Stadtgeschichte

Berliner Geschichte: Mit der Straßenbahn zur Kadettenanstalt

Ein neues Buch erzählt Geschichten aus Steglitz und Lichterfelde – von faulen Sportschülern und einem erfindungsreichen Bauherrn.

Die Postkarte zeigt die Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde um 1900.

Die Postkarte zeigt die Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde um 1900.

Foto: Sammlung Jüttemann

Steglitz-Zehlendorf. Andreas Jüttemann geht gern spazieren. Noch lieber aber liest er anschließend nach, was er auf seinen Wegen durch die Stadt so alles gesehen hat. Und schreibt sein Wissen auf. Nach Büchern über Nikolassee, Westend, Schmargendorf oder Hermsdorf und Frohnau hat er sich mit Steglitz und Lichterfelde-West beschäftigt. Sein Buch „Steglitz und Lichterfelde West. Spaziergänge mit Endeckungen zwischen Friedenau und Dahlem“ hält selbst für alteingesessene Berliner noch Unbekanntes bereit – wie diese elf Beispiele zeigen.

Steglitz ist nach dem altslawischen Wort „Stygl“ für einen Berghang benannt. „itz“ ist die deutsche Variante der Endung „ice“, die in beiden Varianten in vielen deutschen, polnischen und tschechischen Ortsnamen auftaucht – und einfach „Siedlung“ heißt. „Siedlung am Hang“ bedeutet also Steglitz, „das passt natürlich wunderbar zur alten Ortslage am Hang des Fichtenbergs“, schreibt Autor Jüttemann. Möglicherweise stammt der Bane Steglitz aber auch einfach vom Adelsgeschlecht derer von Stegelitze.

Straße der Kinder

Die Paulsenstraße trägt den Namen des 1846 geborenen Pädagogen Friedrich Paulsen. Dass sich hier in den 50er-Jahren so viele Kinder trafen, hat allerdings nichts mit dem Namensgeber zu tun: Die Paulsenstraße war eine der wenigen asphaltierten Wege im Kiez – und damit eine beliebte Rollschuhstrecke.

Die Schmidt-Ott-Straße, die nach einem Bezirkspolitiker benannt ist, ist bei Fahrschülern gefürchtet: An der Straße auf den Fichtenberg müssen sie das Anfahren am Hang üben – sie gehört zu den wenigen Routen mit Steigung im flachen Berlin.

Porsche und Pudel

In der Schmidt-Ott-Straße 17, erbaut für die Schauspielerin Rotraut Richter, lebte nach dem Zweiten Weltkrieg der Schlagerstar Bully Buhlan. „Porsche und Pudel waren seine Markenzeichen. Für am Zaun wartende Fans gab er ab und an auch ein Ständchen auf dem Balkon“, hat Andreas Jüttemann herausgefunden. Und zu Silvester gab es vor der Buhlanschen Villa ein besonders imposantes Feuerwerk.

Die Zeunepromenade, ein von der Lepsiusstraße abzweigender Fußweg, trägt den Namen des Geografielehrers Johann August Zeune, der 1806 die Steglitzer Blindenlehranstalt gründete. Schüler der Fichtenberg-Oberschule schätzen sie aus anderen Gründen: Sie kürzen hier gern mal die Strecke ab, wenn der Sportlehrer sie zum Dauerlauf geschickt hat.

„Lehrer Bömmel“ und sein Theater

Den ersten Direktor des Schlosspark Theaters neben dem Wrangelschlösschen kennen Generationen von Filmzuschauern als „Lehrer Bömmel“. Paul Henckels, der den Lehrer mit der Dampfmaschine („Da stelle mer uns janz dumm“) spielte, gründete das Theater 1921 im Wirtschaftstrakt des Gutshauses.

Der Bahnhof Schloßstraße wurde zweistöckig gebaut, weil hier neben der U9 eigentlich noch eine U10 fahren sollte. 1955 wurde die Planung für die Linie vorgestellt, die unter anderem das Klinikum Steglitz und den Potsdamer Platz verbinden sollte. Wegen der Teilung der Stadt wurde das Vorhaben nie realisiert – und 1984 zu den Akten gelegt. Heute wird auf beiden Etagen nur eine Bahnsteigkante genutzt.

Der letzte Maulbeerbaum

An der Filandastraße, benannt nach einer für die Seidenproduktion genutzten Anlage, lag im 18. und 19. Jahrhundert eine Maulbeerbaum-Plantage. 30.000 weiße Maulbeerbäume waren hier für die Seidenraupenzucht angepflanzt worden. Ein letzter Maulbeerbaum aus dieser Zeit steht noch heute auf dem Althoffplatz.

Ganz in Weiß präsentiert sich die Leydenallee jedes Jahr an einem Juliabend: Dann treffen sich dort Hunderte weißgekleidete Menschen vor der „Osteria Maria“ zum sardischen Weinfest. Die nach dem Mediziner Ernst von der Leyden (1832–1910) benannte Straße wird während des Abends für den Verkehr gesperrt.

Im Kadettenweg 45 lebte Eckart Hachfeld: Der 1910 geborene Schriftsteller begann seine berufliche Laufbahn als Jurist bei der BASF, bevor er zum Kabarettautor der „Stachelschweine“ und des „Kommödchen“ wurde. Am bekanntesten ist aber wohl einer seiner Liedtexte für Udo Jürgens: „Aber bitte mit Sahne“.

Straßenbahn zur Kadettenanstalt

Die erste elektrische Straßenbahn der Welt ging 1881 zwischen dem heutigen Bahnhof Lichterfelde-Ost und der Baustelle für die „Königlich Preußische Hauptkadettenanstalt“ in Betrieb. Der Bauunternehmer Johann Carstenn hatte der preußischen Armee das Grundstück für die Kadettenanstalt zugeteilt – weil er hoffte, damit das Interesse an den Villen zu steigern, die er direkt nebenan baute.