Neubau in Spandau

Neues Herz für die Siemens-Fertigung

Siemens nimmt eine 18,7 Millionen Euro teure Halle in Spandau in Betrieb. Der Neubau zeigt, wie in der Siemensstadt künftig gearbeitet werden soll.

Digitale Fertigung auf 12.000 Quadratmetern: Siemens baut und repariert in der neuen Halle Bauteile für Gasturbinen.

Digitale Fertigung auf 12.000 Quadratmetern: Siemens baut und repariert in der neuen Halle Bauteile für Gasturbinen.

Foto: Sven Darmer

Berlin. Die Bauteile, die Siemens in der neuen Halle am Nonnendamm in Spandau fertigt, sind derart empfindlich, dass sich Ralf Wunderlich am Freitagmittag zunächst Handschuhe überstreifen musste, bevor er das Wort ergriff. „Das ist das Herzstück unserer Gasturbine“, sagte Wunderlich und hielt eine sogenannte Gasturbinenschaufel in die Höhe. Siemens hat für die Komponente in der Siemensstadt gewissermaßen ein neues Zuhause geschaffen.

Für 18,7 Millionen Euro ist unweit der alten Siemensbahn eine neue Halle entstanden. Auf rund 12.000 Quadratmetern Grundfläche sollen in dem Neubau künftig Gasturbinenschaufeln gefertigt und wiederaufbereitet werden. Siemens selbst rechnet mit einem Durchlauf von bis zu 30.000 Teilen im Jahr.

In der neuen Halle arbeiten die 400 Mitarbeiter mit den etwa 150 Maschinen Hand in Hand. Laser, 3-D-Druck und automatisierte Verfahren sollen für eine noch höhere Genauigkeit sorgen. Vor allem aber führt der stärkere Automatisierungsgrad in der neuen Halle dazu, dass sich die Durchlaufzeiten verringern. In weniger Zeit können die Mitarbeiter also mehr Bauteile bearbeiten. „Die Produktivität wird erhöht. Am Ende ist das der Gewinn, der wir brauchen, um weiter investieren zu können“, sagte Siemens-Manager Wunderlich, der bei dem Konzernteil Gas and Power die Finanzen im Blick hat, bei der Eröffnungsfeier.

Die Gasturbinenschaufeln, die Siemens in Spandau produziert, sind vor allem für den Antrieb der großen Turbinen zuständig. Dabei müssen die Bauteile – bis zu 600 Stück können in einer Turbine verbaut sein – einiges aushalten. Während des Betriebs sind die Komponenten bis zu 1500 Grad Celsius ausgesetzt. Mitunter wirken Fliehkräfte von 400 Tonnen auf die unterarmgroßen Teile ein. „Das ist im Grunde so, als würden zwei Airbus-Langstreckenjets versuchen, das Ding aus seiner Fassung zu ziehen“, erklärte Wunderlich.

Die neue Fertigung werde Siemens dabei helfen, Eigenschaften der Gasturbinenschaufeln zu verbessern und die Lebensdauer zu verlängern. In dem umkämpften Markt erhofft sich der Konzern so auch Wettbewerbsvorteile. Zuletzt war die Nachfrage nach Gasturbinen aufgrund des Wandels im Energiemarkt weltweit gesunken. Das hatten auch die Mitarbeiter in Berlin zu spüren bekommen. Gleich mehrere Sparprogramme hatte der Konzern in den vergangenen Jahren für die Gasturbinen-Sparte auf den Weg gebracht. Die Investition in eine neue Halle und den Umbau der Fertigung hatten Arbeitnehmervertreter mit dem Konzern verhandelt, sagte der Siemens-Betriebsratschef für das Gasturbinenwerk, Günther Augustat. Die Inbetriebnahme des Neubaus bezeichnete Augustat am Freitag als gutes Zeichen. Etwa 100 Arbeitsplätze sind im Zuge dessen entstanden.

Die neu errichtete Fertigung zeigt auch, wie sich Siemens künftig die Fertigung auf dem neuen Innovationscampus vorstellt. Für das rund 600 Millionen Euro teure Großprojekt läuft derzeit der Architektenwettbewerb. Ende des Jahres sollen die Entwürfe ausgewertet, Anfang 2020 dann eine Entscheidung getroffen werden. Die Vorteile einer digitalisierten Fabrik liegen für den Forschungschef am Standort auf der Hand. Die Entwicklungsarbeit werde in der neuen Halle gewissermaßen am Ort der späteren Produktion erledigt, sagte Ingomar Kelbassa. „Die Innovationszyklen werden dadurch kürzer. Zum Teil sind wir zehnmal so schnell wie früher“, berichtete er.

„Ein Stück Genetik dieser Stadt“

Der Staatssekretär für Infrastrukturmodernisierung Frank Nägele (SPD), der Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) bei der Eröffnung vertrat, bezeichnete die Arbeit in der Halle als beispielhaft für die industrielle Zukunft Berlins. Tätigkeiten mit Künstlicher Intelligenz und 3-D-Druck würden aber auch künftig ohne den Menschen nicht möglich sein, betonte Nägele. Für die Siemens-Vertreter hatte er zwar keine Blumen dabei, aber warme Worte. „Siemens ist für uns mehr als ein großes Industrieunternehmen. Siemens ist ein Stück Genetik dieser Stadt“, sagte er mit Blick auf die Gründung des Konzerns 1847 in Berlin und auf die weiteren Pläne in der Siemensstadt.

Bis 2030 will das Unternehmen den Innovationscampus in dem Bezirk verwirklichen. Für die Beschäftigten in der neuen Fertigungshalle beginnt die Arbeit 4.0 bereits heute.