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Berliner Weihnachtscircus: Das ist die Mängelliste

Das Spandauer Veterinäramt hat die Tierhaltung untersucht - ein Elefant bekam Einsatzverbot. Der Direktor weist die Kritik zurück.

Der Berliner Weihnachtscircus stand immer wieder in der Kritik, weil dort Tiere in der Manege auftreten.

Der Berliner Weihnachtscircus stand immer wieder in der Kritik, weil dort Tiere in der Manege auftreten.

Foto: Promo

Berlin. Gefährliche Einzäunung der Flusspferde, unzureichende Hufpflege bei den Pferden, verletzungsträchtige Haltung von Elefanten, Zebras und Giraffen sowie mangelhafte Ausbruchssicherung – die Liste der Mängel, die das Spandauer Veterinäramt beim „Berliner Weihnachtscircus“ festgestellt hat, ist lang. Insgesamt 26 Punkte werden in der Antwort auf eine schriftliche Anfrage des Berliner Grünen-Abgeordneten ­Stefan Taschner aufgelistet, die der Berliner Morgenpost vorliegt.

Zudem ord­nete das Amt ein Einsatzverbot für eine Elefantenkuh und den Transport von zwei Elefantenkühen ins Winterquartier zur tierärztlichen Behandlung an. „Bei allen Tierarten und deren Haltungsbedingungen wurden Mängel festgestellt“, sagte Taschner, Sprecher für Tierschutz der Grünen-Fraktion. Die mehrfachen Kontrollen hätten gezeigt, dass es in solchen „fahrenden Unternehmen“ nur Tierleid gebe.

Diese Mängel im Weihnachtscircus wurden dokumentiert - ein Überblick:

Wildtierhaltung

  • Exotenzelt - Lichtverhältnisse unzureichend
  • Sicherstellung ausreichender artgerechter Auslauf Giraffen, Zebras zweifelhaft

Flusspferd

  • verletzungsträchtige Einzäunung
  • Wassertemperatur unzureichend
  • Füllstand und Größe des Wasserbeckens unzureichend gemäß Säugetiergutachten
  • Fremdkörper im Wasserbecken
  • Rampe zum Wasserbecken zu steil

Elefanten

  • verletzungsträchtige Haltungsgehege, Fütterungseinrichtungen und Metallpflock im Gehege
  • Gefährdungspotential durch angeschliffene Stoßzähne
  • Hautpflege Elefanten unzureichend
  • Bewegungseinschränkungen rechte Hinterhand Elefant "Malou"
  • schwache Bemuskelung bei allen vier Elefanten

Geflügel

  • Gänsehaltung mit unzureichendem (mangelnde Tiefe) Badebecken
  • Stallung Huhn und Hahn unzureichend und ungeeignet

Kamele, Equiden

  • ein Lama hat an allen vier Extremitäten zu lange Klauen
  • Kamelgehege ohne Beschäftigungs- und Benagungsmaterial
  • einige Pferde (insbesondere Araber) mit mangelnder Bemuskelung
  • Vielzahl von Pferden mit Strahlfäule, teilweise unbehandelt
  • mangelnde Hufpflege, da längere Zeit nicht ausgekratzt
  • benannter Auslauf für Pferde nicht zugänglich und offensichtlich nicht gewährleistet, da keine Hufspuren vorhanden
  • mehrere Pferde nicht gekennzeichnet und Equidenpässen nicht zuzuordnen

Ausläufe

  • Auslauf für Elefanten, Zebras und Giraffen verschmutzt und mit verletzungsträchtigen Gegenständen versehene
  • Abspann- und Metallausrüstung in Zebra- und Giraffenauslauf ohne Abdeckung und verletzungsträchtig
  • Einzäunung und Sicherung der Elefanten und Wildtierausläufe teilweise marode und mit fraglicher Sicherheit zur Ausbruchssicherung, da nicht vollständig montiert (fehlende Sicherungsbolzen/Verbindungen)

Dokumentation

  • Pflege- und Behandlungsmaßnahmen nicht ausreichend und kontinuierlich dokumentiert
  • tierärztliche Behandlungsnachweise nicht nachweisbar bzw. nicht dokumentiert

"Berliner Weihnachtscircus" reiste mit 43 Tieren an

Der „Berliner Weihnachtscircus“, der vom Circus Voyage betrieben wird, gastierte vom 19. Dezember bis zum 5. Januar an der Motardstraße 103, auf einer brachliegenden Fläche in der Spandauer Siemensstadt. Hinzu kamen mehrere Tage für den Auf- und Abbau. Angereist war der Zirkus mit insgesamt 43 Tieren, darunter auch sechs Kamele, ein Esel, Hühner und Gänse. Wie Margit Gottstein, Staatssekretärin für Verbraucherschutz, in der Antwort schreibt, teilte der Zirkus am 29. November – einem Freitag – um 17.21 Uhr per E-Mail an das Bezirksamt mit, dass er „heute den 29.11.2019 anreisen wird“.

Im Amt war zu diesem Zeitpunkt allerdings kein Mitarbeiter mehr anwesend, der sich um die E-Mails kümmerte. Eine engmaschige Überwachung des Grundstücks an der Motardstraße sei aufgrund der angespannten Personalsituation im Amt nicht möglich gewesen. Es sei erstaunlich, wie der Weihnachtscircus „Jahr für Jahr die Kontrollen des Ver- sowie Abladens der Tiere“ umgehe, sagte dazu der Abgeordnete Taschner.

Tierschützer demonstrierten Anfang Januar vor dem „Berliner Weihnachtscircus“

Der Circus Voyage stand in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik, weil dort Tiere auftreten. Anfang dieses Jahres hatten Tierschützer erneut vor dem Gelände demonstriert. Der Circus Voyage selbst betonte dagegen immer seine artgerechte Tierhaltung und erklärte Ende November auf Anfrage, dass in 25 Jahren keinerlei Verstöße festgestellt worden seien. Auch auf seiner Internetseite erklärt der Zirkus, dass es den Tieren gut gehe und diese „rund um die Uhr“ gepflegt werden. Man versuche, ihnen ein „arttypisches Leben“ zu ermöglichen.

Der Grünen-Abgeordnete Taschner sagte dagegen mit Blick auf die Mängel-Liste: „Das sind für mich unhaltbare Zustände.“ Zu den weiteren vom Veterinäramt dokumentierten Mängeln zählte unter anderem, dass die Elefanten eine unzureichende Hautpflege sowie schwache Muskulatur hatten, bei einigen Pferden war Letztere demnach ebenfalls „mangelhaft“. Pflege- und Behandlungsmaßnahmen wurden als nicht ausreichend dokumentiert beurteilt.

Zirkusdirektor Alois Spindler bezeichnet die Vorwürfe als Willkür

Zirkusdirektor Alois Spindler wies auch am Dienstag die Vorwürfe zurück. Er habe eine Tierärztin, die die Tiere untersuche und behandle und die auch in Spandau anwesend war. Die aufgelisteten Mängel nannte Spindler „totale Willkür“. Am 12. Dezember, als es die erste Kontrolle des Veterinäramts gegeben habe, sei ihnen noch mitgeteilt worden, dass alles in Ordnung sei.

Erst sieben ­Tage später, als eine zweite Kontrolle in Begleitung der Polizei stattfand, seien plötzlich die Mängel festgestellt worden. „Warum wurde der Zirkus nicht gleich dichtgemacht, wenn er solche Mängel hatte?“, so Spindler. Er sieht dahinter das Ziel der Politik, den Zirkus aus der Stadt zu vertreiben, sagte aber: „Ich werde nicht aufgeben, solange ich meine Tiere habe.“ Auch im nächsten Winter will der Zirkus nach Berlin kommen.

Der „Berliner Weihnachtscircus“ gastierte viele Jahre vor dem Olympiastadion, insgesamt 24-mal traten die Artisten dort mit ihren Tieren auf. Mit Verweis auf den Tierschutz hatte das Land Berlin bereits 2018 versucht, den Zirkus vorm Olympiastadion zu verbieten. Das Gericht entschied damals allerdings gegen das Land, verwies darauf, dass die Behörden in der Vergangenheit keine Verstöße gegen die tierschutzrechtlichen Anforderungen festgestellt hätten. Außerdem berief sich das Gericht auf die langjährige Praxis, die Fläche zur Verfügung zu stellen. 2019 fiel die Gerichtsentscheidung dann anders aus.

Hintergrund ist, dass das Land Berlin als Eigentümer des Parkplatzes am Olympiastadion Anfang des vergangenen Jahres vertraglich festgelegt hat, dass die Fläche nur als Parkplatz genutzt werden darf. Die Senatsverwaltung lehnte es daher ab, die Fläche für den Zirkus zur Verfügung zu stellen, dieser ging erfolglos dagegen vor. Er bezeichnete die Entscheidung auf seiner Internetseite als diskriminierend und „Schande“.

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