Kurz vor dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen eröffnet die sechste Berliner Fachberatungsstelle in Spandau – einem Bezirk, der traurige Zahlen schreibt: 40,1 Prozent mehr Fälle häuslicher Gewalt als im Berliner Durchschnitt.
Bei der Eröffnung der Fachberatungsstelle herrschte am Donnerstag große Freude. Mitarbeiterinnen, die teilweise seit der Gründung 1987 mit dabei sind, feierten gemeinsam mit jüngeren Kolleginnen den Erfolg ihrer jahrzehntelangen Arbeit. „Nach jahrelangem Ringen und viel ehrenamtlicher Arbeit haben wir es endlich geschafft“, sagte Franziska Milata, Geschäftsführerin von Eulalia Eigensinn e.V. und Vorstand der neuen Beratungsstelle.
„Je mehr Probleme eine Familie hat, desto eher äußert sich das in häuslicher Gewalt, wenn es so eine Ausweglosigkeit gibt“, erklärt Milata. Als Gründe nennt sie die Kombination aus Arbeitslosigkeit, dem Leben in dicht besiedelten Hochhaussiedlungen und der zunehmenden Armut im Bezirk.

Ergebnis von zehn Jahren Arbeit
2014 offenbarte das Frauenzentrum erstmals im Gesundheitsausschuss der BVV den Mangel an Beratungskapazität. „Mit ungefähr anderthalb Stellen haben wir um die 6000 Beratungen im Jahr durchgeführt“, berichtet Milata. 2016 kamen erste Stellen für die Arbeit mit geflüchteten Frauen hinzu. Viele von ihnen kämpften mit Kriegstraumata.
Als Franziska Milata ihre Stelle in der Geschäftsführung antrat, konnte sie bereits in ihrer ersten Arbeitswoche mit dem Bezirk über häusliche Gewalt und die mangelnden Ressourcen sprechen. Bezirksbürgermeister Bewig, der sie damals noch nicht kannte, reagierte sofort: „Er sprang auf und bot die Finanzierung einer halben Stelle an.“
Es war der erste in einer langen Reihe von kleinen Schritten. „Wir haben so viele Kleinstprojekte beantragt, weil wir immer dachten, der Bedarf ist riesig“, erklärt Milata. Heute bietet der Verein Rechtsberatung, psychologische Beratung und eine Familienhebamme. Eine speziell ausgebildete Pädagogin leitet die Kindergruppe für betroffene Kinder und ihre Mütter.
Spandaus soziale Brennpunkte
Die Neustadt ist geprägt durch das enge Zusammenleben vieler sozial benachteiligter Familien. Gemeinsam mit Heerstraße Nord und dem Falkenhagener Feld bildet sie das Schlusslicht jeder Statistik im Bezirk. Spandau verzeichnet einen überdurchschnittlichen Anteil arbeitsloser und transferbeziehender Menschen.
Im Januar 2024 kam es zum entscheidenden runden Tisch mit Staatssekretärin für Arbeit und Gleichstellung Micha Klapp. Fraktionsübergreifend hatten der Bezirksbürgermeister, der Bezirksstadtrat für Soziales, die Bezirksstadträtin für Jugend und Gesundheit sowie die Frauenbeauftragte dazu eingeladen. Trotz drastischer Haushaltskürzungen von drei Milliarden Euro wurde die Finanzierung zugesagt.
Mit der Integration in die BIG-Beratungsstruktur ändert sich der Arbeitsansatz grundlegend. „Wir rufen Frauen jetzt proaktiv an, die bei der Polizei Anzeige erstattet haben“, erklärt Milata. Der geplante Eintritt in den Signalverbund soll zudem die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern verbessern.
„Wir haben vorher kein Erstgespräch machen können‘, erinnert sich Milata an die Zeit vor der Aufstockung. Die Frauen standen einfach vor der Tür, und wir mussten sofort in die Beratung gehen. Eine geordnete Aufnahme war unmöglich.“

Der Verein arbeitet heute mit einem Team aus zwölf verschiedenen Nationen zusammen. „Das ermöglicht uns niedrigschwellige Hilfe in vielen Sprachen und kulturellen Kontexten“, erklärt Milata. Ein Modell der gelebten Antidiskriminierung.
Zusammenarbeit mit Krankenhäusern
Ein wichtiger Baustein der zukünftigen Arbeit ist die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern bei der Dokumentation von Gewaltvorfällen. „Wenn es wegen Vorfällen zu Verletzungen kommt, muss die Frau ins Krankenhaus können und alles rechtssicher dokumentiert werden“, betont Bewig.
Neben der Rechtsberatung und den Betreuungsangeboten gibt in der Beratungsstelle es eine spezielle pädagogische Kindergruppe. „Fast alle unsere Besucherinnen sind alleinerziehend“, berichtet die Vorsitzende Milata.
Der neue Personalschlüssel von 4,5 Stellen für 280.000 Spandauer liegt deutlich unter der empfohlenen Quote von 4,5 Stellen pro 100.000 Einwohner. Die Wartezeit für Beratungsgespräche beträgt derzeit anderthalb Monate.

Bezirk mit 30 Prozent Armutsquote
Die Frauen kommen aus allen sozialen Schichten. „In höheren Positionen ist das Thema sehr schambesetzt“, erklärt Milata. „Betroffene mit besseren finanziellen Möglichkeiten suchen sich oft private Hilfe oder kommen bei Freunden unter.“
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Die neue Fachberatungsstelle ist ein wichtiger Schritt, aber keine Komplettlösung. Das Team des Vereins Eulalia Eigensinn wird weiterhin für bessere Unterstützung kämpfen. Der Bedarf wächst, und wie Milata betont: „Wir brauchen einfach um einiges mehr, um diesem Problem in irgendeiner Form begegnen zu können.“
Der fraktionsübergreifende Einsatz für die neue Stelle zeigt die Dringlichkeit des Problems. Staatssekretärin Micha Klapp betont: „Die Zahlen sind schlimm, auch die vielen Femizide in Berlin.“
Weitere Unterstützung ist nötig
Die Fachberatungsstelle ist ein wichtiger Meilenstein für Spandau. Doch der Weg ist nicht zu Ende. Die neue Stelle muss sich erst etablieren, weitere Unterstützung ist nötig. Bezirksbürgermeister Bewig verspricht trotz drastischer Haushaltskürzungen von drei Milliarden Euro: „Wir werden auch in Zukunft, wenn es eng wird, sehr gerne mit ihnen zusammenarbeiten.“
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Die Botschaft des Tages ist klar: Spandau stellt sich der Herausforderung häuslicher Gewalt. Mit der neuen Fachberatungsstelle gibt es endlich mehr Kapazitäten für die dringend benötigte Hilfe. Doch wie Franziska Milata mahnt: „Der Bedarf wächst weiter - und damit auch die Notwendigkeit weiterer Unterstützung.“


