgabenecken. Die sind fest etabliert und können nicht einfach weggeräumt werden. Es sei schwierig, die Instrumente in den Schulen aufgebaut zu lassen, sagt der Musikschuldirektor. Gerade für Jazz-, Rock- und Popmusiker sei es wichtig, dass sie für die Probe Verstärker, Schlagzeug und Keyboard stehen lassen könnten und nicht stundenlang aufbauen müssen – und das möglichst auch in einem schallgedämpften Raum. Schüler, die in der studienvorbereitenden Ausbildung sind, müssten oft stundenlang üben. Das gehe nicht auf vier Kesselpauken, „wenn im Nachbarraum gerade Latein geschrieben wird“.

32 Millionen Euro wären zusätzlich notwendig

Um die Musikschulen und ihre Zukunft kümmert sich der Landesmusikrat Berlin. Es gibt eine Liste mit Themen und Forderungen, die bis 2025 erreicht werden sollen. Darauf steht unter anderem die Honorarerhöhungen von Lehrern und die bessere Absicherung der freien Honorarkräfte, eine 80-prozentige Festanstellung, mehr Stellen für das musikpädagogische Management – und auch der Neubau von Musikschulen.

In einer Empfehlung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist festgehalten, wie viele Unterrichtsstunden Berliner Musikschulen anbieten sollten: Das sind zwölf Jahreswochenstunden Musikunterricht pro Tausend Einwohner. Tatsächlich liegt die derzeitige Anzahl bei 7,9 Stunden. „32 Millionen Euro wären zusätzlich notwendig, um die empfohlene Stundenzahl zu gewährleisten“, sagt Franziska Stoff, Generalsekretärin des Landesmusikrates.

Auch sie sieht eine Ursache des Raumproblems bei der Ganztagsschule bis 16 Uhr. Ihr Vorschlag: Den Nachmittagsbereich, der oft von Erziehern freier Jugendträger in den Schulen bespielt wird, besser nutzen. Also nicht nur Hausaufgabenbetreuung oder Aufsicht in dieser Zeit anbieten, sondern auch die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen. Dazu müsste es mehr Kooperationen zwischen den Freien Trägern und Musikschulen geben.

Neuer Standort ist im Gespräch

Eine andere Lösung wäre, Fachraumverbünde an Schulen zu etablieren, die gemeinsam mehrere Räume konzentriert nutzen. „Steglitz-Zehlendorf ist besonders vom Raummangel betroffen, weil die Musikschule nicht so viele eigene Gebäude hat“, so Franziska Stoff. Die Räume, die in den Schulen genutzt werden, seien nie auf Dauer sicher.

Ein erster Vorschlag für einen neuen Standort der Musikschule ist bereits im Gespräch: Nach dem Umzug des Alliierten Museums in den Hangar 7 auf dem Flughafen Tempelhof könnte die Musikschule das Haus nutzen. Auf dem Dahlemer Gelände wäre Platz für ein weiteres Gebäude. „Die Idee ist sinnvoll“, sagt SPD-Fraktionschef Norbert Buchta. Es wäre eine gute Möglichkeit, das Kino und die Bibliothek zu nutzen.

Musikschulleiter Joachim Gleich könnte sich das auch vorstellen. Für ihn ist Hamburg nun das Maß der Dinge, „da müssen wir hin“, sagt Gleich. Der Antrag für ein neues Gebäude wurde schon einstimmig im Kulturausschuss beschlossen. Im Oktober geben die Bezirksverordneten ihr Votum ab.