Das Wort „Bordell“ benutzt Edgar Döwe kein einziges Mal. Aber es ist das Rotlichtmilieu, das dem Architekten Angst macht. Er befürchtet, dass in seiner Nachbarschaft an der Lankwitzer Schneebergstraße 69 ein „fragwürdiges Etablissement“ entsteht. So nennt er es. Seiner Ansicht nach hat er dafür eindeutige Beweise. Die Nachbarschaft gibt ihm recht, mehr als 50 Anwohner haben ein Flugblatt unterschrieben, um den Neubau zu verhindern. Doch das Stadtplanungsamt sieht das anders: Das Bauprojekt wird genehmigt.
Die Schneebergstraße in Lankwitz-Ost liegt in einem ruhigen Wohnviertel mit Einfamilien- und kleinen Mehrfamilienhäusern. An den öffentlichen Nahverkehr ist das Quartier nicht angeschlossen, der nächste Bus fährt in der Kamenzer Straße. Die Siedlung entstand in den 30er-Jahren. Im Haus Nummer 69 wohnte eine Frau mit vier Kindern. Vor zwei Jahren kam sie in ein Seniorenheim, und es begann das, was Edgar Döwe als „Probebetrieb“ bezeichnet. „Junge Damen wurden angekarrt, nachts war Party, im Garten laute Musik und danach stapelten sich die Mülltüten auf dem Gehweg“, sagt der Architekt.
Rudolf Eisenbach, der gegenüber vom Grundstück wohnt, kann das bestätigen. Einmal seien sogar mehrere Taxen vorgefahren und hätten gleich sechs oder sieben Mädchen, alles Asiatinnen, abgeladen, sagt der Anwohner. Dann wurden Haus und Grundstück verkauft. „An einen Chinesen“, sagt Döwe. Er habe mit der Verwalterin gesprochen, die auch aus China stamme. Sie erzählte ihm, dass ein Neubau mit einem Teeladen und drei Wohnungen entstehen soll.
Der Architekt blieb skeptisch und erkundigte sich im Bezirksamt nach den Plänen. Was er sah, ließ für ihn keinen Zweifel an der These, dass an dieser Stelle ein Bordell geplant ist. Der Teeladen habe keine Schaufenster, dafür eine Flügeltür, die sich in das Innere des Gebäudes öffnet. Für den Architekten ein eindeutiges Indiz: „Das wird der Empfangsraum mit Tresen, wo die Animierdamen sitzen und warten“, sagt Döwe. Ein weiteres Indiz ist für ihn, dass an dem Neubau keine Balkone oder Terrassen geplant sind. Das sei heute absolut unüblich, sagt er, und deshalb könnten es auch keine normalen Wohnungen werden. Dagegen sprächen auch die kleinen Fenster rund um das Haus.
Seine Vermutung ist, dass die angeblichen Wohnungen später durch Trennwände in kleine Einheiten aufgeteilt werden sollen. Ungewöhnlich ist für ihn auch die Größe des Hauses: Auf dem schmalen Grundstück soll es 18 Meter in die Tiefe ragen und damit länger sein, als die anderen im Viertel. Für Edgar Döwe ist klar, dass alles dafür spricht, dass „ein Beherbergungsinstitut mit höchst fragwürdigen Gästen“ entstehen werde. Und das sei in dem Wohngebiet nicht zulässig. „Wir haben einen neuen Spielplatz gleich um die Ecke bekommen“, fügt Rudolf Eisenbach hinzu. Er mache sich ernsthaft Sorgen, wenn jetzt dort ein solches Klientel angezogen werde.
Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) bezeichnet die Sachlage als „schwierigen Fall“. Sie hat von den „bordellartigen Zuständen“ gehört und bestätigt auch, dass die neuen Eigentümer Asiaten sind. „Aber die Pläne lassen in keiner Weise eine Deutung zu, dass dort ein Bordell betrieben werden soll“, sagt Richter-Kotowski. Der Bau sei genehmigungsfähig, es müsste keine einzige Befreiung von geltenden Bestimmungen erteilt werden. „Wir haben daher keine Möglichkeit, die Baugenehmigung zu versagen“, so die Bezirksbürgermeisterin, die auch für die Stadtplanung im Bezirk zuständig ist. Wenn es aber tatsächlich dazu käme, würde sie sofort die Gewerbeaufsicht einschalten. Dann könnte auch kontrolliert werden, ob das, was genehmigt wurde, auch gebaut worden ist.
Das alte Haus ist bereits abgerissen, die Baugrube zugeschüttet. Ein Sturm hat vor wenigen Wochen den Bauzaun umgerissen. Bis heute wurde er nicht wieder aufgerichtet. Die Anwohner haben sich jetzt zu der Bürgerinitiative „Kein fragwürdiges Etablissement in Nähe unseres Kinderspielplatzes in Lankwitz-Ost“ zusammengeschlossen, fast 100 machen inzwischen mit. Die Baufirma hat schon ihre Werbebanner am Zaun angebracht.


