Ein letztes Mal fährt der Fahrstuhl hinab. Von der ehemaligen Kantine in der 24. Etage bis zum Pförtner. Die Abschiedsreden sind verklungen, viele Erinnerungen am Büfett ausgetauscht. Die Fahrt wird immer wieder aufgehalten. Viele Mitarbeiter, die auf ein Arbeitsleben im Steglitzer Kreisel zurückblicken, haben noch einmal „ihre“ Etage gedrückt. Noch einmal ein letzter Gang ins Büro, ein letzter Blick. „Nur ganz kurz“, rufen sie den anderen zu und „Komme gleich nach“. Dann wird das Kapitel „27 Jahre Verwaltungsstandort Steglitzer Kreisel“ zugeschlagen. Unter den Klängen von „Time to say Goodbye“ hat Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) m Freitag um 12.30 Uhr ein symbolisches Schloss vor das asbestverseuchte Bürohochhaus an der Schloßstraße 80 gehängt.
Skandalgeschichte ist noch nicht zu Ende
Die mehr als 50 Jahre währende Skandalgeschichte ist damit noch nicht zu Ende. Seit den 50er Jahren plant der damalige Bezirk Steglitz einen Rathausneubau. 30 Jahre vergehen, geprägt von Pleiten, Pech und Pannen, bis zur Eröffnung des Kreisels im Jahre 1980. Auch nach dem Einzug der Verwaltung kommt der Kreisel nicht zur Ruhe. 1989, nur ein Jahr nachdem das Land Berlin das Hochhaus für 34 Millionen Euro erworben hat, während die Firma Becker & Kries Eigentümer von Ladenpassage, Hotel und Parkhaus blieb, wird Asbest im Kreisel entdeckt. 2004 kommt ein Gutachten zu dem Schluss, dass eine Sanierung des Hochhauses zwischen 80 und 90 Millionen Euro kosten würde. Das kann und will das Land nicht aufbringen. Denn, so die Argumentation des Senats, zu viele landeseigene Gebäude stünden leer. Der Auszug des Bezirksamtes lässt sich nicht mehr vermeiden.
Ein logistischer Kraftakt liegt hinter der Verwaltung. Am 28. Juni 2006 war im Abgeordnetenhaus die Entscheidung gefallen, den Kreisel zu räumen und die rund 700 Mitarbeiter des Bezirks in anderen Gebäuden unterzubringen. In den vergangenen 17 Monaten mussten 929 Einzelumzüge organisiert, 30 Kisten pro Mitarbeiter gepackt und insgesamt rund 27000 Kisten bewegt werden. Jetzt sitzt der größte Teil der Verwaltung mit 519 Mitarbeitern im Rathaus Zehlendorf, Kirchstraße 1/3. Im Rathaus Lankwitz, Leonorenstraße 70, arbeiten 164 Verwaltungsangestellte und 122 im ehemaligen Verfassungsschutzgebäude an der Dahlemer Clayallee. Noch sitzen 57 Mitarbeiter in Bürocontainern vor dem Finanzamt Steglitz an der Schloßstraße. Wenn im Herbst 2008 das freie Gebäude der Leistikow-Schule umgebaut ist, soll auch dieser provisorische Zustand ein Ende haben. 15 Millionen Euro hat der Umzug gekostet. Sechs Millionen Euro zahlte der Bezirk, neun Millionen übernahm die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM).
Der Kreisel gehört ab sofort zum Sondervermögen des Landes Berlin. Die BIM verwaltet das leer stehende Bürohochhaus, während der Liegenschaftsfonds versucht, es zu verkaufen. „Es ist unser Ziel, den Kreisel als Steglitzer Wahrzeichen zu erhalten“, zerstreute BIM-Geschäftsführer Sven Lemiss gestern alle Gerüchte eines geplanten Abrisses des 118 Meter hohen Büroturms. Nachdem zwei Interessenbekundungsverfahren nichts gebracht haben, kommt jetzt offenbar Bewegung in die Verkaufsverhandlungen.
Ernsthafte Verhandlungen mit Investoren
Lemiss spricht von ernsthaften Verhandlungen mit Investoren, die im Moment geführt werden. Er könne sich verschiedene Nutzungen vorstellen, auch luxuriöse Wohnungen im Loft-Stil – wie immer wieder im Gespräch. Aus stadtplanerischer Sicht spricht nichts dagegen. Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) wartet nur auf ein Zeichen, um als Planungsbehörde tätig zu werden. Wenn es nach ihm ginge, würde er noch ein Dachrestaurant mit Lounge auf das Hochhaus draufsetzen.
Mit der Asbestsanierung wird deshalb nicht, wie geplant, Anfang 2008 begonnen. „Wir wollen uns beim Verkauf des Kreisels alle Optionen offen lassen“, sagt Lemiss. Es gebe auch Interessenten, die den Kreisel mit der Asbestbelastung übernehmen würden. An den Kosten von 17 Millionen Euro für die Beseitigung des Asbests wird sich das Land Berlin trotzdem beteiligen müssen.
Das offenbare Kaufinteresse nährt natürlich die Hoffnung, dass das Hochhaus nicht jahrelang als zurückgebautes Stahlskelett stehen bleibt und so das südliche Ende der Schloßstraße verschandelt. Davor hat auch der Miteigentümer Becker & Kries Angst. Das Unternehmen hat das Land Berlin auf den Wiederaufbau der Fassade verklagt. Ein hohler Zahn – oft schon als Palast der Republik in Hochformat bezeichnet – verschandelte nicht nur das Straßenbild, sondern bedeutete auch für die Gewerbetreibenden im Fuß des Gebäudekomplexes den Ruin. Das will Becker & Kries verhindern.
"Der Kreisel gehört zum Straßenbild"
Ein nacktes Stahlskelett würde aber auch den Aufwind an der Schloßstraße bremsen. „Der Kreisel gehört zum Straßenbild, genau wie die neuen Einkaufszentren“, sagt Herbert Weber (CDU). Der ehemalige Stadtrat und Ex-Bezirksbürgermeister arbeitete 26 Jahre in dem Bürohochhaus, erst in der 18. und dann in der 22. Etage. Obwohl es nur ein Fußweg von 15 Minuten gewesen sei, erzählt Weber, habe er oft eine Stunde für den Weg zur Arbeit gebraucht. Man kannte ihn, sprach ihn auf den Weg an. Nicht nur er war in greifbarer Nähe, sondern auch die Verwaltung hatte kurze Dienstwege. Das ist nun vorbei. Damit hat sich Herbert Weber, der ohnehin 2006 aus dem Amt schied, abgefunden. Das Haus aber soll erhalten bleiben.
Dieser Meinung ist auch Peter Schulz. Der Stahlbauer wurde 1972 von einem Hochhaus-Projekt in Frankfurt am Main nach Berlin zum Kreisel gerufen. Er hat nicht eine Sekunde gezögert. „Diese Großbaustelle war eine besondere Herausforderung“, sagt der ehemalige Bauleiter. Heute ist der 67 und Rentner. Der Kreisel gehört zu seinem Leben. „Man ist doch daran gewöhnt, wenn man von der Autobahn kommt, zuerst den Kreisel zu sehen“, sagt er. Und der ist auch ein bisschen sein Werk. Bei den ersten Klängen von „Time to say Goodbye“ musste Schulz kräftig schlucken. Er war traurig, zugegeben sogar sehr traurig.


