Flure in Gelb und Orange, so verwinkelt wie Mäusegänge, führen in die Schatzkammer. Die Luft ist trocken, mehr als 50 Prozent Feuchtigkeit dürfen es nicht sein. Mit der Schulter schiebt Gesche Hohlstein eine schwere Metalltür auf, macht das Licht an und entriegelt an einem Schaltkasten den Fahrschrank. Die Regale sind mit einem weiteren Schlüssel gesichert. Mit weißen Handschuhen greift sich die Biologin vorsichtig aus einem Stapel das oberste Mäppchen heraus und öffnet den Pappdeckel.

Biologin Gesche Hohlstein mit einem Blatt einer Paranuss, die Alexander von Humboldt 1800 in Venezuela gesammelt hat.
Biologin Gesche Hohlstein mit einem Blatt einer Paranuss, die Alexander von Humboldt 1800 in Venezuela gesammelt hat.© jörg Krauthöfer

Was auf den ersten Blick nach einem unspektakulären Blatt aussieht, ist ein Schatz. Es ist das Blatt einer Paranuss, die Alexander von Humboldt im Mai 1800 in Venezuela gesammelt und später als neue Art beschrieben hat. „Humboldt hat Pflanzen dokumentiert, die man in Europa nicht kannte“, erklärt die Mitarbeiterin. Das originale, mehr als 200 Jahre alte Blatt gehört zu den Unikaten, die in diesem Jahr exklusiv zur „Langen Nacht der Wissenschaft“ am 15. Juni gezeigt werden. Garten-Direktor Thomas Borsch wird persönlich die Türen der Schatzkammer öffnen, die sonst für das Publikum verschlossen sind.

Denkmalgeschützter Garten wird grundlegend modernisiert

Es ist ein besonderes Jahr im Botanischen Garten, nicht nur, weil sich der Geburtstag von Alexander von Humboldt zum 250. Mal jährt. Während sich im Moment die Frühlingsblüher, wie Schneeglöckchen, Narzissen und Krokusse, im Gelände ausbreiten, die Kamelien das Gewächshaus in ein Farbenmeer verwandeln und die Riesenseerose Victoria schon wieder große Blätter hat, laufen im Hintergrund die letzten Vorbereitungen.

Nach Jahren der Planung starten 2019 etliche Bauprojekte auf dem 43 Hektar großen Gelände zwischen Dahlem und Lichterfelde. Bereits 2015 wurden 14 Millionen Euro für die Modernisierung des Botanischen Gartens bewilligt, 90 Prozent der Summe stammen aus dem Fonds für die Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur (GRW), zehn Prozent sind Eigenmittel. Bis 2022 werden insgesamt 15 Einzelprojekte realisiert. „Die Baumaßnahmen sind Teil eines Masterplans zur Verbesserung der touristischen Infrastruktur“, sagt Garten-Direktor Thomas Borsch. Ziel sei es, die denkmalgeschützte Gartenanlage und ihre Pflanzensammlungen auf hohem Niveau zu präsentieren. Zu den geplanten Projekten gehören die Sanierung der Teiche, Toiletten und Wege sowie der Neubau eines Besucherzentrums.

Gleich hinter dem Eingang an der Königin-Luise-Straße ist bereits neben der Hauptallee ein Bauzaun aufgestellt, dahinter stehen Bagger. „Dort wird gerade das Baufeld für das neue Besucherzentrum vorbereitet“, sagt Karsten Schomaker, Leiter der Abteilung Gartenbetrieb. Die Rohre im Erdreich, darunter 100 Jahre alte gusseiserne Schmutzwasserkanäle, müssten ausgetauscht und neu verlegt werden, damit sie nicht unter dem Neubau entlangführen. In dem Flachbau werden künftig die Kassen, Garderobe, eine Information und der Museumsshop zu finden sein. Auf der gegenüberliegenden Seite entsteht ein kleines Café mit Biergarten. Der kostenpflichtige Eingang zum Botanischen Garten wird nicht mehr direkt am Königin-Luise-Platz liegen, sondern hinter dem Besucherzentrum an der Hauptallee.

Auch die Wege werden saniert

Karsten Schomaker, Leiter der Abteilung Gartenbetrieb, am Ufer des Amerikateiches. Er soll neu abgedichtet und die Uferkante gesichert werden. Der Wasserstand wird künftig automatisch geregelt.
Karsten Schomaker, Leiter der Abteilung Gartenbetrieb, am Ufer des Amerikateiches. Er soll neu abgedichtet und die Uferkante gesichert werden. Der Wasserstand wird künftig automatisch geregelt.© jörg Krauthöfer

22 Kilometer lang ist das Wegenetz im Botanischen Garten, davon sollen 15 Kilometer denkmalgerecht saniert werden. „Die letzte umfassende Erneuerung erfolgten in den 50er-Jahren“, erläutert Schomaker. Jetzt sollen die so genannten wassergebundenen Wegedecken und deren Unterbau komplett überarbeitet werden. Wo es aufgrund der Bewirtschaftung und Stabilisierung erforderlich ist, werden die Wege zudem in Asphalt und mit einer speziellen sandähnlichen Oberfläche hergestellt. Optisch unterscheiden sich die beiden Oberflächen kaum voneinander.

Die Sanierung der Hauptallee, die dann einmal aufgerissen ist, wird Vattenfall nutzen, um die darunter befindlichen Fernwärmeleitung auszutauschen. Denn in den vergangenen Jahren ist es bereits zu Havarien an den mehr als 50 Jahre alten Leitungen gekommen. Vattenfall hat die Arbeiten in zwei Abschnitte außerhalb der Heizperiode aufgeteilt. Sie beginnen nach dem Staudenmarkt am 6. und 7. April auf dem Teilstück vom Königin-Luise-Platz bis zum Italienischen Garten vor dem Großen Tropenhaus. Der zweite Abschnitt von den Gewächshäusern bis zum Garteneingang Unter den Eichen soll 2020 erfolgen.

Seit kurzem sind auch Bagger auf einem Floß auf dem Amerikateich zu sehen. In den vergangenen Jahren ist das Wasser immer mehr versickert. „Wir werden den Teich neu abdichten und die Uferkante sichern“, sagt Schomaker. Künftig werde der Pegelstand automatisch geregelt. Über einen Schwimmer wird der Wasserstand kontrolliert. Sinkt er, öffnet sich ein Ventil und Wasser kann nachfließen.

Sieben Millionen Euro für den Museumsumbau

Zusätzlich zu den Modernisierungsarbeiten im Garten werden 7,4 Millionen Euro in den Umbau des Botanischen Museums fließen. Im Februar 2018 wurden auch hier Mittel, die zu 90 Prozent aus dem Fonds für die Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur kommen, bewilligt. Die aktuelle Zimmerpflanzenausstellung ist die letzte Sonderausstellung im Museum. Ab Mitte August ist noch eine letzte große Ausstellung in der Baustelle mit Arbeiten von Künstlern zum Thema „Perspektiven auf Ökologie und Moderne“ geplant, bevor das Museum zum Ende 2019 komplett für den Umbau schließt.

Das Museum wird erstmals seit der Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg von Grund auf umgestaltet. Die alten Ausstellungsräume werden entkernt und neu inszeniert. Flächen für Sonderausstellungen werden vergrößert und Räume für Gruppen- und Bildungsangebote eingerichtet. Überarbeitet wird auch die Dauerausstellung. Ein Fahrstuhl wird künftig die Ausstellungsebenen verbinden, der Eingang zum denkmalgeschützten Museumsgebäude wird barrierefrei sein. Für die Besucher wird es ein neues Leitsystem geben, das sie leichter durch Ausstellungen und Museum führt.

Auf den Spuren Alexander Humboldts

Neuanfang im Botanischen Garten: Biologin Gesche Hohlstein vor blühenden Kamelien.
Neuanfang im Botanischen Garten: Biologin Gesche Hohlstein vor blühenden Kamelien. © jörg Krauthöfer

Zur „Langen Nacht der Wissenschaften“ am 15. Juni sind nicht nur die Gewächshäuser für Besucher geöffnet. Sie können sich vor allem auf Alexander von Humboldts Reisen begeben. Der Botanische Garten gehört zu den größten botanischen Forschungszentren der Welt – es gibt eine enge Verbindung zu Humboldts Geschichte, Forschergeist und seinen Sammlungen. Bis heute befinden sich Tausende Pflanzenbelege seiner Amerikareise im Berliner Herbarium und weitere wertvolle Originalobjekte in den Sammlungen des Botanischen Gartens. Mehr als 3,8 Millionen Pflanzenbelege, die ältesten mehr als 300 Jahre alt, sind in der Schatzkammer hinter den gelb-orangefarbenen-Mäusegängen archiviert. „An diesen Sammlungen sieht man, wie sich das grüne Kleid der Erde verändert“, sagt Garten-Mitarbeiterin Gesche Hohlstein. Wenn sich die Tür der Schatzkammer zur Langen Nacht der Wissenschaften ausnahmsweise öffnet, werden Pflanzen gezeigt, die Humboldt in den Händen hielt. Auch das Blatt der Paranuss.