Jubiläum

Benjamin Franklin Klinikum ist ein Vorbild für ganz Europa

Vor 50 Jahren eröffnete das Benjamin Franklin in Steglitz, um die medizinische Versorgung und Lehre in West-Berlin sicherzustellen.

Nach seiner Eröffnung 1968 galt das Klinikum Steglitz als Europas modernster Krankenhausbau. Heute ist der Komplex stark sanierungsbedürftig

Nach seiner Eröffnung 1968 galt das Klinikum Steglitz als Europas modernster Krankenhausbau. Heute ist der Komplex stark sanierungsbedürftig

Foto: BFK

Berlin. Brutal schön – so betitelten vor allem die Bewunderer den Campus Benjamin Franklin bei seiner Eröffnung im Jahr 1968, damals noch unter dem Namen Klinikum Steglitz. Beim Blick auf die scharf gezackte Fassade aus Stahl und Beton wird klar, was damit gemeint ist. Das Großklinikum im Südwesten Berlins feiert am heutigen Freitag mit einem Festakt mit 400 geladenen Gästen seinen 50. Geburtstag und blickt zurück auf seine bewegte Geschichte.

Der Bau des Klinikums sollte die Krankenhauslandschaft in Deutschland und Europa verändern. „Sämtliche europäischen Großkliniken orientieren sich an dem Steglitzer Modell“, sagt Andreas Jüttemann vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Charité. Er arbeitet seit mehr als einem Jahr an der Ausstellung „50 Jahre Klinikum Steglitz“ mit, die am 10. Oktober eröffnet wird und bis Ende März 2019 zu sehen sein wird.

Der Anstoß für den Neubau im Westteil der Stadt kam in den 50er-Jahren vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (SPD). Das Universitäts­klinikum der Charité lag im blockierten Ostteil und gehörte zur Humboldt-Universität. Deshalb gab es nicht ausreichend Krankenhausbetten, und die Medizinstudenten der neu gegründeten Freien Universität Berlin mussten im Klinikum Westend unterrichtet werden – das für diesen Zweck aber eigentlich zu klein war.

Brandt warb daher 1958 auf einer Reise nach Washington bei der US-Regierung um Unterstützung für ein neues Klinikum. „Die Amerikaner übernahmen letztendlich weniger als ein Viertel der Kosten für das neue Krankenhaus“, sagt Andreas Jüttemann. Trotzdem seien sie stark an Bau und Planung des Projektes beteiligt gewesen.

Unter dem US-Einfluss sei ein Konzept umgesetzt worden, das es in Europa bis dahin noch nicht gegeben hatte. „Das bahnbrechende am neuen Klinikum war das Zusammenlegen aller Fachbereiche in einem großen Gebäudekomplex, das sogenannte Departmentsystem“, erklärt Jüttemann. Bis dahin sei es in Deutschland üblich gewesen, Krankenhäuser im Pavillonmodell zu bauen. Das bedeutete, dass jeder Fachbereich ein eigenes Gebäude hatte.

Oft regierte dort der Chefarzt rigide über seinen Bereich. „Im Departmentsystem gibt es flachere Hierarchien. Die verschiedenen Bereiche arbeiten enger zusammen“, erklärt Jüttemann. Eine weitere Neuheit sei der Medizinunterricht am Krankenbett gewesen, der den Frontalunterricht im Hörsaal ablöste. Das Klinikum Steglitz sei als Modellkrankenhaus geplant gewesen, als Vorbild für weitere Großkliniken in Deutschland und Europa. „Viele waren auch begeistert davon, dass sie im Krankenhausbetrieb ein Mitspracherecht hatten“, so Jüttemann.

Erste Probleme bei der Projektplanung

Erste Probleme gab es jedoch bereits bei der Projektplanung. Das amerikanische Architekturbüro Curtis & Davis entwarf gemeinsam mit dem deutschen Architekten Franz Mocken den Gebäudekomplex. „Die US-Architekten hatten allerdings auch die Botschaft in Saigon geplant. Auf der Höhe des Vietnamkrieges und der Studentenproteste in Deutschland sorgte das für Spannungen“, so Jüttemann.

Der Bau habe durch die aufwendige Konstruktion der Fassade zudem deutlich mehr Zeit und Geld verschlungen als geplant. 115.000 Kubikmeter Beton sowie 8700 Tonnen Stahl wurden verbaut. Am Ende kostete das Projekt 304 Millionen D-Mark. Etwa ein Fünftel der Kosten trug die amerikanische Benjamin-Franklin-Stiftung, die sich für den Wiederaufbau West-Berlins engagierte.

Halbes Jahr im Probebetrieb

Ab 1968 lief das Klinikum erst ein halbes Jahr im Probebetrieb, bevor es die ersten Patienten aufnahm. 3500 Angestellte arbeiteten damals in dem Klinikum, darunter 355 Ärzte, 295 Assistenzärzte und 805 Krankenschwestern und Pfleger. 1994 wurde das Klinikum Steglitz in Universitätsklinikum Benjamin Franklin umbenannt. Nach der Wiedervereinigung musste es lange für seinen Erhalt kämpfen, denn Berlin hatte nun drei Uni-Kliniken.

2003 fusionierte es mit der Charité und sicherte sich dadurch als Campus Benjamin Franklin seinen Status als Universitätsklinikum. Seit Jahren laufen im Gebäude große Sanierungsarbeiten: zum Wohl der Patienten und Mediziner.

Die Medizinstudentin:
„Lehrmethoden haben mich sehr beeindruckt“

Renate Died­richs fing 1968 ihr Medizinstudium an der Freien Universität Berlin an. Sie gehörte zu den ersten Studenten, die 1969 am Benjamin Franklin Klinikum eine neue Lehrmethode aus den USA kennenlernten, das „Bedside-Teaching“. An die Stelle des Frontalunterrichts im Hörsaal trat eine Kombination aus theoretischer Lehre und Praxis-Einheiten am Krankenbett. „Dieses Format hat gut die Hälfte unserer klinischen Lehre ausgemacht und hat mich sehr beeindruckt“, erinnert sich Diedrichs.

Während sie versuchte, ihr Medizinstudium aus finanziellen Gründen so schnell wie möglich abzuschließen, tobten in Berlin die Studentenunruhen. „Die Dozenten haben es geschafft, dass wir alle unsere Scheine pünktlich ablegen konnten. Wenn wir es denn wollten. Fragen sie mich nicht, wie!“ Nach ihrem Staatsexamen blieb Renate Diedrichs bis 1975 am Klinikum.

„Einmal kam ein Patient von der Rettungsstelle, angeblich mit akuter Galle. Ich stellte dann fest, dass der in Wahrheit einen hochakuten Blinddarm hatte. Und es ist mir nicht gelungen, einen Arzt an diesen hochakuten Blinddarm ranzukriegen, nachmittags um halb vier! Ich war mutterseelenallein“, erzählt Renate Diedrichs. Sie habe einer Schwester Bescheid gesagt und er sei noch rechtzeitig operiert worden. „Mein Wunsch für die Zukunft – weg von der Hierarchie! Was sich keinesfalls ändern sollte: Dieses leichte, luftige, freundliche Ambiente!“

Der Klinikpatient:
„Ich fühlte mich als Mensch behandelt“

Stephan Hampe kam Ende 2011 im Notarztwagen als Patient ins Benjamin Franklin. An seine Einlieferung erinnert er sich nicht mehr. Er habe sich in einem bizarren Traum wiedergefunden, sagt Hampe, ehemals Radiomanager in Berlin. „Mir war, als ließen wir wieder ein Imagevideo für unseren Radiosender produzieren, in einer gekachelten Krankenhausumgebung. Für mich wirkten alle Gestalten wie aus der Rocky-Horror-Picture-Show“, beschreibt er seine Erinnerungen. „Sie bauten sich um mein Bett auf und bearbeiteten mich mit Spritzen und erzählten mir, sie würden eine Resurrektion an mir durchführen.“ Sein Gehirn habe in der Bewusstlosigkeit die Menschen um ihn herum wohl doch irgendwie wahrgenommen und ihnen Rollen zugeteilt.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Stephan Hampe in der neurochirurgischen Station des Klinikums, wo er mehrfach operiert werden musste. Ein Mann hatte ihn überfallen und ihm schwere Schädel-Hirn-Verletzungen zugefügt. Er lag 14 Tage lang im künstlichen Koma. „Damals waren die Streiks des Pflegepersonals in vollem Gange, und trotzdem hat man mich bis auf die oberste Ebene bestens versorgt“, sagt Hampe. „Ich fühlte mich als Mensch behandelt und nicht als irgendein medizinischer Fall. Das finde ich ganz außergewöhnlich.“ Wie sich das Team um seine Genesung gekümmert habe, berühre ihn noch heute. Er verbindet ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit mit dem Klinikum

Die Krankengymnastin:

„Ich wollte unbedingt im Klinikum arbeiten“

Renate Ullrich arbeitete seit dem 1. Januar 1969 als Krankengymnastin am Klinikum. Das befand sich noch im Probebetrieb ohne Patienten. Während der Bauzeit habe sie in Lichterfelde gewohnt und auf dem Weg zur Ausbildung immer den Baufortschritt beobachtet. „Dann war der Neubau fertig. Ich war 21 Jahre alt, damals sicher etwas frech und wollte unbedingt im Klinikum Steglitz arbeiten. Also bin ich mit meiner Bewerbung im Herbst 1968 zu Professor Krause gegangen und habe gesagt: Ich würde gerne in Ihrer Abteilung arbeiten. Bitte stellen Sie mich ein! Er hat mich angeschaut und genickt.“

Ihr erster Patient war der deutsche Architekt der Klinik, Franz Mocken, noch vor der offiziellen Eröffnung des Krankenhauses. Er hatte sich bei einem Autounfall mehrere Knochen gebrochen. „Natürlich ist er als erster Patient entsprechend hofiert worden. Wir drei Krankengymnastinnen waren immer mit dabei. Wir alle waren eine eingeschworene Gemeinschaft: Jeder war neu. Im ganzen Haus war eine Aufbruchsstimmung, alle zogen am selben Strang.“ Sie erinnere sich gut daran, dass damals überall im Gebäude geraucht wurde. „Da war dicker blauer Dunst. Das ganze Haus hat damals nach Zigarettenrauch gerochen – rückblickend würde ich sagen: gestunken!“ Renate Ullrich arbeitete noch bis 1976 im Klinikum und machte sich dann mit einer eigenen Physiotherapiepraxis selbstständig – ganz in der Nähe des Klinikums.

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