Eigentlich hat er alles richtig gemacht. Am Stuhl hat Kasimir geschnuppert, ist sogar hinaufgesprungen, um dann – kurz Witterung nehmend – einen Satz einen Meter weiter nach rechts zu machen. Und schwanzwedelnd Signal zu geben: Suchobjekt gefunden.

Es liegt also nicht an Kasimir, dass alle lachen. „Er hat den GA gesucht“, sagt Anne Scheel und zeigt den „Geruchsartikel“: Eine Plastiktüte mit Taschentuch, die sie und Hundeführerin Katharina Pieper in einer Übung zuvor dem Hund als Hinweis auf die zu suchende Person vor die Nase gehalten hatten. Jetzt liegt dieser GA auf der Anrichte, dicht bei dem Stuhl, an dem die Suche dieses Mal starten soll.

Gesessen hat dort zuvor Ursula Herrmann, ihr gehört auch das Taschentuch. Die 90 Jahre alte Dame ist geistig noch rege, nur das Laufen macht Mühe. Aber: Sie mag Hunde. Deshalb hat sie sich angeboten, die Rolle der Vermissten zu übernehmen, deren Suche der Verein Rettungshunde Mantrailer Berlin an diesem Tag trainiert. Bereits zum dritten Mal ist die Staffel im Lichtenrader Seniorenheim „Haus Wiesengrund“, wo demente Menschen leben. Menschen, die sich nicht mehr orientieren können und draußen oder im Haus auch mal verloren gehen. Einrichtungsleiterin Gudrun Wüst hat solche Fälle erlebt in ihren 25 Jahren in der Branche. „Die Polizei zu alarmieren, ist immer der erste Schritt“, sagt sie. Wenn deren Suche erfolglos bleibe, „dann würde ich den Verein anrufen“.

Hunde sind spezialisiert auf die Suche in der Stadt

Während Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz oder die Landesglieder im Bundesverband Rettungshunde (BRH) nur in Kooperation mit Polizei oder Feuerwehr ausrücken, bietet RHS Mantrailer Berlin seine Hilfe Privatpersonen direkt an. Acht aktive Mitglieder hat der Verein derzeit, von den sieben Hunden sind zwei am Anfang der Ausbildung. Enden tut diese nie: Jeden Sonnabend trainieren die Frauen und der eine Mann im Team. „Trailen“ nennen sie das, wenn sie die Hunde auf eine menschliche Spur ansetzten. Bei RHS Mantrailer eher in der Stadt als auf freien Flächen. „Im Seniorenheim“, sagt Vereinsgründerin Katharina Pieper, „gibt es derart viele Gerüche, dass das ein prima Trainingsort ist.“

Gerade hat Kasimir mit der Fülle an Eindrücken zu kämpfen. Von dem Stuhl im Aufenthaltsraum bis ins Treppenhaus gelangt, ist er dort erst einmal verwirrt, schnuppert in den einen Gang, läuft ein Stück die Treppe hinauf und dann doch den Absatz hinunter zur Tür nach draußen. Geruchspartikel von Ursula Herrmann fänden sich vermutlich überall, sagt Pieper. „Da kommt es darauf an, den Hund so zu trainieren, dass er dem jüngsten Trail folgt.“ Den hat Kasimir am Ausgang wiedergefunden – obwohl Ursula Herrmann per Aufzug in den Garten gelangt war. „Im Freien“, sagt Pieper, „kann es Geruchsfahnen bis auf 300 Meter Entfernung geben. Die hat Kasimir an der Tür gerochen.“ Und tatsächlich findet er die alte Dame im Garten an der Bushaltestelle, die als Sitzgelegenheit und Treffpunkt auf dem Rasen steht.

Drei Mal wurden Katharina Pieper und ihre Mitstreiter seit der Gründung des Vereins 2012 aktiviert. Im brandenburgischen Umland verfolgten sie die Spur einer jungen Frau bis zum Bahnhof. Die besorgten Eltern konnten sie so ein wenig beruhigen, war das Ergebnis, dass die Tochter wohl fortgelaufen war, doch die erträglichere ihrer Befürchtungen. Während einiger sehr heißer Tage im Sommer 2015 alarmierte sie abends eine Frau, deren Vater früher am Tag aus einem Steglitzer Seniorenheim verschwunden war.

Bisherige Suchaktionen hatten keinen Erfolg gebracht. Noch auf dem Weg zum Einsatz erhielt die Hundestaffel dann die Nachricht, dass der alte Mann in einer Gaststätte erkannt worden war. Bereits mehrere Tage war dagegen ein Senior aus Biesdorf verschwunden, nach dem sie mithilfe eines Schuhes als Geruchsartikel suchten. Pudel Kasimir war damals mit dabei, außerdem Schäferhündin Wicked und der Terriermix Feechen. Noch vor Ende des Einsatzes gab es auch hier Entwarnung: Der Gesuchte, der mit dem Fahrrad unterwegs gewesen war, war ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Der Hundeverein steht nicht in Konkurrenz zur Polizei

Dass Vereine oder auch Privatleute eigenständig Mantrailing betreiben, erntet nicht nur Beifall. Vermisstenfälle, sagt BRH-Sprecher Stefan Sobotta, seien Sache der Polizei. „So ein Einsatz ist extrem komplex und verlangt entsprechende Kommunikationsmittel wie Funk, eine genaue Dokumentation und anderes mehr.“ Die Koordination müsse klar strukturiert sein, „da hat die Polizei die tiefer gehenden Einblicke“, so Sobotta.

Außerdem bestehe die Gefahr, dass Spuren verwischt würden. Der Polizei Konkurrenz zu machen, sei gar nicht ihr Anliegen, hält Vereinsvorstand Katharina Pieper dagegen. So habe man bei dem Einsatz in Biesdorf mit den Sicherheitskräften zusammengearbeitet. In einem anderen Fall habe die Polizei keine Suchhunde einsetzen wollen, „oder es gab gerade keine Ressourcen“. Demnächst wolle sich die Staffel offiziell der Polizei vorstellen. Pieper: „In keinem Fall pfuschen wir denen ins Handwerk, das wäre unverantwortlich.“

Im Haus Wiesengrund sind die Besuche der Staffel ohnehin auch eine willkommene Abwechslung. Schließlich lässt sich der neunjährige Mischling Mikosch, der „Gesellschaftshund“ im Verein, im Aufenthaltsraum bereitwillig kraulen. „Die Übungen hier“, sagt Wüst, „sind eine Win-win-Situation. Der Verein kann trainieren, unsere Bewohner haben ihren Spaß.“