Am Ende ging dann doch alles schnell. Um 13.20 Uhr konnte die Entschärfung der 500-Kilo-Bombe in Steglitz beginnen. Nachdem er sich eine Weile vorsichtig vorgearbeitet hatte, benötigte der Experte vom Kampfmittelräumdienst, Detlef Jaab, gerade einmal gut zehn Minuten, um den mechanischen Zünder aus dem Sprengkörper zu entfernen.
„Es war nicht schwerer als bei den vielen vorherigen Entschärfungen“, sagte der 58-Jährige am Dienstag lakonisch. Unmittelbar zuvor war ein Lkw-Transporter mit der Zehnzentnerbombe vom Fundort an der Bergstraße Ecke Schönhauser Straße mit Ziel Sprengplatz Grunewald davongefahren.
Entdeckt worden war der Blindgänger unmittelbar vor Pfingsten am Sonnabend vergangener Woche bei Bauarbeiten auf einem Eckgrundstück. Seitdem wurde das Gebiet von Polizisten bewacht. Da nach einer ersten Begutachtung keine akute Gefährdung für die Anwohner gesehen wurde, sollte die Bombenentschärfung am ersten Werktag nach Pfingsten stattfinden.
Vier Sammelstellen für Bewohner
Bis es am Dienstag gegen 14 Uhr so weit war, hatten 350 Polizisten, etliche DRK-Helfer und Krankentransportfahrer stundenlang alle Hände voll zu tun gehabt. Sämtliche Bewohner im Bereich östlich der Filandastraße und westlich der Bismarckstraße – das sind einige tausend – mussten ihre Häuser verlassen, der 250-Meter-Sperrkreis rings um den Fundort reichte im Norden bis zur Lothar-Bucher-Straße, im Süden entlang der Kantstraße und Südendstraße.
Doch die eigentlich bis 11 Uhr vorgesehene Evakuierung des Wohngebiets dauerte wesentlich länger. Bis etwa 12 Uhr wurden besonders viele geh- und sehbehinderte Senioren mit Fahrzeugen der Feuerwehr und des Deutschen Roten Kreuzes in die vier Sammelstellen außerhalb des Sperrkreises gebracht. Im Seniorenklub am Selerweg, im Sochos Sportcasino an der Lessingstraße, im Gymnasium Heesestraße sowie in der Schule an der Sachsenwaldstraße konnten sich die von der Räumung betroffenen Bewohner aufhalten, die entweder nicht zur Arbeit gefahren oder bei Verwandten und Bekannten untergekommen waren.
Der 27 Jahre alte Student Theodor, aus den USA derzeit bei seiner Freundin zu Besuch, hatte sich seinen Berlin-Trip etwas anders vorgestellt. Vor einer Woche kam er nach Deutschland, um seine Freundin Olivia, 26, zu besuchen, die hier studiert. „Es war schon ein Schock, als ich von der Bombe erfuhr. Evakuierungen wegen Bombenentschärfung gibt es in den Staaten nicht“, sagt der Student aus dem Bundesstaat New York. Olivia hingegen störte es nicht, dass sie ihre Wohnung verlassen musste. „Ich glaube, die Entschärfung wird gut gehen – aber ich muss trotzdem nicht dabei sein.“
Wand an Wand mit der Fliegerbombe gelebt
Peter Wohlgemuth hatte nichts ahnend seit acht Jahren praktisch Wand an Wand mit der Fliegerbombe gelebt. Er bewohnt eine Erdgeschosswohnung direkt neben dem Fundort der Bombe. Er habe keinen Zweifel daran, dass die Entschärfer einen guten Job machen, erklärte er äußerlich völlig entspannt.
Verärgert war indes der Inhaber einer Bäckerei mit Café an der Ecke Kniephofstraße. „Ich hatte gestern den Aushang nicht beachtet. Hätte ich den Zeitpunkt der Räumung gekannt, hätte ich heute nicht geöffnet“. sagte der Geschäftsmann enttäuscht. Weil etliche Stammkunden ausblieben, fürchtete der Mann, dass viele seiner frischen Backwaren nicht verkauft würden.
Die Polizei hatte innerhalb des Sperrkreises seit Montag Aushänge an allen Hauseingängen angebracht. Doch nicht wenige der Anwohner sahen diese gar nicht oder erst, als sie wegen der Lautsprecherdurchsagen der Polizei am Vormittag ihre Wohnungen verließen. „Ich war bis gestern Abend mit meinem Freund mit dem Fahrrad unterwegs und kam gegen 21 Uhr nach Hause. Da gab es noch keinen Flyer an der Haustür. Ich habe direkt an der abgesperrten Fundstelle gefragt, bis wann alle gehen müssen“, berichtet Dagmar Casten aus der Schönhauser Straße. Die 54-Jährige, die nur 100 Meter vom Ort des Bombenfunds entfernt wohnt, machte sich kurz vor 11 Uhr auf den Weg nach Lichterfelde zu einer Freundin.
Ein Hospiz musste nicht geräumt werden
Eine Anwohnerin aus der Kniephofstraße war noch später dran. Die 60-Jährige schlenderte noch gegen 11.20 Uhr mit ihrem Boxerrüden Sparky in der Lauenburger Straße zur Wohnung ihrer Tochter, vorbei an uniformierten Polizisten einer Einsatzhundertschaft.
Die Bewohner und Mitarbeiter des Hospizes an der Kantstraße 16 hatten Glück, dass sie nicht von der Evakuierung betroffen waren. Die Einrichtung des Nachbarschaftsheimes Schöneberg befindet sich direkt am südlichen Rand des Sperrkreises und wurde nach Rücksprache mit der Polizei nicht geräumt. Stattdessen stand dort ein Mannschaftswagen der Polizei in der Grundstückseinfahrt. Der nördliche Gehweg der Kantstraße direkt nebenan war dagegen mit rot-weißem Flatterband abgesperrt.
DRK-Mitarbeiter brachten gegen 11.30 Uhr eine Sehbehinderte in das Sportcasino an der Lessingstraße. Auch ein Mann im Rollstuhl wurde von seiner Tochter in das Casino gebracht. Etwa 20 Anwohner warteten dort zu diesem Zeitpunkt bereits auf das Ende der Entschärfung. Sie wurden von DRK-Helfern mit kalten Getränken versorgt.
Hoffen auf schnelle Entwarnung
Hauptthema ihrer Gespräche: Wie lange es wohl dauern wird – die Ankündigung, dass es sich voraussichtlich bis 17 Uhr hinziehen könnte,war allen bekannt. Doch die Evakuierten hofften durchweg, dass die Experten vom Kampfmittelräumdienst schneller sind als geplant.
Dass ihre Hoffnung tatsächlich erfüllt wurde, lag in erster Linie am Team um Detlef Jaab. Bereits seit 1992 ist der 58-Jährige mit der Entschärfung von Weltkriegsmunition beschäftigt, kennt alle Typen von Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg, gleich ob britische, russische oder US-amerikanische. Am Dienstagmittag hatte er es mit einer Fliegerbombe zu tun, die russische Soldaten gegen Kriegsende offenbar in einer deutschen Rüstungsfabrik erbeutet hatten. Die Sowjets hatten die Bombe einfach mit einem mechanischen Zünder versehen und später über Berlin abgeworfen.
„Der Metallring, hinter dem sich der Zünder befindet, war von den Russen gar nicht verschraubt worden“, sagte Detlef Jaab. So genügten ihm eine Rohrzange und ein Kreuzschlitzschraubendreher, um an den Zünder zu gelangen. „Die Bombe war noch sprengfähig“, betonte der 58-Jährige, der noch zwei Jahre lang Bomben entschärfen will. Sobald der Zünder jedoch herausgedreht war, stellte der Sprengkörper keine Bedrohung mehr dar – trotz der Sprengladung im Inneren des Stahlkolosses.


