Fünf Korbmacher, zwei Seiler und ein Bürsteneinzieher hatten am 1. April 1887 ihren ersten Arbeitstag in der Blindenwerkstatt an der Rothenburgstraße in Steglitz. Heute sitzen 13 Blinde und Sehbehinderte in den Werkstatträumen und ziehen Borsten durch die Löcher, reparieren durchgesessene Stühle und flechten Weidenkörbe. Wie vor 130 Jahren, mit einem Unterschied: Für die 13 Mitarbeiter kommt schon bald der letzte Arbeitstag. Die traditionsreiche Werkstatt wird geschlossen. Das hat der Vorstand des Blindenhilfswerks, das die Werkstatt betreibt, beschlossen.
Die Entscheidung ist umstritten. Die Geschäftsführerin des Vereins, der sich aus Zinserträgen, Spenden und Zuwendungen finanziert, begründet die Schließung mit einem stetig wachsenden Verlustgeschäft. „Die Erlöse aus dem Verkauf der hergestellten Produkte decken seit vielen Jahren nicht mehr die Kosten der Herstellung der Produkte“, sagt Andrea Pahl. Früher hätten die Bezirksämter in großem Umfang bestellt, aber dieser Absatz sei weggebrochen, seit der öffentliche Dienst den preiswertesten Anbieter auswählen muss.
Kritiker sehen einen Fehler in der Werkstattschließung, die Mitte 2018 erfolgen soll
Kostendeckend gearbeitet hat die Werkstatt noch nie. „Seit Jahrzehnten werden die Defizite aber immer größer“, sagt Reinhard Schulz-Ewert, Vorstandsvorsitzender des Blindenhilfswerks. Die Blindenwerkstatt ist – anders als eine Behindertenwerkstatt – ein Betrieb auf dem ersten Arbeitsmarkt, dementsprechend werden die Mitarbeiter bezahlt. Konkurrenzfähig sei man damit nicht, sagt Schultz-Ewert. Mit etwa 400.000 Euro müsse das Blindenhilfswerk jedes Jahr die Verluste ausgleichen. „Das geht so nicht weiter“, sagt der Vorstand. Denn das würde den Verein in seiner Existenz gefährden.
Kritiker sehen einen Fehler in der Werkstattschließung, die Mitte 2018 erfolgen soll. „In den vergangenen 130 Jahren gab es Situationen, die deutlich schwieriger waren, als die, die sich heute darstellt“, heißt es in einem Schreiben eines ehemaligen Vorstandsvorsitzenden an alle Vereinsmitglieder, das der Berliner Morgenpost vorliegt. Vielmehr sei die Auflösung der Werkstatt „die folgerichtige Fortsetzung einer fehlgeleiteten Führung des Geschäftsbetriebes über viele Jahre“. So habe die Geschäftsleitung die Mitarbeiter nicht ausreichend gefördert, nie eigene Ideen für die Werkstatt entwickelt, es hätte weder ein Marketing noch eine Produktentwicklung gegeben.
Da es sich um eine Fürsorge-Einrichtung handle, sei klar, dass kaum eine wirtschaftliche Deckung erbracht werden könnte. Deshalb müsste mit größeren Firmen verhandelt werden und mit den Senatsverwaltungen über Sonderregelungen und Fördermöglichkeiten. Geschäftsführerin Andrea Pahl widerspricht der Kritik. „Es wurden Kooperationen mit Behindertenwerkstätten gesucht, Produktionsabläufe verändert und neue Wege im Marketing beschritten“, so ihre Argumente.
Die Mitarbeiter wissen nicht, wie es weitergehen soll
Jürgen Lubnau, ehemaliger Geschäftsführer des Blindenhilfswerkes, bringt die Lösung auf einen Punkt: „Die Einnahmenseite muss verstärkt werden, um die Defizite auszugleichen.“ Aber der Vorstand hätte sich bereits vor zwei Jahren auf die Schließung festgelegt. So sei jüngst eine Stiftung bereit gewesen, 100.000 Euro zweckgebunden für den Betrieb der Werkstatt zu spenden. Als er das zur Sprache gebracht habe, hätte der Vorstand geschwiegen.
Die Mitarbeiter der Werkstatt sind über die Schließung informiert. Neben den 13 Blinden und Sehbehinderten sind fünf weitere Angestellte betroffen, die die Arbeiten betreuen. Man wolle sozial angemessene Lösungen für ihre weitere berufliche Tätigkeit finden, sagt Geschäftsführerin Andrea Pahl. Doch allein damit ist es nicht getan.
Andreas Zitzen arbeitet seit 16 Jahre als Stuhlflechter in der Werkstatt. Der 39-Jährige ist für den Job aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin gekommen. Er habe nichts anderes gelernt und könne auch nicht jeden anderen Job machen, erzählt Zitzen. Schwer heben dürfte er zum Beispiel nicht, denn durch den Druck könnte er auch noch das restliche Augenlicht verlieren. Sein Nachbar in der Stuhlwerkstatt ist seit 20 Jahren in Berlin. Die beiden kennen sich von früher. „Damals haben sie hier Leute gesucht, und ich war glücklich, dass es geklappt hat“, sagt Andreas Müller.
Er hat noch 20 Prozent Sehfähigkeit auf beiden Augen. „Es wird schwierig für mich, was Neues zu bekommen“, sagt der 40-Jährige. In der Bürsteneinzieherei sitzt Christiane Reuter. Sie sei sehr enttäuscht, sagt die 45-Jährige, und ärgere sich über die Stadt. „Berlin gibt soviel Geld für den neuen Flughafen aus, aber ist nicht in der Lage, eine Blindenwerkstatt zu erhalten“, sagt Reuter.
Die Mitarbeiter haben gemeinsam einen Brief an den Vorstand verfasst
Silvia Fröschner hat die Nachricht „schockiert“. Die ausgebildete Korbmacherin kann sehen und gehört zu den fünf Betreuern, die die Qualitätsprüfung machen und auch im Laden an der Rothenburgstraße 15 stehen. Auch der soll geschlossen werden. „Das Problem ist, wieder etwas auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden“, sagt die junge Frau. Sie könnte sich noch selbstständig machen, aber das sei in diesem Beruf auch nicht so einfach. Das habe sie bei einem Meister erfahren müssen.
Die Mitarbeiter haben gemeinsam einen Brief an den Vorstand verfasst. Darin bitten sie, die Schließung zu überdenken. „Wir gehen davon aus, dass die Arbeitsabläufe so optimiert werden können, dass die Blindenwerkstatt auch längerfristig erhalten werden kann“, heißt es in dem Schreiben. Sie seien bereit, bei strukturellen Verbesserungen der Arbeitsorganisation mitzuwirken.
Das Blindenhilfswerk Berlin e.V. wurde 1886 als „Verein zur Beförderung der wirtschaftlichen Selbständigkeit der Blinden“ gegründet. An der Rothenburgstraße 14 und 15 entstanden eine Ausbildungsstätte, eine Schule, die Werkstatt und Wohnheimplätze. Heute gibt es dort 60 Wohnungen für Blinde- und Sehbehinderte sowie die Johann-August-Zeune-Schule und die Berufsfachschule Dr. Silex. Schulleiter Thomas Schumacher könnte sich vorstellen aus der Werkstatt eine Ausbildungsstätte zu machen. Es gebe verschiedene Kontakte, sagt Schumacher. Entschieden sei aber noch nichts.


