Ehrung

„Es ist schön, wieder in einer Schule zu sein“

Rosinenbomber-Pilot Gail Halvorsen wurde Ehrenschüler in der Dahlemer Gail-Halvorsen-Schule. Den Schülern hatte er Einiges zu sagen.

In Roben und Hüten: der Pilot der Luftbrücke und Ehrenschüler Gail Halvorsen mit den Schülern Tessa und Benjamin

In Roben und Hüten: der Pilot der Luftbrücke und Ehrenschüler Gail Halvorsen mit den Schülern Tessa und Benjamin

Foto: Katrin Lange

Berlin.  So werden wahre Helden empfangen: Jubel, Klatschen, Stampfen lassen am Montagvormittag die Turnhalle der Gail-Halvorsen-Schule in Dahlem erbeben, als der legendäre Luftbrücken-Pilot Gail Halvorsen von den beiden Elftklässlern Tessa und Benjamin durch die Turnhalle zu seinem Platz geführt wird.

Plakate mit der Aufschrift „Wellcome Mr. Halvorsen“ hängen an den Wänden, vor dem Podium stapeln sich kleine Care-Pakete. Der 98-Jährige genießt den Empfang, winkt, lacht und ruft in die Menge: „Es ist schön, wieder in einer Schule zu sein.“

Am Ende der Veranstaltung ist Gail Halvorsen Ehrenschüler der Sekundarschule, und noch einmal wird die Turnhalle beben – als alle gemeinsam „Freiheit, Freiheit – ist das einzige, was zählt“ singen.

Appell zum Ungehorsam

Seit Tagen steht Gail Halvorsen in Berlin im Rampenlicht als Ehrengast bei den Feierlichkeiten zu 70 Jahre Luftbrücke. Der Veteran wurde vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) empfangen, er war auf dem Fest auf dem Tempelhofer Feld am Sonntag und ist nun zu Gast in „seiner Schule“ – einer Schule, die seinen Namen trägt.

Er wirkt kein bisschen müde oder erschöpft, im Gegenteil. Halvorsen hat den Schülern etwas zu sagen, er nutzt die Gelegenheit, um an sie zu appellieren, die Welt für alle zu einem besseren Ort zu machen und dem Planeten zu helfen.

Das dürfen sie in seinen Augen auch auf unkonventionelle Weise tun.

„Seid ungehorsam, wo es nötig ist“, sagt der US-Pilot zu den Schülern in der Turnhalle. „Habt was zu sagen!“ – wie zum Beispiel bei den Freitagsdemos. Dann dürften auch einmal Regeln übertreten werden.

Aber er gab auch den Rat, zu lernen und auf die Lehrer zu hören. „Ich sehe die Zukunft in euren Augen und glaube an euch“, so Halvorsen. Wichtig sei, zufrieden zu sein und eine Zufriedenheit daraus zu ziehen, anderen die Hand zu reichen.

Erinnerungen an Propeller und Fallschirme mit Schokolade

Die als „feierlicher Festakt“ angekündigte Veranstaltung glich eher einem Happening. So laut und fröhlich wie der Ehrengast begrüßt wurde, ging es auch weiter. Vier junge Männer aus Marseille, London, New York und Berlin demonstrierten mit Hip-Hop und Rap „die neu gelebte Freundschaft unter den Alliierten der Luftbrücke“, so Schulleiterin Kathrin Röschel.

Sie stellte die Menschwürde in den Mittelpunkt ihrer kleinen Ansprache, die die Helden der Luftbrücke gelebt hätten. „Denn sie haben den Menschen geholfen, die gerade noch ihre Feinde waren.“ Ihre Schule werde sich deshalb jederzeit für die Menschenwürde und die Menschlichkeit einsetzen.

„Schulnamen sind wichtig, sie sind identitätsstiftend“, ergänzt Bildungsstaatssekretärin Beate Stoffers. Sie würden aber auch Emotionen erzeugen. Der Schulname Gail Halvorsen erinnere an Propeller, Säcke mit Lebensmitteln und viele kleine Fallschirme mit Schokolade. Der Pilot habe Geschichte geschrieben, Großes geleistet und viel riskiert. Es sei eine Freude und Ehre, den Namensgeber zu Gast zu haben und ihm die Ehrenschülerschaft zu überreichen.

Lange Freundschaft zwischen den Familien

Zu Gast auf dem Podium war auch Zeitzeugin Mercedes Wild. Seit 1972 sei ihre Familie mit der Familie des Piloten befreundet, sagt sie und erzählt kurz, wie es dazu kam.

Sie hatte einen Brief an die Luftbrückenpiloten geschrieben und sie darum gebeten, doch auch bei ihr, „in dem Garten mit den weißen Hühnern“, einen Fallschirm mit Schokolade abzuwerfen. Denn auf dem Schulhof habe sie nie etwas abbekommen.

Der Wunsch konnte nicht erfüllt werden. Gail Halvorsen schrieb ihr aber zurück und steckte einen Pfefferminzkaugummi in den Umschlag. Da das kleine Mädchen damit nichts anfangen konnte, tauschte sie ihn auf dem Schwarzmarkt gegen eine Murmel ein. Als Gail Halvorsen 1972 nach Berlin kam, lernten sich die beiden kennen. Seitdem sind die Freunde.

Die Kinder sollten wieder Hoffnung schöpfen

Der auch als Candy-Bomber-Pilot berühmt gewordene Halverson musste den Schülern auch noch einmal die Geschichte erzählen, wie er auf die Idee kam, Süßigkeiten abzuwerfen. Er berichtete von den Kindern, die nicht bettelten oder fragten, aber mit großen erwartungsvollen Augen dastanden. „Ich wollte den Kindern mit den Süßigkeiten wieder Hoffnung geben“, sagt er zu seinen Beweggründen.

Er hatte dann den Einfall, die Hunger leidenden Kinder im zerbombten West-Berlin während der Berlin Blockade 1948/1949 mit dem Abwurf von Schokolade einen Moment der Freude zu schenken. Die Kinder erkannten seine Maschine daran, dass er im Landeanflug die Tragflächen „wackeln“ ließ, was ihm den Spitznamen „Onkel Wackelflügel“ einbrachte.

Halvorsen und seine Crew standen täglich etwa 425 Kilogramm Süßigkeiten für den Abwurf zur Verfügung. Bis zum Ende der Luftbrücke wurden 23 Tonnen Schokolade über Berlin abgeworfen.

Ich sehe die Zukunft in euren Augen und glaube an euch.
Gail Halvorsen,