Drei Tage vor Silvester ging das Kniegelenk seiner Prothese kaputt. Einfach steif geblieben. Bernd Reinecke stand da mit einer Prothese, die sich nicht mehr bewegen ließ. Der Urlaub nach Katar, den er und seine Frau sich so gewünscht hatten, schien gefährdet. Doch der 60-Jährige rief seinen Orthopädie-Techniker an, organisierte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Ersatz – und flog trotzdem. „Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken“, sagt er.

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Am Mittwochnachmittag sitzt Reinecke im Seniorenklub Lindenufer in Spandau und zeigt der Selbsthilfegruppe für Amputierte Fotos von seiner Reise. Die Skyline von Doha, das Silvesterfeuerwerk, der Marktplatz Souq, ein riesiger Pool. Dann kommt eine Frage aus der Runde: „Bist du ohne die Prothese schwimmen gegangen?“

Reinecke schmunzelt. Als hüftexartikulierter Mensch – die höchste Form der Beinamputation – kann er keine Schwimmprothese bekommen. Es gibt schlicht kein wasserfestes Hüftgelenk. Also geht er ohne Prothese ins Wasser, mit Unterarmstützen und selbst gebauten Schwimmhilfen aus Poolnudeln, die er um die Stützen wickelt, damit sie nicht untergehen. „Wo ein Wille ist, ist ein Weg“, freut sich eine Frau aus der Gruppe.

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„Die drei Stunden sind wir eine Familie“ – Die Selbsthilfegruppe für Amputierte trifft sich seit 2014 jeden dritten Mittwoch in Berlin-Spandau. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Seit 23 Jahren lebt Bernd Reinecke mit dem Handicap

240 Kilometer Fahrt, hin und zurück. Für jedes Treffen, an jedem dritten Mittwoch im Monat, nimmt Reinecke diese Strecke auf sich. Von Stendal nach Spandau, zur Gruppe, die er seit vier Jahren leitet. Der Bäckermeister, der im Außendienst arbeitet, ist mehr als nur Organisator. Er ist Motivator, Ratgeber, Kämpfer.

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, sagt Reinecke. Es ist sein Lebensmotto. Seit fast 23 Jahren lebt er mit dem Handicap. Sein linkes Bein verlor er 2003 bei einem Motorradunfall. Drei Wochen lag er im Koma.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man dann aufwacht und das Bein ist weg? Das Erste sei: „Warum ich?“ Ein Jahr später traf Reinecke jemanden, der ein ähnliches Schicksal durchgemacht hatte. Der sagte ihm: „Entweder du akzeptierst die neue Realität und machst weiter oder gibst auf. Dazwischen geht nichts. Du entscheidest selbst.“ Für Reinecke war diese Begegnung ein Wendepunkt.

Begegnung auf Augenhöhe und mit Respekt

Rund zehn bis 15 Menschen kommen regelmäßig zu den Treffen der 2014 gegründeten Gruppe – manche auf Prothesen, andere im Rollstuhl oder Elektromobil. Das älteste Mitglied ist seit über 50 Jahren amputiert und von Anfang an dabei. Was hält die Gruppe zusammen? „Hier begegnen wir uns auf Augenhöhe. Mit Respekt“, bringt es Eva Ris, Reineckes Stellvertreterin, auf den Punkt.

Das Sozialgesetzbuch ist eindeutig: Menschen mit Behinderung sollen ihr Leben führen können wie vor der Behinderung. Teilhabe heißt das Ziel. Die Krankenkassen sollen dabei aktiv helfen, nicht bremsen. Doch davon spüren die Gruppenmitglieder im Alltag wenig.

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„Die drei Stunden, die wir hier zusammen sind, sind wir eine Familie“ Die Gruppe sitzt zusammen bei Kaffee und Kuchen.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

„Um jeden Scheiß muss man kämpfen“

Sie müssen sich mit Krankenkassen auseinandersetzen, die Hilfsmittel zunächst ablehnen. Mit einer Stadt voller Barrieren. Mit einem System, das Teilhabe verspricht, aber Steine in den Weg legt. Reineckes Rat: „Immer in den Widerspruch gehen.“ Erst kürzlich kämpfte er um einen Gehstock für 50 Euro. Zweimal lehnte die Krankenkasse ab, zweimal legte er Widerspruch ein. „Um jeden Scheiß muss man kämpfen.“

Teilhabe bedeutet auch, sich frei in der Stadt bewegen zu können. Doch die Realität sieht anders aus: Stolperfallen auf Gehwegen, zu hohe Bordsteinkanten, fehlende Rampen. Rollstuhltransporte kommen oft nicht oder zu spät. „Jetzt werden die Gelder in Berlin auch noch gekürzt“, sagt Reinecke. Ein weiteres Ärgernis sind Nichtbehinderte auf Behindertenparkplätzen. „Die Ausrede ist immer: Ich wollte doch nur kurz Brötchen holen. Aber ich kann mein Bein nicht kurz nachwachsen lassen.“ 55 Euro Strafe hält er für viel zu wenig.

„Die drei Stunden sind wir eine Familie“

Wie gehabt und gewertschätzt sitzt die Gruppe zusammen bei Kaffee und Kuchen. Die Atmosphäre ist entspannt. Man kennt sich, lacht, erzählt von der Woche. Es werden nicht nur medizinische Probleme besprochen – auch private Themen haben Raum. „Die drei Stunden, die wir hier zusammen sind, sind wir eine Familie“, sagt Reinecke. Die Sorgen und Probleme teilt, sich motiviert und praktische Tipps austauscht.

Wie bekomme ich eine Langzeitverordnung für Krankengymnastik? Welcher Orthopädie-Techniker arbeitet gut? Wie kämpfe ich erfolgreich gegen Ablehnungen? „Diese Herzigkeit, diese Offenheit, dieser Austausch untereinander – das ist es, was mich begeistert“, sagt eine Frau, deren Mann amputiert war. Auch Angehörige sind willkommen. „Egal welches Problem oder welche Freude jemand hat – wir teilen“, erzählt Eva Ris.

Zusammen in den Gärten der Welt, im Britzer Garten oder im Kahn auf der Spree

Die Botschaft kommt an. Georg, der erst seit Kurzem dabei ist, erzählt von seiner Aufnahme. Davon, „herzlich aufgenommen“ worden zu sein. Er hat auf einem Flyer beim Orthopädie-Techniker von der Gruppe erfahren, dann angerufen – und kam. Ein anderes Mitglied ist im zweiten Jahr dabei: „Egal ob groß, klein, reich oder arm – hier geht es darum, dass jeder respektvoll behandelt wird.“

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Tasse mit Karikatur von Phil Hubbe. Der MS-erkrankte Künstler kommt im September mit Ausstellung und Workshop zu dem Treffen im Seniorenklub Lindenufer in Spandau. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Auch Ausflüge unternimmt die Gruppe gemeinsam. Zuletzt in die Gärten der Welt, zu den Britzer Gärten. Auch Kahnfahrten auf der Spree gab es. Spargelessen, Weihnachtsfeiern, gemeinsame Abendessen. Orthopädie-Firmen wie Zapfe und Seeger unterstützen mit Fachvorträgen. Manchmal hält auch jemand aus der Runde einen Vortrag – wie Reinecke an diesem Nachmittag über seine Katar-Reise.

Die Gruppe trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat von 15.30 bis 18 Uhr im Seniorenklub Lindenufer, Mauerstraße 10A. Kontakt: Eva Ris (0171-38 1 80 57), Bernd Reinecke (0160-36 58 90 3) Mehr Informationen finden Sie hier.