Bürogebäude wird Wohnhaus

600 Stufen: Der neue Eigner erklimmt den Steglitzer Kreisel

Christoph Gröner, Hausherr im Steglitzer Kreisel, führt durch das entkernte Gebäude und verrät Geheimnisse.

Der Kreisel beherbergte das Rathaus von Steglitz. Bald sollen dort über 300 Wohnungen entstehen. Dies sind die Planungen aus dem Jahr 2017.

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Er will es wissen. 30 Etagen liegen vor ihm, 600 Stufen, 111 Meter Höhe. Christoph Gröner, Geschäftsführer der CG-Gruppe, hat eine besondere Art, sein Eigentum vom Land Berlin in Besitz zu nehmen. Der 49-Jährige ist jetzt der neue Hausherr im Steglitzer Kreisel und hatte die Idee, anlässlich der Übergabe des Hochhauses an der Schloßstraße einen Treppenlauf zu veranstalten. Früh um acht Uhr. Nur fünf Minuten und 44 Sekunden später ist er auf dem Dach, die letzten brauchen eine Minute länger. Schnaufend stehen alle da, aber mit der Gewissheit, dass der Fahrstuhl auch einmal ausfallen kann.

Nach der abgeschlossenen Asbestsanierung des Kreisels, die das Land Berlin übernommen hatte, ist das Hochhaus jetzt bereit für den Wiederaufbau. Die CG-Gruppe will aus dem ehemaligen Bürogebäude der Bezirksverwaltung ein Wohnhaus machen. Auf den 30 Etagen sollen etwa 330 Eigentumswohnungen entstehen, mit Qua­dratmeterpreisen zwischen knapp 4000 (im Sockel) und 10.000 Euro (Maisonette-Loft unter dem Dach).

180 Millionen Euro investiert der Immobilienentwickler allein in den Turm. Ende 2020 soll der Umbau fertig sein. Der Bauantrag ist im Stadtplanungsamt des Bezirks eingegangen. Bis die Genehmigung vorliegt, können vorbereitende Arbeiten beginnen, etwa eine Reihe Abrissarbeiten und bautechnische Untersuchungen.

Bevor die Maschinen und Bauleute anrücken, gibt es am Montagvormittag einen Rundgang durch das entkernte Gebäude. Hausmeister, Projektentwickler und der Eigentümer führen durch das Hochhaus, das zur West-Berliner Geschichte gehört – mehr als bislang öffentlich bekannt war.

Unter dem Kreisel befinden sich spannende Orte

Der spannendste Ort in diesem Bau liegt unter der Erde, dort wo die U-Bahn vorbeirattert und breite betonierte Rampen auf zwei Ebenen in das geheimste Innere führen: zum Beispiel in den Bürgermeisterbunker. Er stammt noch aus der Zeit des kalten Krieges. Der Regierende Bürgermeister von Berlin sollte in dem Bunker Unterschlupf finden und im Katastrophenfall schnell vom damaligen Amtssitz im Rathaus Schöneberg unterirdisch herübergefahren werden. Vom U-Bahn-Tunnel führt direkt ein Eingang in den Bau. Platz wäre auch für den Bezirksbürgermeister gewesen, der ganz oben im Turm residierte – und noch ein paar Familienmitglieder.

Ein schmaler Gang endet unterirdisch an einer weißen Tür mit Gegensprechanlage. Die Tür wurde bereits ausgetauscht. „Früher war eine gepanzerte Scheibe darin“, erläutert Henry Lorenz, Geschäftsführer der City-Hausverwaltung, die zur CG-Gruppe gehört und sich um den Kreisels kümmert. Die Tür führt durch einen Gang zur nächsten Tür. Dahinter ist ein Raum, in dem alles zur Versorgung der Bunkeranlage untergebracht war.

Durch die dritte Tür geht es in den eigentlichen Bunkerbereich, mit Wohnräumen, Küche, einer sogenannten Schmutzwasserhebeanlage, Besprechungszimmer – alles hell gekalkt und verteilt auf etwa 500 Quadratmetern und zwei Etagen. Unten waren die Funktionsräume, oben die Wohnräume. Die Klapp- und Doppelstockbetten sind längst verschwunden und alle Räume leer.

Zum Einsatz kam der Bürgermeisterbunker nie. Vor einem Atomschlag hätte er auch nicht geschützt, sagt Henry Lorenz. Dazu gebe es keine typischen Bunkerwände. Als Personenschutz hat er aber alle Voraussetzungen erfüllt. Die unterirdischen Hallen sollen künftig Lager- und Kellerräume werden und Platz für die Anlieferung für Geschäfte und Hotel bieten.

Doch es ist noch mehr passiert im Untergrund des Steglitzer Kreisels. So ist zum Beispiel Schauspieler Dieter Hallervorden mit einem Rolls-Royce die breiten unterirdischen Asphaltstraßen langgerast. In dem Film „Der Doppelgänger“ aus dem Jahr 1984 spielte Hallervorden einen Industriellen, der mit seinem Wagen in eine sehr große, beeindruckenden Tiefgarage fahren sollte. Die fanden die Filmemacher im Kreisel-Untergeschoss.

Die Röhre der U10 ist bereits angelegt, die Linie kam nie

Bemerkenswert ist die Röhre neben der U-Bahn-Linie 9, die bereits für die U10 angelegt wurde. Die Linie sollte Weißensee, Alexanderplatz und Potsdamer Platz mit Steglitz und Lichterfelde verbinden. Der Bau wurde 1993 zugunsten der U-Bahn-Linie 3 verworfen.

Aus den dunklen unterirdischen Räumen geht es ganz hoch aufs Dach. In 118 Metern Höhe reicht die Sicht bis ins Brandenburger Land. Grunewald, Teufelsberg, Gropiusstadt erscheinen ganz nahe. Zwei Turmfalken ziehen ihre Kreise vor der Fassade des Hochhauses. Von der Stadtautobahn ist in dieser Höhe nichts zu hören.

Im Inneren des Turms gleicht eine Etage der anderen. Die gelben Pfeiler des Stahlskeletts sind freigelegt. Der Boden ist blau vom Asbestbindemittel, das die letzten Schadstoffe aus der Luft geholt und sich abgesetzt hat. Die Glasscheiben sind schmutzig, aber das interessiert keinen mehr. Die Fassade mit den Fenstern wird komplett ausgebaut. Ersetzt wird sie durch eine Glasfassade, in der Loggias und Balkone mit eingebaut werden. Die Arbeiten an der Fassade sollen im nächsten Jahr beginnen. Für den Innenausbau rechnet Christoph Gröner dann noch einmal mit 30 Monaten.

Die ersten Interessenten für die Wohnungen hätten sich schon gemeldet, sagt der Eigentümer. Zur Zielgruppe zählt er Senioren, denen die Altbauwohnung zu groß geworden ist, und die ein kleines, gut angebundenes Apartment suchen. Es gibt aber auch kleine Studentenwohnungen. Auch Paare, deren Kinder aus dem Haus sind, zählt Gröner, der selbst vier Kinder hat, zu den künftigen Bewohnern. „Beim Verkauf achten wir darauf, dass Leute, die hier wohnen zum Zug kommen“, so der Eigentümer. Er wolle keinen leer stehenden Turm haben.

Christoph Gröner, wieder in Anzug und Krawatte, hat noch eine Flasche Wasser in der Hand. Und? War es der letzte Treppenlauf? Bestimmt nicht. Er will es wissen. „Eine Zeit unter fünf Minuten halte ich für möglich.“