„Enthüllt“ nennt sich die Ausstellung, die seit zehn Jahren in der Zitadelle Spandau besteht. Hier zu sehen sind Statuen, die in der Vergangenheit in Berlin abmontiert wurden. Preußische Könige, Bronzen aus dem Nationalsozialismus, ein riesiger Lenin-Kopf aus DDR-Zeiten. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums wurde im Museum ein Neuzugang enthüllt – im wahrsten Sinne des Wortes –, der Fragen aufwirft.

Büste mehr als 30 Jahre im Depot der Humboldt-Uni

Christina Kuhli (l.) und Urte Evert (r.) enthüllten die Karl-Marx-Büste, die zuvor jahrzehntelang im Depot der Humboldt-Uni Staub gefangen hatte.
Christina Kuhli (l.) und Urte Evert (r.) enthüllten die Karl-Marx-Büste, die zuvor jahrzehntelang im Depot der Humboldt-Uni Staub gefangen hatte.© Berliner Morgenpost | Sebastian Besau

Denn es handelt sich um eine Bronzebüste von Karl Marx, der Zitadellen-Leiterin Urte Evert und die Kustodin der Humboldt-Universität (HU) Christina Kuhli gemeinsam das Tuch runterzogen. Das Abbild des Philosophen, Ökonomen und sozialistischen Vordenkers stand früher vor dem Senatssaal der HU. Nach der Wende wurde der Metallkopf im Depot eingelagert. Doch Marx ist im Gegensatz zu einigen anderen Personen, deren Statuen heute im Proviantmagazin der Zitadelle stehen, nicht aus dem Berliner Stadtbild verschwunden: Es gibt weiterhin eine Allee mit seinem Namen, eine Statue zusammen mit Friedrich Engels und eine Büste am Strausberger Platz. In der HU hängt sogar noch ein Zitat von ihm. Was macht Marx also nun unter den – oft so betitelten – „toxischen“ Denkmälern?

Öffnungszeiten der Ausstellung

Die Ausstellung „Enthüllt“ ist zu den Öffnungszeiten der Zitadelle Spandau zu sehen. Geöffnet hat sie Freitag bis Mittwoch von 10 bis 17 Uhr, donnerstags von 13 bis 20 Uhr. Der Besuch ist im Eintrittspreis (4,50 Euro regulär, 2,50 Euro ermäßigt, Kinder unter sechs Jahren gratis) inbegriffen.

Den Anstoß dazu gab Christina Kuhli: „Ich bin 2022, kurz nachdem ich nach Berlin kam, durch diese Ausstellung gegangen und war begeistert.“ Um die gleiche Zeit arbeitete sie auf, was im Depot der HU zu finden war. Dort stand auch die besagte, mittlerweile eingestaubte Marx-Büste. Abmontiert hatte die Uni sie kurz nach der Wiedervereinigung, erklärt Kuhli.

So kam die Büste an die Humboldt-Uni

Aufgestellt worden war die vom Bildhauer Will Lammert geschaffene Büste im Jahr 1953 auf Geheiß der SED. Abgüsse wurden zur gleichen Zeit auch in den Unis in Jena und Leipzig angebracht. „Das heißt, es ist auch ein Zeichen dafür, wie die Politik die Universität dominiert hat, und dieses Kräfteverhältnis will man natürlich nicht fortführen, indem man die Statue wieder an der Uni aufstellt.“

Die Marx-Büste an ihrem früheren Standort in der Humboldt-Universität.
Die Marx-Büste an ihrem früheren Standort in der Humboldt-Universität.© Universitätsarchiv der Humboldt-Universität | HU UA, Fotosammlung, Ka. 67, 22/1/34.

Konkreter Grund für die Abmontierung der Büste sei 1990 aber auch deren Schutz gewesen, sagt Kuhli: „Es war so, dass 1990 zum Beispiel große Plaketten von der Universität gestohlen wurden, die auf Lenin, auf Marx, auf Engels hingewiesen haben.“ Es gab die Befürchtung, auch die Büste könnte zum Ziel werden. So wurde sie ins Depot gebracht.

Statuen preußischer und brandenburgischer Herrscher, die einst zur "Siegesallee" im Tiergarten gehörten und heute in der Zitadelle stehen.
Statuen preußischer und brandenburgischer Herrscher, die einst zur "Siegesallee" im Tiergarten gehörten und heute in der Zitadelle stehen.© Berliner Morgenpost | Sebastian Besau

Museum wurde nach Black-Lives-Matter-Bewegung berühmter

Mit dem Anliegen, die Büste wieder sichtbar zu machen und eine Auseinandersetzung damit zu ermöglichen, suchte Kuhli das Gespräch mit Urte Evert. Letztere war von der Idee überzeugt, den Marx-Kopf zwischen der realsozialistischen Kunst im Proviantmagazin auszustellen. „Hier ist einfach der politische Hintergrund mit der Objektgeschichte das, was ich ausstellen möchte. Dass sie aufgestellt wurde, um Karl Marx nutzbar zu machen für eine bestimmte Ideologie, die er ja gar nicht vertreten konnte, weil er da ja nun schon lange tot war“, erklärt Evert. Im Jubiläumsjahr der Ausstellung war es dann so weit.

Zu den Kunstwerken aus der Zeit des NS-Regimes in der Zitadelle gehört der „Zehnkämpfer“, den Hitlers „Hofbildhauer“ Arno Breker für das Gelände der Olympiade 1936 geschaffen hat.
Zu den Kunstwerken aus der Zeit des NS-Regimes in der Zitadelle gehört der „Zehnkämpfer“, den Hitlers „Hofbildhauer“ Arno Breker für das Gelände der Olympiade 1936 geschaffen hat.© Berliner Morgenpost | Sebastian Besau

Evert leitet die Museen in der Zitadelle seit 2017. „Also als ich hier angefangen habe, war das zwar durchaus ein beliebtes Museum, aber auch nicht so wahnsinnig bekannt“, berichtet sie. „Erst mit der Black-Lives-Matter-Bewegung und den gestürzten Denkmälern 2020 ist es sehr viel bekannter geworden, weil dann ganz viele überlegt haben, ob das so die befriedigende Lösung sein könnte.“ Statt Denkmäler zu zerstören, werden sie im Museum kontextualisiert und ermöglichen eine weitere Auseinandersetzung damit.

Besucher reagieren unterschiedlich

Und die fällt ganz unterschiedlich aus. Zum Beispiel mit dem Lenin-Kopf: „Es kommt nicht so häufig vor, dass Menschen, die Opfer des SED-Regimes waren, das hier kritisieren. Eher im Gegenteil: Die empfinden das als Empowerment, dass sie hier Lenin nicht mehr mit dem Kopf im Nacken anschauen müssen, sondern quasi auf Augenhöhe sind.“ Bei manchen Besuchern ist es umgekehrt. So berichtet sie etwa von einem Gespräch mit Touristen aus Indien, die sich über den Lenin-Kopf empörten – weil der auf der Seite liegende Statuenkopf dem kommunistischen Revolutionär nicht genügend Respekt erweise.

Neben der Marx-Büste ist der Kopf der Leninstatue zu sehen, die früher auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen stand.
Neben der Marx-Büste ist der Kopf der Leninstatue zu sehen, die früher auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen stand.© Berliner Morgenpost | Sebastian Besau

Unterschiedliche Perspektiven und Meinungen der Besucher zu hören, finde sie immer bereichernd, sagt Evert. „Weil man auch die Perspektive von anderen Menschen kennenlernt. Ich muss das dann nicht übernehmen. Aber ich muss mir Gedanken darüber machen, warum das so ist und wie man darüber sprechen und trotzdem zu einer Einigung kommen kann.“