Anastasya kommt aus der Ukraine und lebt seit einem Jahr in der betreuten Jugendwohngruppe mitten in der Spandauer Altstadt. „Ich brauche eine Wohnung. In meinem Land ist jetzt Krieg“, sagt die Jugendliche. Sie geht in die Willkommensklasse, lernt Deutsch, macht mit ihren Betreuerinnen Ausflüge. Melissa ist erst seit einem Monat hier. Sie hat sich gerade eingelebt. Doch im Mai müssen beide umziehen. Nach 40 Jahren muss die Jugendwohneinrichtung von Kompaxx e. V. nun ihren Standort aufgeben.

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Kompaxx ist ein gemeinnütziger Träger der Jugendhilfe, der seit 1996 in Berlin aktiv ist. An fünf Standorten in Wedding und Spandau betreut der Verein 35 Jugendliche. Sechs junge Menschen kommen regelmäßig zu Betreuungsgesprächen in das Haus in der Altstadt. Vier weitere im Alter von 15 bis 21 Jahren leben dauerhaft hier. „Sie können aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben, weil sie ins Ausland geflohen sind, oft aus Kriegsgebieten“, erklärt Charlotte Buderbach, die seit November 2022 bei Kompaxx arbeitet.

Bewohnerinnen der Jugendwohngruppe vor dem Haus in der Spandauer Altstadt. Im Mai müssen sie ausziehen.
Die Jugendlichen vor ihrem Haus in der Spandauer Altstadt. Im Mai müssen sie ausziehen.© Florentine Lippmann | Florentine Lippmann

„Wir bieten ihnen hier praktisch ein Zuhause“

Tagsüber sind Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter vor Ort. Jede Mitarbeiterin betreut bestimmte Jugendliche als feste Bezugsperson, begleitet sie zu Arztterminen und Behördengängen, hilft bei der Ausbildungssuche, sucht gemeinsam Therapieplätze. Einmal pro Woche gibt es einen Gruppenabend. In den Ferien unternehmen sie gemeinsame Aktivitäten. „Neulich waren wir alle zusammen Keramik bemalen“, erzählt Buderbach. Auch alltägliche Dinge wie das richtige Haushalten mit Geld und gemeinsames Kochen gehören zum Lernfeld. „Wir bieten ihnen hier praktisch ein Zuhause und betreuen sie auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit“, sagt Buderbach.

Die Kündigung kam im Mai 2025. Ein Jahr Frist gaben die neuen Eigentümer. Sie wollen das Haus instand setzen. „Die Eigentümer haben gewechselt und uns dann gekündigt, weil sie hier sanieren möchten“, sagt Philip Scott, Einrichtungsleiter von Kompaxx. Seitdem sucht der Verein nach einer neuen Unterkunft. Bisher ohne Erfolg.

Warum die Wohnungssuche so schwierig ist

Die Suche gestaltet sich bisher eher mühsam. „Das Jugendamt bezahlt normale Mieten im Rahmen des Bürgergeld-Satzes und vielleicht etwas darüber hinaus“, erklärt Scott. „Wir können keine Einkommensnachweise bieten, wie normale Mieter das haben. Wir müssen uns immer an der Schlange ganz hinten anstellen.“ Seit bald einem Jahr ist der Verein auf Wohnungssuche, hat aber weder die finanziellen Mittel noch die personellen Ressourcen, um jemanden einzustellen, der sich ausschließlich damit beschäftigt.

„Wir hatten hier eine sehr ideale Lage, weil wir diese ganze Immobilie für uns hatten. Auch die Anbindung durch die U7 ist unschlagbar“, sagt Buderbach. Die Jugendlichen sind in Spandau sozialisiert, haben hier ihre Schulen, ihre sozialen Kontakte, manche auch Familienangehörige. „Hier ist der Mittelpunkt der Jugendlichen. Wir würden uns wünschen, dass wir nicht allzu weit wegziehen müssen“, sagt Maurice Wetzel, der seit 2021 bei Kompaxx arbeitet.

Das Team von Kompaxx e.V.: Charlotte Buderbach, Maurice Wetzel, Julia Deng und Philip Scott (v.l.n.r.) betreuen die vier Jugendlichen.
Das Team von Kompaxx e. V.: Julia Deng, Maurice Wetzel, Charlotte Buderbach und Philip Scott betreuen die vier Jugendlichen.© Florentine Lippmann | Florentine Lippmann

Was der Umzug für die Jugendlichen bedeutet

Für die Betroffenen bedeutet der Standortwechsel mehr als nur eine neue Adresse. „Wichtig ist, dass alle Jugendlichen eine Startchance haben. Hier bieten wir Stabilität und eine kontinuierliche Beziehung, die wichtig ist, um gut wachsen zu können“, sagt Buderbach. „Wir bieten Struktur und einen Ort zum Ankommen, zum Runterkommen, zum Nachreifen, um sich zu erholen von dem, was sie erlebt haben.“

Wetzel macht sich Sorgen. „Die Jugendlichen werden einen Ortswechsel haben. Das heißt: neues Umfeld, neue Menschen, neuer Schulweg, neuer Weg zur Arbeit oder Ausbildung.“ Die Gefahr sei groß: „Es wird Einbrüche in ihrer Struktur und Stabilisierung geben, die man schon erreicht hat. Man nimmt ihnen etwas weg, was nicht so sein sollte.“

Melissa bringt es auf den Punkt: „Ich finde es mies, dass wir im Mai ausziehen müssen.“ Scott hofft auf Hilfe aus der Politik. „Wir sind mit 35 Plätzen in der Jugendhilfe schon ein wichtiger Faktor in der sozialen Infrastruktur von Spandau. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir von politischer Ebene Unterstützung bekommen würden“, sagt er. „Wir sind aber aufgrund der angespannten Wohnungssituation auf Unterstützung angewiesen.“

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„Wir haben einen Notfallplan erarbeitet“

Für den Fall, dass bis Mai keine passende Immobilie gefunden wird, hat Kompaxx vorgesorgt. „Wir haben einen Notfallplan erarbeitet. Wir würden keine Jugendlichen auf die Straße setzen“, sagt Scott. Die Jugendlichen würden an andere Standorte des Trägers in Wedding und Spandau verteilt werden. Der Verein hält derzeit Plätze frei, die normalerweise für neue Jugendliche bereitgestellt würden. „Das ist für uns ein Verlustgeschäft. Aber unser Job ist Verantwortung.“

Die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind gesichert. „Das ist gar keine Frage. Dafür sind die Mitarbeiter viel zu wichtig“, sagt Scott. „Aber im ersten Fokus sind die Jugendlichen. Sie brauchen ein Heim, wo sie sich zu Hause fühlen, wo sie sich zugehörig fühlen.“ Bis Ende Mai bleiben noch rund drei Monate. Die Suche nach einer neuen Unterkunft geht weiter.