Dort, wo 1927 das erste rundum verschweißte Fahrgastschiff Deutschlands, die „Zehlendorf“, gebaut und vom Stapel gelassen wurde, sollen schon bald wieder Sportboote in einer kleinen Marina liegen. Die neuen Pläne für das ehemalige Gelände der alten Teltowwerft sind gemacht und liegen jetzt im Rathaus Zehlendorf bis Ende März im Stadtplanungsamt öffentlich aus. Interessierte können sie einsehen, bewerten und kommentieren.
Auf dem Werftgelände am südlichsten Zipfel von Zehlendorf plant der Münchner Immobilienentwickler Investa Real Estate den Bau von etwa 16o Wohneinheiten, darunter Eigentumswohnungen und Townhäuser. Nach dem Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung sollen 25 Prozent der Wohnungen mietpreisgebunden sein. Etwa 100 Millionen Euro beträgt nach Angaben des Bauherren das Investitionsvolumen. Geplanter Baubeginn soll im zweiten Quartal 2019 sein.
Das Hafenensemble steht unter Denkmalschutz. Aus diesem Grund hat der Investor die bauhistorische Bedeutung der Werft sowie die typischen maritimen Merkmale in seinen Plänen berücksichtigt. Wohnen, Leben, Arbeiten – das soll das Quartier auf dem 2,5 Hektar großen Areal am Hafenbecken ausmachen. Das Viertel ist als autofreies Wohnquartier konzipiert. Dafür wird eine Tiefgarage mit einer Zufahrt von der Sachtlebenstraße gebaut.
Die Pläne für die Neubauten stammen von dem Potsdamer Architekturbüro Axthelm Rolvien. Rund um das Hafenbecken haben die Architekten etwa 20 Townhäuser gruppiert, alle mit Wasserblick. Die Bewohner können direkt vor der Haustür auch einen Liegeplatz für ein kleines Sportboot nutzen. Hinter den Einfamilienhäusern werden Wohnblöcke entstehen, die zwischen drei und fünf Geschossen haben. Sie sind gestaffelt und werden an den Grundstücksgrenzen höher. Damit entsteht der Eindruck eines in sich abgeschlossenen Quartiers.
Bürolofts in der alten Lokomotivhalle
Im Zentrum des Werftgeländes ist die alte Lokomotivhalle. Auch dieses Gebäude steht unter Denkmalschutz. Anfangs wurden dort die Treidellokomotiven repariert und generalüberholt, später auch Schiffe. Es ist eine hohe Industriehalle, die eine besondere Nutzung erfordert. Der Investor will die Halle denkmalgerecht sanieren. Sie soll gewerblich genutzt werden. So könnten zum Beispiel Bürolofts oder auch Ateliers darin entstehen. Die Umnutzung des gesamten Geländes in ein Wohnquartier wurde bereits 2009 in einem neuen Bebauungsplan festgelegt.
Die Geschichte der alten Werft begann vor mehr als 100 Jahren. 1906 wurde auf dem Gelände ein Bauhof zur Unterhaltung des Teltowkanals eingerichtet. Daraus ging 1924 die Werft hervor. Nach dem Bau der Mauer kam das Aus für die Werft direkt an der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg. 1962 wurden die Arbeiten aufgrund der abgeriegelten Lage und des Konkurrenzdrucks eingestellt. Nur noch eine Handvoll Gewerbetreibende nutzten zum Schluss Hallen und Bürogebäude.
Zwei Brücken, eine kleine im Hafenbecken und eine über den Teltowkanal, gibt es schon längst nicht mehr. Das Stadtplanungsamt hat für die Wiederherstellung der beiden Brücken alles vorbereitet. Für die große Brücke über den Teltowkanal sind immer noch die Widerlager, also die Verbindungselemente zwischen Brückenkonstruktion und Ufer, vorhanden. Das Amt hat den Bereich um die Widerlager als Straßenverkehrsfläche reserviert. Damit sind alle Voraussetzungen für eine neue Brücke gegeben. Auch für die kleine Brücke über einen Wasserarm im Hafenbecken sind Vorkehrungen für einen Wiederaufbau getroffen worden. Über diese Brücke könnten Fuß- und Radfahrer ihren Weg direkt am Teltowkanal fortsetzen. Über den Bau der Brücken müssen sich die Länder Berlin und Brandenburg verständigen.
Vor zwei Jahren Thema des Schinkel-Wettbewerbs
Das Teltowwerft-Gelände war vor zwei Jahren das Thema des Schinkelwettbewerbs vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (AIV). In den Entwürfen stand die Verbindung von Zehlendorf und Teltow im Mittelpunkt, also der Neubau der Brücken. Es gab aber auch den Vorschlag für eine Badeanstalt am Kanal. Ein Schwimmbad wird es jetzt nicht geben, aber die vielfache Idee, Wohnen und Arbeiten auf dem Areal zu vereinen, wird umgesetzt.
Die „Zehlendorf“ übrigens, wegen der gemütlichen Ausstattung für 730 Passagiere „Kaffee Vaterland“ genannt, war jahrelang das beliebteste und größte Ausflugsschiff auf den Berliner und Brandenburger Gewässern. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schiff als schwimmendes Büro genutzt und 1955 zum Abwracken verkauft.


