Engagement

Die Wichtel von Lankwitz

Bei der Hilfsaktion „Weihnachten im Schuhkarton“ werden mehr als 100.000 Geschenkpakete an bedürftige Kinder verschickt.

Engagiert: Vanessa  (l.) und Vivien mit Erzieherin Claudia Kneifel.

Engagiert: Vanessa (l.) und Vivien mit Erzieherin Claudia Kneifel.

Foto: Katrin Lange

Berlin. So also sieht die Weihnachtswerkstatt aus: Ein schlichter Zweckbau im Lankwitzer Gewerbegebiet, ein langer Gang, von Neonlicht erhellt, drei Türen mit großen Schildern: Registrierung, Garderobe, Caféteria. Es ist gerade Schichtwechsel, wie in einer Fabrik. Die einen strömen heraus, erschöpft, aber zufrieden, die anderen stehen bereits an der Registrierung. Sandra sitzt in der Caféteria und löffelt eine Erbsensuppe. Sie ist seit morgens da. Es ist ihre dritte Schicht an diesem Tag. Gleich wird sie wieder Päckchen sortieren, packen, zukleben und auf das Transportband legen. „Warum soll ich zu Hause sitzen und fernsehen“, fragt die Bilanzbuchhalterin. Sie weiß, wofür sie es tut, und nur das zählt.

Kurz nach 17 Uhr betritt Teamleiterin Evelyn Reinhardt die Caféteria. Sie holt die neuen Helfer ab. „Bitte austrinken“, mahnt sie, dann geht es in den Schulungsraum. Schließlich sind fast alle außer Sandra ungelernte Wichtel. Sie erfahren gleich, wie ordentliche Weihnachtspakete gepackt werden, was hinein darf, und was nicht. In der Lankwitzer Werkstatt an der Haynauer Straße werden bis Mitte Dezember mehr als 100.000 Pakete auf die Reise geschickt. Organisiert wird die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ vom Verein „Geschenke der Hoffnung“.

Dieses Jahr gehen die Pakete vor allem nach Osteuropa

Kinder in Schulen und Kitas, Mitarbeiter in Firmen und Familien haben dafür kleine oder auch große Päckchen gefüllt mit allen Dingen, die Freude machen sollen, aber auch gebraucht werden: Mützen, Schals, Stifte, Zahnpasta aber auch Haarspangen, Schokolade, Sticker und Plüschtiere. Empfänger sind Kinder in „bedrückenden Lebensumständen“ – so erfahren es die ehrenamtlichen Helfer in der Schulung.

Evelyn Reinhardt erzählt Geschichten von Kindern, die nicht wissen, was ein „Geschenk“ ist. Und von dem Mädchen, das nicht wusste, was es sich aus dem Paket aussuchen sollte – lieber die Schokolade oder lieber die Mütze, so wie es die Mutter raten würde – und nicht verstand, dass es alles behalten darf.

„In diesem Jahr gehen die Pakete vor allem nach Osteuropa“, sagt Theresa Werner vom Verein „Geschenke der Hoffnung“. Zielländer seien Georgien, Litauen, Lettland, Montenegro, Polen, Rumänien, Serbien, Slowakei und Ukraine. Im vergangenen Jahr wurden allein aus dem deutschsprachigen Raum 400.000 Schuhkarton-Päckchen in elf Länder verschickt.

Bis zu 60 Freiwillige stehen an den Fließbändern

In der Lankwitzer Werkstatt werden alle Pakete gesammelt, durchgesehen und verladen. Das wird gleich die Aufgabe der Neuankömmlinge sein. Pro Schicht, die jeweils vier Stunden dauert und 9.30 Uhr, 13 Uhr und 17 Uhr beginnt, stehen bis zu 60 Freiwillige an den Fließbändern, an denen es tatsächlich wie bei den Wichteln zugeht. Sie müssen die Inhalte der Pakete prüfen, damit nur erlaubte und neue Waren darin sind. Dann werden sie nach Alter und Mädchen und Jungen sortiert, anschließend zugeklebt und in große Transportkartons verpackt. Über ein blaues Transportband rollen die dann zu den Lkw.

Sandra ist für diese Aktion extra in ihre Heimatstadt Berlin gekommen. Sie lebt jetzt in Nordrhein-Westfalen, in Gummersbach. Buchhaltung und Con­trolling findet sie spannend. „Dafür bekomme ich Geld“, sagt die 41-Jährige. Hier könne sie Kinder glücklich machen. Und das gebe ihr ein gutes Gefühl. Eine Woche hat sie Urlaub, sich jeden Tag zwei Schichten vorgenommen. Aber an diesem Tag will sie noch nicht gehen. Also steht sie um 17.30 Uhr wieder am Fließband, diesmal an der Klebestation.

Bevor dort die Pakete ankommen, werden sie durchgesehen. An dieser Station stehen Katharina Kranz und Janine Stauch, beide Bankkauffrauen. Im Gegensatz zu dem nüchternen und sachlichen Neonlicht im Gang vor der Werkstatt, ist es hier an den Packstationen bunt und schon sehr vorweihnachtlich. Glitzernde Kistchen, riesige Schokoweihnachtsmänner, liebevoll eingepackte Socken. „Es ist schön, zu sehen, wie viel Mühe sich die Leute gemacht haben“, sagt Katharina Kranz. Die 39-Jährige schließt gerade den Deckel eines ziemlich großen Schuhkartons und sagt: „Das Mädchen, das dieses Geschenk erhält, wird sich sehr freuen.“

Die meisten, die in dieser Schicht helfen, wollen „etwas Gutes tun“ oder „eine schöne Aufgabe haben, die sie auf Weihnachten einstimmt“. „Und es gibt mir Wärme im Herzen“, sagt Janine Strauch. Am Anfang müsse man sich erst einmal ein bisschen einfinden, sagt die 32-Jährige. Aber nach einer Stunde habe man ein Gefühl entwickelt und es gehe schnell voran.

Einmal selbst ein Päckchen verteilen, das wäre ein Traum

Und so kommen die fertigen Pakete immer schneller bei Vanessa und Vivien Nalewaja an. Sie verschließen die Pakete und schichten sie in die Transportkartons. Vanessa ist schon zum zweiten Mal dabei. „Ich habe im Internet nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit gesucht“, erzählt die 22-jährige biologisch-technische Assistentin. Die Idee der Weihnachtswerkstatt habe sie überzeugt. So sehr, dass sie ihre Schwester überredete habe, mitzukommen.

Wie sehr sich die Kinder über die Geschenke freuen werden – das kann Claudia Kneifel am besten einschätzen. Sie ist Erzieherin in einem Potsdamer Kindergarten und hat noch ein Jahr bis zur Rente. „Ich wollte es schon einmal ausprobieren“, erzählt die Steglitzerin. Vom nächsten Jahr an werde sie wohl öfter hier sein. „Und vielleicht kann ich auch mal mit einem Lkw mitfahren und die Päckchen verteilen.“ Das wäre ihr Traum.

Anmeldung für einen Einsatz ist täglich möglich unter www.weihnachtswerkstatt.de oder Tel: 76 883 883.

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